Mittwoch, 23. August 2017

 Der Europäische Gedenktag für die Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus

Programm:

Begrüßung: Dr. Richard Buchner, Vereinsvorsitzender des Gedenkstättenvereins, Grußwort: Präsidentin des Brandenburger Landtags Britta Stark; Grußwort: Ulrike Poppe, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur

Festvortrag „Phönix aus der Asche: Von der Kraft europäischer Erinnerungen an Stalinismus und Nationalismus
von Karl-Konrad Tschäpe, Kulturwissenschaftler - Osteuropakenner, Sohn des Potsdamer Bürgerrechtlers Dr. Rudolf Tschäpe

- Veranstaltung des Gedenkstättenvereins in Kooperation mit der "Fördergemeinschaft Lindenstraße 54"

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Nachdem das Europäische Parlament die Errichtung eines Gedenktages für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime in Europa im 20. Jahrhundert mit übergroßer Mehrheit seiner Abgeordneten gefordert hat, bestimmte die OSZE 2009 den 23. August zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und Stalinismus“. Der Gedenktag wurde 2008 in der „Prager Erklärung“ vorgeschlagen. Vaclav Havel und Joachim Gauck  gehören zu den Unterzeichnern der Erklärung.

Er wird seitdem vor allem in den ehemals von der Sowjetunion beherrschten Ländern begangen. In diesen Ländern war es bis 1989 verboten, an die Verbrechen des Kommunismus der Stalinära und danach zu erinnern. Auch das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus war von der herrschenden Partei vereinnahmt worden. Zivilgesellschaftliches Engagement war nicht erwünscht. So wurde 1983 eine Gedenkfeier Jugendlicher zur Erinnerung an die Zerstörung der Potsdamer Synagoge 1938 durch Polizei und Staatssicherheit gewaltsam aufgelöst.

In der Pressemitteilung des Europaparlamentes heißt es zum 23. August als Gedenktag: “ Die Erinnerung an die tragische Vergangenheit Europas müsse wach gehalten werden, um die Opfer zu ehren, die Täter zu verurteilen und die Fundamente für eine Aussöhnung auf der Grundlage von Wahrheit und Erinnerung zu legen. Ohne Erinnerung und Wahrheit könne es keine Aussöhnung geben. Der 23. August solle daher zum europaweiten Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime ausgerufen werden. Dieser Tag solle in Würde und unparteiisch begangen werden.“

eingesperrt

Hier findet man zum Anklicken eine PDF-Datei mit den Grußworten und Hauptvor-trägen zu den Europäischen Gedenktagen 2016 und 2017.

 

 

 

 

 

 

Grußwort der Landtagspräsidentin Britta Stark am 23.08.2017

Ich freue mich, dass Sie heute in die Gedenk- und Begegnungsstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam e.V. gekommen sind, um gemeinsam mit uns an die Opfer des Nationalsozialismus und an die Opfer des Stalinismus zu erinnern.

Hier an diesem Gedenkort im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Spionageabwehr, wo Männer, Frauen, Jugendliche gefangen gehalten wurden, monatelang verhört, misshandelt oder zum Tode verurteilt. Wir wollen die Opfer ehren und darüber nachdenken, was zu tun ist, damit so etwas nie wieder geschieht. Denn Gedenken darf nicht zum Symbol erstarren. Dann verliert es seinen Sinn.

Gedenken muss Haltung werden und handlungsleitend, eine Haltung, die durch Denken, Sprache und genaues Hinsehen auf das Geschehene wächst. Gedenken muss konkret und fassbar werden.

Der Nazidiktatur und dem Vernichtungsfeldzug, der von Deutschland ausging, folgte in Ostdeutschland die kommunistische Diktatur.

In der SED-Zeit war das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus von der Partei vereinnahmt worden. Partei-Ideologen behaupteten, dass mit dem Aufbau des Sozialismus in der DDR der Nationalsozialismus für immer überwunden sei. Und viele von uns haben das lange geglaubt. An die Verbrechen des Stalinismus und der Zeit danach zu erinnern und der Millionen Opfer kommunistischer Verbrechen zu gedenken, das war verboten und wurde bestraft.

Die friedliche Revolution 1989, der erste gelungene Aufstand gegen eine Diktatur in der deutschen Geschichte und Aufbruch zur Demokratie hat es möglich gemacht, diesen gesellschaftlichen Verdrängungsprozess zu überwinden.

Für uns in Deutschland, für uns in Europa ist das Gedenken und Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus und an die Opfer der kommunistischen Diktaturen etwas Notwendiges, wenn es darum geht, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Produktiv und handlungsleitend wird dieses europäische Gedenken und Erinnern, wenn mit den Gemeinsamkeiten auch die Unterschiede gewürdigt werden. Zwischen uns Deutschen und unseren europäischen Nachbarn besteht ein entscheidender Unterschied, der Teil unserer Geschichte ist:

Dass die Nazis Deutsche waren und dass sehr viele Deutsche Nazis waren, dass unbescholtene Bürger plötzlich zu unvorstellbaren Gräueltaten fähig waren.

Über Ausschwitz wächst kein Gras – auch nicht nach hundert Generationen. Erinnern und Gedenken ist für uns in Deutschland mit zwei beunruhigenden Fragen verbunden:

Warum konnte der Nationalsozialismus nicht verhindert werden? Und warum sind die Verbrechen gerade von Deutschland ausgegangen?

Auch wenn diese Fragen noch lange nicht beantwortet sind – die entscheidenden Triebfedern des nationalsozialistischen Völkermords können wir identifizieren: Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Ihre Gefährlichkeit für unser heutiges Europa dürfen wir nicht übersehen.

Ob uns diese Einsicht menschlicher macht und unsere Gesellschaft freundlicher und gerechter, das liegt in unserer Hand. Wir können aus der Vergangenheit lernen. Jeden Tag.

Weil das so ist, werden wir mit der Aufarbeitung niemals fertig. Die Wahrheit bekannt zu machen und in der Öffentlichkeit zu vertreten, das ist unsere Verantwortung.

Das sind wir den Opfern schuldig. Das sind wir uns selber schuldig und unserer freien und offenen Gesellschaft.

 

Gedenkstättenverein KGB-Gefängnis