Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr
Montags geschlossen

Eintritt frei

Gruppenführungen durch das ehemalige Gefängnisgebäude mit Dauerausstellung oder die ehemalige sowjetische Geheimdienststadt „Militärstädtchen Nr. 7“ in Potsdam bitte unter Tel. 0331-2011540 anmelden.

Spezialführungen durch Mitglieder unseres Vereins bitte bei Dr. Buchner 030-8012471 anmelden.



Literatur von Hans Günter Aurich: Und der Morgen (PDF) leuchtet in der Ferne, ebenfalls von Bodo Platt: Sobirai weschtschi! Pack deine Sachen! (PDF)

Dienstag, 23. August 2016
Europäischer Gedenktag für die Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus

Veranstaltung im ehemaligen KGB-Gefängnis Leistikowstrasse 1 14469 Potsdam


 

Rede von Wolfgang Templin

23. August 1939
Gedenken, Versöhnung und die Werte europäischer Politik

Heute an einem historisch bedeutsamen Tag, haben wir uns an einem historisch bedeutsamen Ort zusammengefunden, dem zentralen Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Militärischen Spionageabwehrdienstes auf dem Territorium der ehemaligen DDR. Der offizielle Name des Gebäudes, vor dem wir uns befinden, täuscht darüber hinweg, dass es bei den deutschen Inhaftierten dieses Gefängnisses und den später dort inhaftierten sowjetischen Militärangehörigen in der übergroßen Mehrzahl nicht um Spione, Diversanten oder NS-Täter ging. Es ging um um Jugendliche und Erwachsene, die wegen vermeintlichen oder tatsächlichen Widerstandes gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die mit ihr verbundenen Machtorgane der SBZ- und späteren DDR verhaftet, unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt, ohne die Möglichkeit der Verteidigung abgeurteilt wurden. Zu den Delikten, welcher die Verhafteten- häufig durch Denunziation- beschuldigt wurden, gehörte die angebliche Mitgliedschaft im Werwolf, das Schwänzen des obligatorischen Russisch-Unterrichtes, die Verbreitung politischer Witze aber auch die Verteilung von Flugblättern.

Die Urteile gingen bis hin zu Todesstrafen, die zum großen Teil auch vollstreckt wurden, zu langjährigen Haftstrafen oder zur Deportation nach Sibirien. Zu den Gefängnisschicksalen in der Leistikowstraße gibt es bis heute nur eine weithin unzureichende Materialgrundlage und Dokumentation. Die Schicksale an diesem Ort sind ein winziger Ausschnitt aus den Haft- und Leidensgeschichten deutscher Ableger des internationalen Gulag-Systems.

Wir wollen am 77. Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes der Opfer totalitärer Systeme insgesamt gedenken, totalitärer Systeme, deren unheilvolle Entwicklung das Antlitz des letzten Jahrhunderts mitprägte. Eine Zeit, welche als Jahrhundert der Lager, Jahrhundert der Extreme in die Geschichte eingeht.

Menschen aus den Ländern im östlichen Teil Europas, aus Polen, den baltischen Staaten, der Ukraine, welche die Schrecken des deutschen nationalsozialistischen Überfalls, der nachfolgenden nazistischen Vernichtungsmaschinerie und des Holocaust selbst erlebten oder als Teil ihrer Familiengeschichte mit sich trugen, sahen den 23. August seit Jahrzehnten als frühen Kulminationspunkt, der Verbindung nationalsozialistischen und sowjetkommunistischen Terrors. Sowjetische und Deutsche Besetzung, Deutsche und Sowjetische Besetzung und Okkupation, wie auch immer sich die Reihenfolge gestaltete, löschten ab 1939 die kurze eigene staatliche Souveränität aus, brachten Unterdrückung, Deportationen und Terror. Der militärische Sieg der sowjetischen Truppen über die deutsche Wehrmacht wurde zur Befreiung, der erneute Unterdrückung und Unfreiheit folgten. Neben dem 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung blieb der 23.August 1939, der den Klammergriff der Totalitarismen symbolisierte, im historischen Bewusstsein mittelosteuropäischer Nationen präsent. Die Auseinandersetzung damit und der Protest gegen das Jalta-Systems, welches einen ganzen Teil des europäischen Kontinents unter sowjetische Herrschaft und Kontrolle brachte, trugen Revolten, Aufstände, Dissidenz und Opposition und nicht zuletzt die politische Massenbewegung der polnischen Solidarnosc. Sie hielten bis zu den friedlichen Befreiungsrevolutionen des Jahres 1989 an. Die sechshundert Kilometer lange Menschenkette, welche am 23. August 1989, die drei baltischen Staaten verband, symbolisierte den ungebrochenen Freiheitswillen unterdrückter Völker.

Nach 1989 rissen die Bemühungen und Initiativen von Menschen aus diesen Ländern nicht ab, den 23. August als Erinnerungsdatum an die dunkelste, jüngste Vergangenheit festzuhalten.

Es waren die Jahre, die in die Wahrnehmung, das Bewusstsein vieler Westeuropäer als Osterweiterung der Europäischen Union eingingen. Für den Osteuropahistoriker Karl Schlögel geht es in dieser Zeit um viel mehr, eine Neukonstituierung Europas.

Die Frage nach dem Stellenwert des 23. August erreichte mit Verzögerung auch die Ebenen des Europarates und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), auf denen um Entschließungen dazu gerungen wurde. Im Jahre 2008 kam es zu einer Forderung des Europäischen Parlaments, den 23. August zum europaweiten Gedenktag an die Opfer aller totalitären und autoritären Regime zu erklären. Dem folgte eine „Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus". Im gleichen Jahr, zum 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes im August 2009, kam es zu einer Erklärung deutscher zivilgesellschaftlicher Akteure, Intellektueller und Politiker, an deren Entstehung ich selbst beteiligt war. Im Titel der Erklärung werden die historischen Entscheidungsjahre 1939 und 1989 miteinander verbunden:

„Das Jahr 1989 feiern, heißt auch, sich an 1939 erinnern"

Wir führen in dieser Erklärung aus:

„Ein freies und demokratisches Europa muss sich seiner Geschichte bewusst sein. Es braucht die Erinnerung an die kommunistische Ära und ihre Überwindung. Ein erster Schritt ist getan. Im April hat sich das Europäische Parlament erstmalig zu dieser Verantwortung bekannt. Dieser Weg ist weiter zu gehen. Europa braucht eine aktive verantwortungsbewusste Erinnerungskultur, die die nachwachsende Generation für neu aufkommende autoritäre und diktatorische Entwicklungen sensibilisiert"

Trotz des breiten intellektuellen und parteipolitischen Konsens, den die Unterzeichner der Erklärung ausdrücken, gab es zahlreiche Stimmen der Warnung und des Protestes gegen diese Positionen und ihre Konsequenzen.

Die Anwendung des Totalitarismusbegriffs für grundverschiedene politische Systeme, führe zu einer unzulässigen Gleichsetzung, drohe die Unterschiede zwischen ihnen einzuebnen und stelle die Singularität des Holocaust in Frage. Der Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes werde für einen erinnerungspolitischen Deutungskampf missbraucht. Diese Stimmen sind bis heute präsent, wirken in historische Debatten hinein und durchziehen die Auseinandersetzung um die Gedenkstättenkultur in Deutschland. Abwehr und Widerstände gegen die verschiedenen Formen der Totalitarismustheorie haben ihre eigene lange Geschichte. In den intellektuellen und politischen Diskursen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft galten der Begriff des Totalitarismus und darauf bezogene Konzepte lange Zeit als Domäne der politischen Rechten, als untaugliche politische Kampfinstrumente gegen die im Grundsatz progressive kommunistische Weltbewegung, die sich nur ihrer stalinistischen Schlacken entledigen müsse.

Das Beispiel von Richard Löwenthal, des bedeutenden sozialdemokratischen Politikers, Intellektuellen und Hochschullehrers, kann die Kurzschlüssigkeit solcher Urteile deutlich machen. Eine, von dem Zeithistoriker Mike Schmeitzner gestaltete Dokumentation des Gesprächskreis Geschichte der Friedrich Ebert Stiftung (Heft 96) stellt Leben und Wirken von Richard Löwenthal vor. Ich zitiere:

„Geprägt durch eigene bittere Erfahrungen mit dem Bolschewismus sowjetischer Prägung und dem Nationalsozialismus analysierte Löwenthal diese Ideologien scharfsinnig. Ohne die jeweils andere Diktatur zu bagatellisieren, zu relativieren oder sie miteinander gleichzusetzen, betonte er die besondere Dynamik von Nationalsozialismus und Bolschewismus, die er als totalitäre Revolutionen charakterisierte, um sie fundamental von den demokratischen Entwicklungen im Westen abzugrenzen." (Zitat Ende)

Die gleichen Lebenserfahrungen machten Löwenthal aber auch die Schwächen und die Angreifbarkeit der liberalen Demokratien des Westens bewusst, zu denen er sich letztlich bekannte.

Der 1908 in Berlin-Charlottenburg geborene Löwenthal entstammte einer bürgerlichen deutsch-jüdischen Familie.

Über seine Verwandtschaftsbeziehung zu einer anderen bedeutenden linken Intellektuellen und Totalitarismustheoretikerin Hannah Arendt, äußert er sich selbst:

„Die Mutter meines Vaters war eine geborene Arendt, eine Schwester des Königsberger Stadtrats diesen Namens, dessen Tochter Hannah Arendt war. Das habe ich erst jetzt, viele Jahre später herausbekommen, nachdem ich sie besser kennengelernt hatte. In der Familie ist offenbar das Interesse am Totalitarismus erblich".

Als Student an der Berliner Universität wird Löwenthal in den Krisenjahren der Weimarer Republik, Mitglied und schnell führender Funktionär der kommunistischen Studentenfraktion. Das Jahr 1929, welches die Moskau- gesteuerte KPD, mit einer zentral gegen die SPD gerichteten neuen Generallinie sieht – die Sozialdemokraten als Sozialfaschisten und damit entscheidende Gegner –führt zum ersten Bruch. Löwenthal tritt in die gerade gegründete KPD-Opposition ein und wird später Mitglied der Gruppe „Neu Beginnen". Ab 1935 findet er sich in Prag wieder, im Zentrum der sozialdemokratisch- sozialistischen Emigration.

Schriften aus dieser Zeit zeigen, wie sich sein Totalitarismusbegriff aus der Analyse der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Entwicklung des totalen Führerstaates, der Gleichschaltung aller Teile der deutschen Gesellschaft, bildet. Die zerstörerische Dynamik der nationalsozialistischen Bewegung, ihr Endziel einer total neu geformten, rassisch vereinheitlichten Volksgemeinschaft, lassen ihn von einer „totalitären Revolution" sprechen. Bei aller Kritik an den Herrschaftspraktiken und Säuberungsexzessen der Sowjetunion unter Stalin, sieht er dort diesen totalitären Charakter nicht und identifiziert sich mit dem Lenin des Jahres 1921,erklärt den grundlegend progressiven Charakter dieses Gesellschaftsexperimentes.

Für Löwenthals endgültige Desillusionierung und spätere theoretische Konsequenz, werden das Jahr 1939 und der Schock des Hitler-Stalin-Paktes entscheidend. In die Londoner Emigration gegangen, lernt er dort unter anderem Sebastian Haffner, Isaac Deutscher und George Orwell kennen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland und der Tätigkeit als Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin, wird Löwenthal zu einem der einflussreichsten Vordenker der SPD, früher Biograph von Ernst Reuter, Berater von Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Längst ist für ihn jede Verklärung und Verteidigung des sowjetischen Gesellschaftsexperiments unmöglich geworden, liegt für ihn der totalitäre Charakter Leninschen Denkens und bolschewistischer Herrschaftspraxis unabweisbar zu Tage. Eine Revolution von unten, die im dauerhaften Machtmonopol einer Partei mündet, für den utopischen Endzustand einer klassenlosen Gesellschaft, die physische Ausschaltung aller Klassenfeinde in Kauf nimmt, kann nur als totalitär bestimmt werden.

Löwenthal arbeitet auf dieser Grundlage die Gemeinsamkeiten beider totalitärer Systeme heraus, besteht weiter auf grundlegenden Unterschieden und lehnt, im Gegensatz zu seinem Berliner FU-Kollegen Ernst Nolte, scharf ab, aus der zeitlichen Parallelität der Verbrechen Hitlers und Stalins, eine kausale Beziehung zu folgern. Der Versuch Noltes im „Historikerstreit", die Untaten Hitlers als Folgereaktion auf die Untaten Stalins zu erklären, erscheint ihm absurd. Noch schärfer lehnt er die Vorstellung ab, Hitlers organisierte Vernichtung von Millionen Juden als eine Art Kopie sowjetischer Massenvernichtung zu betrachten. Hitlers Judenhass, der nationalsozialistische Welteroberungs- und Vernichtungswahn, haben eigene Wurzeln, die in die Tiefen und Untiefen der Deutschen Geschichte zurückreichen. Damit ist auch von der nicht in Frage zu stellenden Singularität des Holocaust auszugehen.

Jürgen Habermas, welcher über den Historikerstreit von 1988 hinaus, skeptisch gegenüber verschiedenen Spielarten der Totalitarismustheorie blieb, vollzog hier eine eigene Entwicklung. In einem vielbeachteten Beitrag für die Enquetekommission des Deutschen Bundestages, die sich der Auseinandersetzung mit der nächsten Diktatur auf deutschem Boden widmete, sprach er von der Chance und konstitutiven Bedeutung eines antitotalitären Konsens aller Demokraten.

„Die Europäische Idee. Aus dem Geist des Widerstandes" lautet der Titel eines im Jahre 2000 erschienen Suhrkamp-Bandes". Der Herausgeber versammelt darin Manifeste, Denkschriften und Konzepte, die in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurückreichen, vom Widerstand gegen die nationalsozialistische und kommunistische Bedrohung Zeugnis geben und die Gründerväter der späteren Europäischen Union inspirierten. Neben dem „nie wieder Krieg" einer künftigen europäischen Friedensordnung, stehen Freiheitsrechte, Werte der Demokratie und sozialer Ausgleich als Fundamente eines Neuanfangs. Anders als bei der verfehlten Nachkriegsordnung von 1918 und konfrontiert mit einer historisch einmaligen deutschen Kriegsschuld und Verbrechenlast, geht es um einen Weg, der den freien Teil Deutschlands in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückführt, die Bundesrepublik zum Partner europäischer demokratischer Neugestaltung werden lässt. Ausgleich und Versöhnung markieren hier ein Ziel, dass die realistische Erinnerung, die Erkenntnis und das Eingeständnis eigener Schuld und die darauf bauende Bereitschaft zur Vergebung, zur Voraussetzung hat.

Ohne die deutsch-französische Aussöhnung und Partnerschaft sind der Aufbau und die Ausgestaltung der Europäischen Gemeinschaft und der späteren europäischen Union nicht vorstellbar. Wir sehen die Gestalten von Konrad Adenauer und Charles De Gaulle, sehen die anderen mit diesem Aufbau- und Versöhnungswerk verbundenen europäischen Gründerväter, Staatsmänner und –Frauen, die Jahrestage, Begegnungen und symbolischen Gesten.

Was wir zu oft übersehen, sind die Neugestaltungs- und Versöhnungskräfte von unten, die zahllosen Menschen, welche sich der Last, der eigenen Vergangenheit stellten, ihre individuellen Konsequenzen zogen und die vorher unübersteigbaren Grenzen überwanden.

Gleichsam im Schatten der deutsch-französischen Annäherung und Versöhnung im freien Teil Europas, gab es die immer zahlreicheren Bemühungen und Initiativen, für eine künftige deutsch-polnische Versöhnung. Vielen Zeitgenossen und Beteiligten schien diese Aufgabe noch unlösbarer. In Polen hatte der nationalsozialistische Terror mit unvorstellbarer Grausamkeit gewütet, hatten die deutschen Architekten der Endlösung, Vernichtungslager errichtet. Die polnische Hauptstadt Warschau, ließ Adolf Hitler, von unbezwingbaren Freiheitswillen der Polen im Warschauer Aufstand getroffen, dem Erdboden gleichmachen. Nach dem Krieg mussten Millionen Deutsche dafür mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlen.

Freier Austausch und offene Grenzen, die Hilfestellung der Amerikaner beim Aufbau der Demokratie in der Bundesrepublik boten Chancen für Verständigung und Aussöhnung nach Richtung Westen, die der Eiserne Vorhang und für das dahinter liegende Polen und andere Länder im sowjetischen Machtbereich, mehr oder weniger versperrte. Dennoch gelang es, unter ungleich schwereren Bedingungen, bereits vor 1989 zahlreiche Schritte zu tun. Ich will an dieser Stelle nur die gesamtdeutsch wirkende Aktion Sühnezeichen, die zivile Unterstützung der Solidarnosc-Bewegung in den achtziger Jahren und den Kniefall Willy Brandts erwähnen.

Der Fall des Eisernen Vorhanges, der erfolgreiche Reformweg Polens und der anderen ehemaligen Ostblockstaaten, schufen endgültig die Voraussetzung für ein neues Miteinander, das Annäherung und Versöhnung einschloss.

In Deutschland aber zeigte sich, dass Erinnern und Versöhnen nicht auf Verdrängung und verkürzten Schuldzuweisungen aufbauen durften. Dem
„Hitler und die Seinen waren es. Wir anderen haben ja auch nur darunter gelitten", setzten Opfer, Betroffene und zunehmend auch Historiker eine andere Realität entgegen, die schmerzhaft war, die Familien auseinander bringen konnte und die Scheinruhe der Wirtschaftswunderjahre aufschreckte. Der akademischen Formel von der „heilsamen Kraft des Beschweigens", stellten sich immer mehr Nachwachsende mit dem Mut zur Wahrheit entgegen. In die junge Bundesrepublik zurückgekehrte Emigranten, sahen sich einer gar nicht schweigenden Mehrheit gegenüber und wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, den „Terror der Bombennächte" im bequemen Exil ausgesessen zu haben.

Eine Auseinandersetzung, die in der Bundesrepublik Jahrzehnte währte und sie in dieser Zeit zur Demokratie reifen ließ. Unter ungleich leichteren Bedingungen aber mit gar nicht so grundverschiedenen Mustern, spielte sich die Auseinandersetzung mit den Folgen der nächsten Diktatur auf deutschem Boden nach 1989 ab. Viele von Ihnen sind Zeugen und Beteiligte dieser Auseinandersetzung bis zum heutigen Tag.

Andere europäische Nationen, welche die Erinnerung an Fremdbestimmung, Okkupation und eigenen Widerstand hochhielten, sich zu Recht als Kriegsopfer sahen, mussten sich dem Problem der Kollaboration und der Mitschuld an der Vernichtung der europäischen Juden stellen. Die erst in den siebziger Jahren zur Europäischen Union hinzukommenden Länder Griechenland, Spanien und Portugal, waren mit ihren zurückliegenden Bürgerkriegen und Militärdiktaturen im Schatten der totalitären Großmächte konfrontiert.

Auf einer noch weiter zurückliegenden aber bis in die Gegenwart reichenden historischen Karte ist die Vergangenheit zahlreicher europäischer Demokratien als Imperien oder Kolonialmächte eingezeichnet. Jede der beteiligten Nationen tat sich mit der Aufarbeitung dieser Vergangenheit schwer, die auch zur Neudefinition der eigenen Rolle und Verantwortung gegenüber diesen Territorien zwingt

Kämen wir hier nicht im europäischen Krisenjahr 2016 zusammen, könnte ich meine Rede mit viel größerem Optimismus schließen.

Doch Nationalismus, Xenophobie, der Appell an nationale Egoismen und Alleingänge oder der Ruf nach Abschaffung der Europäischen Union werden immer lauter. Werden diese Bedrohungen, wenn sie sich verstärken, Europäerinnen und Europäer auf den Plan rufen, eingedenk der erinnerten Vergangenheit? Werden europäische Institutionen ihre Fähigkeit zu Widerstand und Innovation erweisen, nationale und europäische Politiker Konsequenz und Führungsstärke füreinander und nicht gegeneinander zeigen?

Wladimir Putin versucht, als Herrscher eines neoimperialen Russlands, eine Internationale europäischer und außereuropäischer Autokraten und Diktatoren zu schmieden; die in seinen Augen dekadente und zur Gegenwehr unfähige Europäische Union – ihre amerikanischen Verbündeten eingeschlossen, zu schwächen und ihr zunehmend die Regeln seines eigenen Spiels aufzuzwingen. In seinem Gegenmodell, werden über die Köpfe von Nachbarn und kleineren Nationen hinweg, imperiale Einfluss- und Herrschaftsgebiete abgesteckt, regiert das Recht des Stärkeren, sind Vereinbarungen und Verträge, nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Wem fällt hier nicht die Situation von 1939 ein?

Die Geschichte wiederholt sich nicht, historische Analogien, ob sie das Ende von Weimar, den Zerfall instabiler Demokratien, neue totalitäre Bedrohungen oder Kriegsszenarien betreffen, werden der modernen Realität nicht gerecht. Zu unserer Realität gehört die Existenz der Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Union, die mit der Attraktivität, von Freiheit, Demokratie und sozialem Ausgleich, entscheidenden Anteil daran hatte, dass die Epochenwende von 1989 zustande kam.

Diese Europäische Union steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Geschichte. Sie kann durch Egoismus, Schwäche, falsche Nachgiebigkeit, durch interessenbestimmte Anbiederung an Autokraten und Diktatoren der eigenen Kapitulation zutreiben. Sie kann aber auch zur Entschlossenheit finden, dem Rückfall in imperiale Großmachtpolitik zu widerstehen, die zivilen und politischen Kräfte, die ihre Stärke ausmachen zu mobilisieren und auf den Spielregeln eines neuen europäischen Miteinanders zu beharren. Dann wird sie auch ein Hoffnungszeichen, für all diejenigen bleiben, die jetzt noch ungewiss vor ihren Türen stehen.

 

Gedenkstättenverein KGB-Gefängnis