Trauer um DDR-Bürgerrechtler
Bob Bahra ist tot
Die Stadt hat einen beherzten und entschiedenen Bürger verloren.
Potsdam - Der Grafiker und DDR-Bürgerrechtler ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Er hatte sich in den vergangenen Jahren engagiert für die Aufarbeitung des DDR-Unrechts eingesetzt.
Trauer um Bob Bahra: Der Potsdamer Grafiker und DDR-Bürgerrecht-ler ist am Montag im Alter von 70 Jahren gestorben. Das teilte die Stadt am Mittwochnachmittag mit. Bürgermeister Burkhard Exner reagierte mit Bestürzung und Trauer auf die Nachricht: "Die Landeshauptstadt Potsdam hat einen beherzten und entschiedenen Bürger verloren."
In den vergangenen Jahren hat Bahra bei der Aufarbeitung von DDR-Unrecht mitgewirkt. Mit seinen oft herausfordernden Worten stieß er die Menschen in der Landeshauptstadt Potsdam zum Nachdenken und Handeln an. Zu seinen Ehren werde in der Gedenkstätte Lindenstraße für die Opfer politischer Gewalt im 20. Jahrhundert sowie auf der Internetseite www.foerder-gemeinschaft-lindenstrasse.de ein Kondolenzbuch ausliegen, so Exner. "
Bob Bahra war eine wichtige Stütze bei der Arbeit der Gedenkstätte Lindenstraße, als Zeitzeuge verdeutlichte er die Ausmaße und Absurdität des Verfolgungssystems in der DDR immer wieder anhand seiner Stasi-Akte", sagte Burkhard Exner und lobte Bahras Eintreten für Gerechtigkeit und gegen Verklärung von DDR-Biografien und Geschichte.
Bahra wurde 1968 wegen seines Protestes gegen die militärische Unterdrückung des Prager Frühlings zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in der Potsdamer Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes in der Lindenstraße und im Gefängnis Cottbus verbüßte. Denunziation durch Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit aus dem direkten Lebens- und Arbeitsumfeld Bahras hatten zur Verhaftung geführt. Später war Bahra Aktivist der Umweltgruppe ARGUS, gestaltete Umweltblätter und das Plakat zum 1. Potsdamer Pfingstbergfest.
Seit 2009 war er der Organisator des Potsdamer MauerVerLaufs, den er gemeinsam mit der Fördergemeinschaft "Lindenstraße 54" ins Leben gerufen hatte. Er setzte sich mit dem Verein Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte in Brandenburg außerdem erfolgreich dafür ein, die einzig erhaltenen Mauersegmente in der Stubenrauchstraße unter Denkmalschutz zu stellen. (PNN)
Potsdamer Neueste Nachrichten und Tagesspiegel am 11.04.2013 von Malte Lehming
Berlin braucht ein Denkmal für die Opfer des Kommunismus
In Prag, Moskau, Sofia und Budapest gibt es längst Orte, um an jene Verbrechen zu erinnern, die im Namen von Stalin und Konsorten begangen wurden. Doch in Berlin fehlt ein zentrales Denkmal für die Opfer des Kommunismus bis heute.
Es gibt ein Bild von Angela Merkel und Wladimir Putin vom vergangenen Montag in Hannover, dem die affekthascherische Wucht der halb nackten Frauen von Femen völlig fehlt. Deshalb wurde es wohl von keiner Zeitung abgedruckt. Das Bild entstand am frühen Morgen. Es zeigt die Deutsche und den Russen, wie sie am Ehrenfriedhof am Maschsee-Nordufer einen Kranz ablegen, um der Opfer der Nazi-Herrschaft zu gedenken.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, am 6. April 1945, hatte die Gestapo in Hannover 526 Kriegsgefangene und Insassen von Konzentrationslagern ermordet, darunter 154 Bürger der Sowjetunion. Sie hatten zuvor selbst ihre Gräber ausheben und sich in Viererreihen aufstellen müssen. Dann wurden sie durch Kopfschuss erschossen. Es war ein Verbrechen, das die Verbrechen vertuschen sollte. Es ist gut, dass Merkel und Putin daran erinnert haben.
Das Bild vom Maschsee sowie der Auftritt der Femen-Frauen, die den russischen Präsidenten in erster Linie zu amüsieren schienen, führt zu einer hypothetischen Frage: Wie wäre es, wenn Putin, wenn er mal wieder nach Berlin kommt, auch einen Kranz ablegen würde an einem zentralen Mahnmal für die Opfer des Kommunismus? Doch ein solches Mahnmal fehlt. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kommunismus in Europa ist der Kontinent von einer gesamteuropäischen Erinnerungskultur noch weit entfernt.
Gerade in Berlin, dem Brennpunkt des Kalten Krieges, fällt das besonders auf. Dominiert wird das Gedenken an die Kommunismus-Opfer von Verleugnung, Verengung und Zersplitterung. Im alten Westteil der Stadt, im Bezirk Tiergarten, steht das sowjetische Ehrenmal – in der Mitte der acht Meter hohe Rotarmist, eingerahmt von zwei sowjetischen T-34-Panzern (Verleugnung). Am Steinplatz in Charlottenburg wurde 1951 ein Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus aufgestellt. Auch in der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde steht ein kleiner Stein mit der verblichenen Inschrift „Den Opfern des Stalinismus“ (Verengung). Es gibt das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen und daneben die Maueropfer-Dokumentation an der Bernauer Straße (Zersplitterung).
Zentrale Orte des Gedenkens geben Aufschluss über den kollektiven Erinnerungsraum einer Gesellschaft. In Berlin zählen dazu die ermordeten Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen, demnächst kommen die bei Auslandseinsätzen getöteten Bundeswehrsoldaten hinzu sowie die Revolutionäre vom Herbst 1989.
In Prag, Moskau, Sofia und Budapest allerdings hat man längst auch Orte geschaffen, um an jene Verbrechen zu erinnern, die im Namen von Stalinismus und Kommunismus begangen wurden. Etwas Vergleichbares fordern rund 30 Gruppen, die sich in der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft zusammengeschlossen haben. Überlegt wird auch, die Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache entsprechend umzuwidmen.
Wie auch immer: Es ist höchste Zeit für die Debatte. Stalin und den Kommunismus in den Blick zu nehmen, bedeutet dabei keineswegs, Hitler und den Nationalsozialismus zu nivellieren. Die Angst vor diesem Missverständnis ist zählebig. Sie rührt noch aus der Zeit des Historikerstreits, ist aber unbegründet. Wer sie schürt, befördert eher das Verdrängen. In Russland wird Stalin – der Sieger über den Hitler-Faschismus – bis heute stärker verehrt als Michail Gorbatschow. An jedem 5. März, dem Todestag des Diktators, werden an dessen Grab an der Kremlmauer rote Nelken niedergelegt. Vizepremier Dimitri Rogosin will gar die Stadt Wolgograd wieder in Stalingrad zurücktaufen.
Der Historiker Götz Aly wirft nun den Opfern des Kommunismus, die einen zentralen Ort des Gedenkens in Berlin fordern, „besinnungslose Gedenkeritis“ vor. Man dürfe die Häftlinge von Hohenschönhausen mit denen des Archipel Gulag nicht in einem Atemzug nennen, sagt Aly.
Wirklich nicht? Am 27.Mai 1950 rief Erich Honecker auf dem ersten Deutschlandtreffen der Jugend aus: „Es lebe der Bannerträger des Friedens und Fortschritts in der Welt, der beste Freund des deutschen Volkes, Josef Wissarionowitsch Stalin – hurra!“
Potsdamer Neueste Nachrichten 20.08.12
Leistikowstraße: Reich zum Rücktritt aufgefordert Kritiker drängen auf Zeitplan zur Überarbeitung der Dauerausstellung im ehemaligen KGB-Gefängnis
von Jana Haase
Nauener Vorstadt - Verhärtete Fronten beim Streit um die Gedenkstätte KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße: Eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde mit Kritikern und Verantwortlichen für die im April eröffnete Dauerausstellung blieb am Freitagabend ohne Ergebnis. Eingeladen hatte der Gedenkstättenverein, die Moderation übernahm Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums an der Uni Potsdam. Wie hoch die Erwartungen waren, zeigte der Besucherandrang: Mit mehr als 70 Zuhörern war der Foyer-Raum voll.
Die Fronten blieben verhärtet. Die Kritiker – vertreten durch Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Leistikowstraße, die FDP-Landtagsabgeordnete Linda Teuteberg und die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld (CDU) – forderten einen Fahrplan für die in ihren Augen dringend nötige grundlegende Überarbeitung der Ausstellung. Dagegen halten Gedenkstättenleiterin Ines Reich und Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt als Vorsitzender des Kuratoriums der Gedenkstätte eine solche Überarbeitung weiterhin für nicht notwendig. Mit dieser Haltung sorgten sie am Freitag bei Opfervertretern für Empörung und Unverständnis. Knabe warf Reich vor, sich der Zusammenarbeit mit Zeitzeugen und Ehrenamtlern zu verschließen. Zugleich stellte er ihre Kompetenz als Leiterin in Frage. Der Leiter einer Gedenkstätte müsse zuhören und integrieren können, sagte Knabe: „Er muss den Zeitzeugen das Gefühl geben, das ist ihr Haus. Wenn ein Leiter das nicht kann, dann ist er an der falschen Stelle.“ Auf die indirekte Rücktrittsforderung reagierte Reich nicht.
Dass es eine ganze Reihe von Potsdamern gibt, die die Dauerausstellung nicht als „ihr Haus“ begreifen, war spätestens bei der Eröffnung im April deutlich geworden: Mit einer Menschenkette protestierten die Gegner, unter anderem weil sie die Leiden der früheren Häftlinge in der Schau nicht ausreichend gewürdigt sehen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) waren den Kritikern mit einem Gesprächsangebot entgegengekommen.
Getan hat sich seitdem aber offenbar nichts. Dabei wiegen die Vorwürfe gegen die unter Ines Reich entwickelte Dauerausstellung schwer: Von einer Verharmlosung von Terror und der Gewalt im Namen kommunistischer Regime spricht Hubertus Knabe. Vera Lengsfeld wirft der Schau Geschichtsfälschung vor. Und Linda Teuteberg vermisst den Mut, „Unrecht als Unrecht zu benennen“ und ein klares Bekenntnis zu den Werten der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Das machen die Kritiker etwa an den Ausstellungstexten fest. Die seien einerseits zu kompliziert – Knabe führte als Beispiele die unkommentierte Verwendung von Begriffen wie „Repatriant“ und „Tschekist“ an. Noch schwerer der zweite Vorwurf: Mit den gewählten Formulierungen würden „die Dinge verräterisch verharmlost“. Ein Beispiel hierfür: Der Satz „Gewalt war ihnen nicht fremd“ über die sowjetische Geheimpolizei Tscheka. „Die Tschekisten haben Menschen tyrannisiert, um die kommunistische Diktatur durchzusetzen“, stellt Knabe klar. Die Kritiker bemängeln zudem fehlende Informationen zum sowjetischen Gulag-System und zum Widerstand in der SBZ/ DDR, einen zu starken Schwerpunkt auf die Täter und den fehlenden Charakter als Begegnungsstätte.
Gedenkstättenleiterin Reich wehrte sich gegen die Vorwürfe: Wegen fehlender Gelder werde die Ausstellung erst in einer zweiten Projektphase um die Themen Widerstand und Gulag-System erweitert. Ein Programm mit Führungen von Zeitzeugen gebe es bereits – dabei ist laut Programmflyer bis Jahresende keine solche Führung mehr vorgesehen. Martin Gorholt verteidigte die Ausstellung als „sehr gut“ und warf den Kritikern Polemik vor. Auch wenn die Ausstellung in Einzelpunkten geändert werden solle, müsse es nun besonders um die Erarbeitung eines Konzepts für die Arbeit mit Schülern gehen. Einen Konsens im Gedenkstättenstreit halte er derzeit nicht für möglich. Das sahen nicht nur die Kritiker, sondern auch Moderator Schoeps anders: „Es ist wichtig, dass eine solche Debatte geführt wird.“
Märkische Allgemeine 20.08.12
Korrekturen in der Leistikowstraße
Ausstellung im ehemaligen KGB-Gefängnis soll überarbeitet werden – allerdings nicht grundlegend
Von Nadine Fabian
Die umstrittene Ausstellung im einstigen KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße wird überarbeitet. Das teilte Staatssekretär Martin Gorholt (SPD) bei einer Podiumsdiskussion am Freitagabend mit. „Es geht aber nicht um eine grundlegende Überarbeitung“, sagte Gorholt. „Diese lehnen wir als Kuratorium ab und halten sie nicht für nötig.“
Zu der Aussprache hatten die Vereine „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam“ und „Memorial Deutschland“ geladen. Noch bevor in der Gedenkstätte im April die Dauerausstellung eröffnet wurde, hatten Opferverbände und Aufarbeitungsinitiativen das Konzept als unseriös und einseitig kritisiert. Zeitzeugen beklagen, dass sie in die Arbeit der Gedenkstätte nicht genügend einbezogen werden und dass an das Leid der Opfer nicht angemessen erinnert werde. Der Streit zwischen Opfern stalinistischer Gewalt und der Gedenkstättenleitung hält seither an.
Die geplanten Korrekturen scheinen zumindest ein kleiner Schritt in Richtung Annäherung zu sein. Wie fern aber eine Einigung ist, zeigte das von Julius Schoeps moderierte Gespräch. Der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums betonte, dass Streit stets befruchte: „Es ist viel schlimmer, wenn überhaupt nicht geredet wird.“ An der Debatte nahmen neben Gorholt, der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe, die DDR-Oppositionelle Vera Lengsfeld, die FDP-Landtagsabgeordnete Linda Teuteberg und die Leiterin der Gedenkstätte Ines Reich teil. Auch wenn die Debatte ruhig und sachlich verlief – Reich wurde erneut harsch angegriffen. Kritik hagelte es sowohl aus dem Podium als auch aus den Zuhörerreihen. So warf ihr Dirk Jungnickel, zweiter Vorsitzender der Gedenkstätten-kritischen Zeitzeugeninitiative, wissenschaftliches Versagen vor. Die Ausstellung sei weichgespült, politische Aufklärung finde nicht statt. Der Ort sei zudem kühl und unemotional: „Dies ist für mich keine Gedenkstätte.“
Auch Knabe ging mit Reich hart ins Gericht. „Ein Leiter eines solchen Hauses muss zuhören, das Wesentliche aufnehmen und integrieren können. Wenn ein Leiter das nicht kann, dann ist er an der falschen Stelle.“ Er forderte, die Ausstellung grundlegend zu überarbeiten. So finde sich im gesamten Haus kein einziges Mal das Wort Kommunismus. Zudem sei die Sprache kompliziert und mit Worten gespickt, die nur wenige – sicher keine Jugendlichen – verstünden. „Diese Sprache ist verräterisch.“ Sie diene dazu, zu neutralisieren und zu verharmlosen. Die Dinge seien jedoch zu benennen, wie sie waren: „Hier sind Menschen tyrannisiert worden, um eine Diktatur durchzusetzen: und zwar eine kommunistische.“
Vera Lengsfeld warf der Gedenkstätte gar Geschichtsfälschung vor. Linda Teuteberg meinte indes, dass die Schau ihren Zweck, an das Leid zu erinnern und die Besucher zu informieren, „voll umfänglich“ erfülle. Dennoch halte sie Ergänzungen für sinnvoll. Ines Reich konterte die Kritik. Sie freue sich über die Runde: „Viele Augen, die auf einen Ort schauen, machen das Bild bunter.“
Gorholt überraschte seine Mitredner mit dem Bekenntnis, dass er und das Kuratorium die Ausstellung „inzwischen für eine sehr gute“ halten. Zum einen hätten ihm ehemalige Häftlinge gesagt, dass sie sich darin gut wiederfinden. Zum anderen würde sie umfassend informieren. Dennoch sei mit dem Ministerium vereinbart, dass „Dinge geändert“ werden. So seien Informationen über das Gulag-System und Widerstandsgruppen zu ergänzen.
Reich erklärte, dass tatsächlich drei wichtige – aber fest geplante – Elemente fehlen: die geforderte Gulag-Dokumentation, ein Modell von Haus und Umkreis sowie ein Buch mit den Namen der identifizierten Häftlinge. Bisher war laut Reich dafür kein Geld da.
Interview der Redaktion "Stacheldraht" mit Bodo Platt, Sprecher der Zeitzeugeninitiative Ehemaliges KGB-Gefängnis Leistikowstraße (Ausg. 04.2012)
Bodo Platt: 1930 in Görlitz geboren, dort im Mai 1948 verhaftet und verlegt in das Gefängnis Potsdam-Leistikowstraße; wegen angeblicher Spionage und Zugehörigkeit zu einer faschistischen Organisation zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt; November 1948 bis November 1949 Lager Sachsenhausen, dann Deportation nach lnta/Sowjetunion, Arbeit im Kohlebergbau, 1956 Entlassung; bis zur Pensionierung Realschuldirektor in der Bundesrepublik; verfasste über die Zeit seiner Gefangenschaft die Erinnerungsschrift „ Sobirai weschtschi! — Pack deine Sachen! “; seit 2005 Zeitzeugenarbeit
Stacheldraht: Die Zeitzeugeninitiative kritisiert das Ergebnis der dreijährigen Umgestaltung der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, die am 18. April in Potsdam neu eröffnet wurde. Haben Sie Ihre Einwände bereits während der Erarbeitung vorgebracht?
Platt: Ich wurde für die Zeitzeugen in den Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten berufen. Dort habe ich die ganze Entwicklung miterlebt, vor allem die Erstellung der Ausstellungstexte durch die Leiterin, Frau Dr. Reich. Der Einspruch von Beiratsmitgliedern, auch von mir, hat zu insgesamt vier Textfassungen geführt. Aber wenn heute behauptet wird, es hätte mit den Zeitzeugen eine einvernehmliche Zusammenarbeit gegeben, ist das einfach unrichtig. Während des lnterimsbetriebes durften nicht einmal mehr die Erinnerungsberichte von Zeitzeugen und die Dokumentation „Von Potsdam nach Workuta“ ausliegen. Wir haben so gut wie nichts ausrichten können.
Stacheldraht: Was ist Ihrer Meinung nach in der Ausstellung falsch oder falsch gewichtet?
Platt: Es ergibt sich der Eindruck, dass die Texte aus einer historischen Sicht geschrieben wurden, die eher marxistischer Geschichtsauffassung entspricht. Es ist eine Auswahl, auch an Dokumenten, die den KGB als ganz normale Spionageabwehr der sowjetischen Armee erscheinen lässt. Immer im Kontext der Verdienste dieser Armee beim Kampf gegen den Nationalsozialismus. So erscheint, was später in der SBZ passiert ist, die Massenverhaftungen und auch die Geschehnisse im Potsdamer KGB-Gefängnis, lediglich als Kollateralschaden. Der KGB als politische Geheimpolizei wird kaum dargestellt.
Stacheldraht: Ist Ihres Erachtens nur die Darstellung falsch oder fehlen auch Themen?
Platt: Das hängt beides zusammen. Die Häftlingsschicksale und die schlimmen Zustände im Gefängnis sind nicht deutlich herausgearbeitet, der Jugendwiderstand damals und das Thema GULag sind völlig ausgeklammert.
Stacheldraht: Unterschätzen Sie nicht die Fähigkeit von Besuchern der Ausstellung, sich mit der Materie auseinanderzusetzen?
Platt: Ich denke nicht. Frau Dr. Reich hat nach unseren Interventionen ja durchaus, vor allem in den sogenannten begleitenden historischen Texten, Änderungen zum Positiven vorgenommen. Aber das alles ist so umfangreich, so überfrachtet. Da werden sich zum Beispiel jugendliche Besucher kaum zurechtfinden. Sie werden eher irritiert das Haus verlassen und sich fragen, was damals eigentlich geschehen ist. Waren das alles zu Recht verurteilte Spione oder sind es unschuldige Menschen gewesen, die unter barbarischen Verhältnissen zu irrsinnigen Strafen verurteilt und nach Russland transportiert wurden?
Stacheldraht: Wie beurteilen Sie die Präsentation des Gebäudes nach der Fertigstellung?
Platt: Auch das sehe ich kritisch. Man hat die Kellerfenster aufgebrochen, so dass die Dunkelzellen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Wirkung wahrgenommen werden können. Einzelne Zellen sind völlig geschlossen, und vor allem ein ganz wichtiger Kellertrakt, die eine Seite des Kellers, auf der sich die schlimmsten Zellen dieses KGB-Gefängnisses zu unserer Zeit befanden, ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Als Argument wird genannt, dass ein zweiter Fluchtweg fehle, und die schlechte Stabilität des Hauses einen Durchbruch nicht erlaube. Das ist einfach nicht überzeugend, es hätte sicher eine Möglichkeit gegeben.
Stacheldraht: Bei der Eröffnung am 18. April gab es für die Kritiker Signale aus der Politik, die Anlass zur Hoffnung geben.
Platt: Uns hat sehr positiv berührt, wie Ministerpräsident Platzeck und auch Kulturstaatsminister Neumann zum Ausdruck gebracht haben, dass die Erfahrungen der Zeitzeugen stärker eingebracht werden müssten. Man könne diese Menschen nicht außen vor lassen. Beide waren auch bei unserer Pressekonferenz in der Villa Quandt zugegen. Dafür waren wir sehr dankbar. Ende Juni soll nun noch einmal eine gemeinsame Begehung im KGB-Gefängnis stattfinden, wo wir unsere Kritik dann auch erläutern werden.
Stacheldraht: Frau Dr. Reich hat sich Medien gegenüber geäußert, ihr Ziel sei ein modernes zeithistorisches Museum gewesen, andere hätten eher ein Mahnmal gewünscht Lehnen die Zeitzeugen wirklich eine wissenschaftliche Forschung ab?
Platt: Überhaupt nicht. Wir haben nichts gegen die Erforschung dieser Zeit. Nur fordern wir entschieden, dass die Verbrechen des KGB in der SBZ und später in der DDR, seine Menschenrechtsverletzungen und Pogrome in der Sowjetunion seit Bestehen der Tscheka nicht beschönigt und in diesem Kontext die Massenverhaftungen in der SBZ, die zehn Speziallager mit Zehn-tausenden willkürlich Verhafteter und Opfer nichtverschwiegen werden. Die Texte der Ausstellung geben z.B. die brutalen Verhörmethoden nicht wieder, sondern in mitunter fast idyllischen Szenen werden die Untersuchungsrichter als verständnisvolle Biedermänner dargestellt. Solche Texte haben mit der damaligen Realität überhaupt nichts zu tun. Das ist bewusste Täuschung und Verharmlosung. Wir wollen eine Gedenkstätte und kein den KGB verherrlichendes Museum. Eigentlich hatte ich diese acht Jahre meiner Gefangenschaft in mein Leben gut integriert und manches aus der Zeit sogar als wichtige Erfahrung nutzen können, z.B. das Kennenlernen der russischen Sprache und die Begegnung mit der klassischen russischen Literatur. Aber wenn man sich ständig mit Versuchen auseinandersetzen muss, die Vergangenheit zu verharmlosen, dann fordert das meinen Widerstand und Protest heraus.
Stacheldraht: Vielen Dank, Herr Platt.
Über den Widerstand gegen die Verharmlosung der Terrorgeschichte im ehemaligen KGB-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße habe ich auf der Achse schon berichtet. Nun war ich neugierig, wie die Ausstellung insgesamt aussieht und machte mich erneut auf nach Potsdam.
Eigentlich hatten wir an einer Führung teilnehmen wollen, aber unsere Anmeldung zwei Tage zuvor war als zu kurzfristig abgelehnt worden. Öffentliche Führungen für Einzelpersonen gibt es sowieso nicht, Gruppenführungen kosten 59 Euro, auch wenn es nur zwei oder drei Interessenten gibt.
Empfangen werden wir von einem freundlichen Mitarbeiter der Security- Firma, die das Gebäude bewacht. Offenbar hat sie auch den Kartenverkauf übernommen. Nicht eine auskunftsfähige Person ist an diesem Sonntag in Sicht. Die Besucher sind mit der Ausstellung allein.
Am Kassentresen kann man einen Flyer über „Das sowjetische Militärstädtchen Nr. 7“ gegen eine Spende an die Stiftung erwerben. Seltsam: „Militärstädtchen“ ist der Jargon der SED-Genossen. Eigentlich sollte sich hier eine Gedenkstätte für die Inhaftierten des KGB-Gefängnisses befinden. Auf der Internetseite wird als Stiftungszweck ausdrücklich genannt, dass „im ehemaligen sowjetischen Militärgefängnis geschehene Unrecht und an die Opfer“ erinnert werden soll. Opfer im „Militärstädtchen“? Im Stiftungs- Flyer weist kaum etwas auf sie hin. Stattdessen ist ausführlich von den Spionageabwehraufgaben der Sowjets die Rede. Kein Wort vom Terror, der hier an Unschuldigen verübt wurde.
Schon in der Eingangshalle geht die Verharmlosung los. In einer Vitrine wird summarisch auf das Schicksal des Gulag- Häftlings Peter Seele hingewiesen. Ins Auge fällt ein Foto, auf dem Seele im Entlassungslager Fußball spielt. Da kann doch alles nicht so schlimm gewesen sein? Dieser Eindruck soll offenbar beim Besucher erzeugt werden. Wie ein roter Faden zieht sich die Verharmlosung durch die gesamte Präsentation.
Schon auf dem Hof, wo auf die Fundamente der Freigangszellen verwiesen wird, fehlt der Hinweis, dass es Freigang für die Gefangenen bis 1952 nicht gab.
In einem der ersten Ausstellungsräume findet sich eine Ausführliche Darstellung der Tätigkeit der Brandenburgischen Frauenhilfe. Als Referenz an die Eigentümer, die ihr Haus als Gedenkstätte zur Verfügung gestellt haben, ist das durchaus akzeptabel. Allerdings wird an vielen anderen Stellen immer wieder auf die Nutzung durch die Brandenburgische Frauenhilfe verwiesen, oft an erster Stelle, was den eigentlichen Zweck der Gedenkstätte verdeckt.
Es ist dem langjährigen, hartnäckigen Kampf der Zeitzeugeninitiative zu verdanken, dass im Erdgeschoß ausführlich ehemalige Häftlinge in Interviews zu Wort kommen. Allerdings ist der ursprüngliche Charakter der Zellen kaum noch zu erkennen, denn die Verdunkelungen der Zellenfenster wurden entfernt. Zwar findet man in Zelle zehn eine Skizze des ehemaligen Gefangenen Martin, wie diese Verdunkelungen ausgesehen haben. Einen Eindruck, was sie bewirkt haben, bekommt der Besucher allerdings nicht. Dazu trägt auch die unprofessionelle Beleuchtung bei, die bewirkt, dass die Zellen viel zu freundlich aussehen.
In Zelle 11 hängt ganz deplaziert eine sowjetische Soldatenbluse aus den 70er Jahren und bleibt dem Betrachter prominent in Erinnerung. Weniger im Gedächtnis bleibt dagegen die Schilderung der Haftbedingungen der 40er/50er Jahre in diesem Raum. Schon mit der Satzstellung: „Toilettenpapier, Kämme, Hygieneartikel“...usw. „gab es ebenso wenig“, versucht abzumildern, was sich hier abgespielt hat. Die Häftlinge mussten sich Stoffstreifen aus ihrer Kleidung reißen, um sich nach der Benutzung des offenen Kübels zu säubern. Diese Stofffetzen versuchten sie, immer wieder zu waschen, oft mit Resten ihres täglichen Getränks.
Weiter ist von „wenig nahrhaften Brot“ die Rede, ein Euphemismus für das klatschnasse Schwarzbrot, das hier in so geringen Mengen ausgeteilt wurde, dass die Häftlinge permanent quälenden Hunger litten.
Im ehemaligen Wachraum wird auf die Freigangszellen verwiesen. Erst ganz weit untern im Text wird informiert, dass es Freigang in den ersten Jahren gar nicht gab. Dagegen wird von einem „Toiletten-, und Waschtrakt“ berichtet, der sich seit 1948 im Hof befunden haben soll, an den sich die Gefangenen dieser Jahre aber nicht erinnern können. Deshalb wohl der Zusatz, vielen Gefangenen wäre die Nutzung verwehrt geblieben. Ein unkundiger Besucher kann eine solche Information nicht einordnen.
Ein ähnliches Verwirrspiel findet im „Sanitärraum“ im ersten Stock statt. Besucher, die genügend Geduld aufbringen, sich durch die Informationen zur Frauenhilfe, die in diesem Raum dereinst ihren „Boten“ verpackt haben soll, zu lesen,erfahren, dass die Duschen, die es ab den 70er Jahren für die Gefangenen gab, dem „Standart der sowjetischen Kasernen“ entsprochen haben. Beim Besucher bleibt hängen, dass, so schlimm alles war, die Sowjet-Soldaten es auch nicht besser hatten. Immer wieder wird die „Nutzungsgeschichte“ eines Raumes der Erläuterung, wozu er dem KGB diente, voran gestellt. Dann bleibt kein Platz mehr für Erklärungen, was z. b. Isolationshaft bedeutet, oder für Erlebnisberichte z. b. aus den Einzelzellen. Statt Hinweise auf den Gulag findet man immer wieder Verweise auf Festschriften und sonstige Aktivitäten der Frauenhilfe.
Bei der Dokumentation von Häftlingsschicksalen im Obergeschoß überwiegen die Darstellungen von NS-Verbrechern, Kriminellen, Menschen, die tatsächlich „Spionagedelikte“, wenn auch nur im weitesten Sinne, begangen haben. Als besonders skandalös empfinde ich, dass in einer Vitrine das Schicksal einer vom KGB verfolgten sowjetischen Jüdin neben das Schicksal eines KZ-Kapos, der wegen seiner Verbrechen an Häftlingen einsaß, dokumentiert wird. Hinweise auf die zu Unrecht Verfolgten findet man nur versteckt. So werden die zum Tode verurteilten Schüler, die den Russisch- unterricht geschwänzt hatten, nur am Rande erwähnt. Es werden fast nur Überlebende dokumentiert. Dem Schicksal der zum Tode Verurteilten wird kein eigener Raum gewidmet, wie es bei den Inhaftierten der 70er Jahre, die wegen krimineller Delikte, wie Diebstahl, einsaßen, der Fall ist. Ein Hinweis auf das Gulag- System, in das die meisten Gefangenen verbracht wurden, fehlt völlig. Eine regelrechte Geschichtsfälschung stellt die Tafel „Häftlinge von 1945-1947“ dar. Die Aufzählung suggeriert, es wären überwiegend Nazi-, und Kriegsverbrecher verhaftet worden, daneben Spione und höchstens aus „übersteigerter Angst“ könnten eventuell Unschuldige in die Fänge der sowjetischen Geheimpolizei geraten sein. Das stellt die Tatsachen auf den Kopf und verschweigt die massenhafte Inhaftierung und Verurteilung von Unschuldigen. Schließlich sind über 80% der ehemaligen Insassen der Leistikowstraße rehabilitiert worden. Kurz, in der Anlage der Präsentation soll der Eindruck erweckt werden, hier hätten überwiegend Menschen gesessen, die zu Recht verhaftet wurden.
Eine Geschichtsfälschung ist auch die Präsentation in den Vernehmerzimmern. Die ausführlich dokumentierten Fallbeispiele des Überläufers Goldfarb betreffen nur Kriegsverbrecher und wirkliche Spione, keine einzigen Unschuldigen. Obwohl auf die mangelnde Glaubwürdigkeit der Aussagen von Goldfarb verwiesen wird, bleibt die Frage, wieso ein zweifelhafter Zeuge so ausführlich zu Wort kommt.
Grotesk sind auch die dokumentierten Erinnerungen an die Vernehmer. In drei von vier Beispielen waren die Vernehmer „eigentlich ganz nett“, „jovial“, wirkten „wie ein Lehrer“, gestatteten Blicke auf das sich färbende Herbstlaub. Bei so viel Idylle fragt sich der Besucher, wieso, nach Aussage des Dolmetschers Goldfarb, die sowjetische Geheimpolizei eigentlich jedes Geständnis bekam, das sie sich wünschte. Nur in einem Fall wurden Schläge des Vernehmers dokumentiert. Kein Hinwies auf die Verhaftungs-, und Geständnisquoten, die von den Vernehmern zu erfüllen waren. Kein Hinweis auf die Biografien von Bodo Platt und Hergart Wilmanns, oder die umfangreiche Zeitzeugendokumentation, die authentische Berichte über die perfiden Verhörpraktiken enthalten. Um die Desorientierung des Besuchers vollständig zu machen, werden Verhörpraktiken und Spionageabwehr kräftig vermengt. Unterschwellige Botschaft: was hier geschah diente dem legitimen Sicherheitsinteresse der Sowjets.
Zur Abrundung des Bildes sei erwähnt, dass der einzig authentisch erhaltene Kellerteil , wo die Besucher Zellen sehen könnten, wie sie tatsächlich waren, gesperrt ist, angeblich, weil es nicht möglich gewesen sein soll, einen vom Brandschutz geforderten zweiten Notausgang anzulegen. Jeder Laie kann sehen, dass dies nicht zutrifft. Es ist wohl eher so, dass die Besucher von diesem Anblick fern gehalten werden sollen.
Fazit: Schon die erste Prüfung zeigt, dass die Präsentation der Ausstellung mit Wissenschaftlichkeit nur insofern zu tun hat, als man sie im marxistischen Sinne verstehen will als Mittel, die Wirklichkeit zu verdecken. Frau Dr. Reich hat ganz im Sinne des kommunistischen Propagandisten Willy Münzeberg gewirkt, mit Halbwahrheiten einen gewünschten Eindruck zu erzielen. Allerdings steht dieser Eindruck im klaren Gegensatz zum Stiftungsauftrag und stellt eine Verharmlosung des Terrors dar.
POTSDAM / SANSSOUCI - Das Requiem von Anna Achmatowa kam am Sonntagnachmittag in der Friedenskirche als Nachklang zur stark beachteten Ausstellungseröffnung im ehemaligen KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße zur Aufführung. Olga Danilowa las die russischen Originaltexte, Franziska Buchner trug jeweils die deutsche Nachdichtung von Ludolf Müller vor. Matthias Jacob begleitete die Lesung mit passenden Werken von Sergej Rachmaninow, Oliver Messiaen und Felix Mendelssohn Bartholdy.
Die Lyrikerin Anna Achmatowa (1889–1966) schildert das Leiden ihres Volkes unter der Schreckensherrschaft Stalins. Der Text ist nah an der Realität aber so einfühlsam, wie nur der schreiben kann, dem das geschriebene Wort seit Kindheitstagen ein vertrautes Instrument ist. Leiden und Verzweiflung haben ihr nicht die Kraft genommen. Lew Kopelew schrieb über Achmatowa: „Ich sah und hörte eine Kaiserin der Poesie, eine rechtmäßige Monarchin, so ungekünstelt einfach, weil sie keine Selbstbestätigung brauchte.“
Die 1889 in der Nähe von Odessa geborene Achmatowa studierte Literaturgeschichte und schrieb Gedichte. Unter Stalin wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erlebte die Repressalien des totalitären Staates am eigenen Leib. Freunde, gute Bekannte, schließlich auch ihr Ehemann und der gemeinsame Sohn kamen für viele Jahre in Gefängnis- und Lagerhaft. Mit ihrem Requiem hat sie der Angst um das, was man liebt, eine Stimme gegeben. Dem Leiden der vielen Hinterbliebenen, den Millionen von geknechteten und ermordeten Inhaftierten des Gulag hat sie so ein Denkmal gesetzt.
Die von Jacob ausgewählte Musik untermauerte das gelesene Wort kongenial. Rachmaninows cis-Moll-Prelúde, das am Klavier sonst überstrapaziert wird, erhielt in der Übertragung auf die Orgel eine neue, tiefere Dimension. Aus dem letzten Orgelwerk „Livre du Saint-Sacrament“ von Messiaen wählte Jacob den Teil über das Osterfest aus. Mendelssohns c-Moll-Orgelsonate gab der Veranstaltung den angemessenen Schluss. (mm)
Der große befürchtete Eklat blieb aus. Kein einziger Buhruf störte am Mittwoch in Potsdam die Eröffnung der Gedenkstätte am Ort des ehemaligen KGB-Gefängnisses. Und doch war der Konflikt mit zwei Opferverbänden allgegenwärtig, als Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) das kleine Haus in der Leistikowstraße der Öffentlichkeit übergaben.
Der stalinistische Terror habe es zu einem "Ort von Unrecht, Willkür, Gewalt und unvorstellbaren Leid" gemacht, betonte Platzeck in seiner Ansprache vor einer gemeinsamen Kranzniederlegung. In dem ehemaligen evangelischen Pfarrhaus nahe des Schloss Cecilienhofs hatte der sowjetische Geheimdienst zwischen 1945 und 1994 eine unbekannte Anzahl von Menschen inhaftiert.
Die neue rund 1.000 Quadratmeter große Dauerausstellung umfasst rund 400 Fotos, Dokumente und Medienstationen. Dabei werden insgesamt 50 Häftlingsschicksale exemplarisch dargestellt. Für die Realisierung stellten Bund und Land knapp 800.000 Euro zur Verfügung.
Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ostdeutschland 1994 nutzten zunächst ein Gedenkstättenverein sowie eine Zeitzeugeninitiative das Haus als Veranstaltungsort. Erst dadurch rückte die Geschichte des 1916 erbauten Hauses inmitten eines früher hermetisch abgeschlossenen Militärareals in das Bewusstsein.
Sowohl Platzeck wie auch Neumann würdigten daher unter lautem Beifall der 400 eingeladenen Gäste die Verdienste dieser beiden Initiativen. "Es ist immer klug, Opfer und Zeitzeugen in die Gestaltung einer Gedenkstätte einzubeziehen", sagte der Kulturstaatsminister.
Mit Gründung einer eigenen Stiftung innerhalb der landeseigenen Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten begannen dann Ende 2008 die Vorbereitungen zunächst für eine vorläufige und dann für die endgültige Dauerausstellung, wie sie ab Donnerstag zu sehen ist. Gedenkstättenverein und Zeitzeugen-Initiative werfen der Stiftung nun vor, die Dramatik der Häftlingsschicksale zu wenig in den Vordergrund zu stellen und aus dem Haus ein "KGB-Museum" gemacht zu haben. Vor vier Wochen kam es sogar zu einem tätlichen Angriff eines ehemaligen Häftlings auf die heutige Gedenkstättenleiterin Ines Reich.
"Offensichtlich gehen die Erwartungen auseinander", resümierte Reich den Streit am Rande der Eröffnung. "Wir wollten ein modernes zeithistorisches Museum, andere eher ein Mahnmal." Reich bekräftigte ihr Angebot einer weiteren Zusammenarbeit. Für die Zeitzeugen-Initiative erklärte hingegen bei einer Pressekonferenz in der nahegelegenen Villa Quandt der ehemalige Häftling Bodo Platt: "Ziel war, uns auszugrenzen." In der Dauerausstellung fehle "der Mensch".
Der sichtlich in dem Streit um Vermittlung bemühte Ministerpräsident warb daher in seiner Ansprache dafür, gemeinsam Chancen für Verbesserungen der Dokumentation auszuloten und umzusetzen: "Wo sich etwas verbessern lässt, sollten wir das tun", sagte Platzeck.
Inwieweit Gedenkstättenverein und Zeitzeugen-Initiative die ehemaligen Häftlinge repräsentieren, ist unklar. An einer Menschenkette "zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewalt" mit rund 50 Menschen nahmen am Mittag nur einige wenige von ihnen teil. Beide Verbände fordern mittlerweile die Abberufung Reichs. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten verwies ihrerseits darauf, dass sie mit einer Vielzahl von Opfern in Kontakt stehe.
epd ost jh bue
Bundeskanzleramt
In der Potsdamer Leistikowstraße unterhielt der sowjetische Militärgeheimdienst ein zentrales Untersuchungsgefängnis. Die neue Dauerausstellung in der Gedenk- und Begegnungsstätte informiert über die Geschichte dieses Haftortes und erinnert an die Opfer.
An der Eröffnung der Ausstellung "Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße" nahmen Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Ministerpräsident Matthias Platzeck sowie zahlreiche ehemalige Häftlinge teil.
"Ich bewundere den Mut und die Tatkraft, mit der viele von Ihnen daran mitgewirkt haben, dass dieser Ort und seine Geschichte nicht dem Vergessen anheimfallen", begrüßte Kulturstaatsminister Bernd Neumann die anwesenden Zeitzeugen und dankte ihnen für ihr Kommen.
Anliegen der Bundesregierung sei es, eine breite, gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur und der deutschen Teilung zu fördern und bei der Aufarbeitung möglichst viele Facetten zu beleuchten, sagte Neumann. Mit der Eröffnung der neuen Dauerausstellung komme nun ein einzigartiger authentischer Ort hinzu, ein Symbol des Terrors der sowjetischen Besatzungsmacht, jenseits von Recht und Gesetz.
Auch zum Entstehungsprozess der Dauerausstellung nahm Neumann in seiner Rede Stellung. Im Nachhinein könne man sagen, dass das Engagement der Verfolgtenverbände Wirkung gehabt und zu Veränderungen in der Ausstellung geführt habe. "Weitere Hinweise und Anregungen zur Ausstellung werden selbstverständlich in die künftigen Überlegungen und Aktivitäten der Gedenkstätte einbezogen", versicherte Neumann. Es sei klug, die Betroffenen und ihre Verbände bei der Erarbeitung einer Ausstellung voll einzubeziehen.
Die sowjetische Spionageabwehr baute das Haus in der Potsdamer Leistikowstraße 1 nach 1945 zum zentralen Untersuchungs- und Durchgangsgefängnis um. Zunächst waren dort Deutsche und Sowjetbürger inhaftiert, von 1954 bis in die achtziger Jahre ausschließlich sowjetische Militärangehörige und Zivilangestellte der in Deutschland stationierten Truppen der Sowjetarmee.
Unter dem Verdacht der Spionage, Sabotage, antisowjetischen Propaganda oder konterrevolutionärer Tätigkeit wurden sie in der Leistikowstraße oft monatelang verhört, misshandelt, durch Folter zu Geständnissen gezwungen und durch ein sowjetisches Militärtribunal zu mehrjährigen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt.
Nach ihrer Verurteilung überstellte der sowjetische Geheimdienst die Häftlinge entweder direkt in eines der berüchtigten Lager des Gulag in die Sowjetunion oder in eines der zehn in der sowjetischen Besatzungszone befindlichen Speziallager wie Torgau oder Sachsenhausen.
Die neue Dauerausstellung der Gedenk- und Begegnungsstätte wurde auf rund 1.000 qm im ehemaligen Gefängnisgebäude eingerichtet. In den Ausbau der Gedenkstätte und die Einrichtung der Ausstellung haben der Bund und das Land Brandenburg seit 2006 über vier Millionen Euro investiert.
Berliner Morgenpost
Von Gudrun Mallwitz
Sie erinnern sich an alles. An die Schreie. Das Klackern der Türen. Die Dunkelheit. Die Kälte, die noch immer da unten ist, im Keller der Leistikowstraße 1. Von 1945 bis weit in die 1980er-Jahre hat der sowjetische Geheimdienst in dem ehemaligen Pfarrhaus unweit des Schlosses Cecilienhof in Potsdam Menschen unter grausamen Bedingungen gefangen gehalten. Einige von ihnen sind jetzt an den Ort des Schreckens zurückgekehrt. In dem einstigen Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB wurde am Mittwoch im Beisein von Hunderten Gästen die neue Dauerausstellung zur Erinnerung an die Opfer des Stalinismus eröffnet. Über 900.000 Euro haben Bund und Land in die Ausstellung investiert. Doch nicht alle Opfer sind mit der Gestaltung der Gedenk- und Begegnungsstätte einverstanden. So war deren Eröffnung von Protesten begleitet.
"Schicksale zu wenig beleuchtet"
Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ostdeutschland 1994 hatten sich zunächst ein Gedenkstättenverein sowie eine Zeitzeugeninitiative um das Haus gekümmert. Sie rückten die Geschichte des 1916 erbauten Gebäudes inmitten eines lange hermetisch abgeschlossenen Militärareals in das öffentliche Bewusstsein. Im Jahr 2008 wurde die Stiftung Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße gegründet. Sie wird von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten treuhänderisch verwaltet.
Gedenkstättenverein und Zeitzeugen-Initiative werfen der Stiftung vor, die Dramatik der Häftlingsschicksale zu wenig in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen habe sie aus dem Haus ein „KGB-Museum“ gemacht. Es seien auch bauliche Veränderungen vorgenommen worden, womit der Ort nicht mehr authentisch sei. Der Streit eskalierte vier Wochen vor der Eröffnung: Ein früherer Häftling griff Gedenkstättenleiterin Ines Reich tätlich an.
Offensichtlich gehen die Erwartungen auseinander, sagte Reich am Rande der Ausstellungseröffnung. „Wir wollten ein modernes zeithistorisches Museum, andere eher ein Mahnmal.“
Kühler Umgang mit Opfern vorgeworfen
Für die Zeitzeugen-Initiative erklärte hingegen der frühere KGB-Häftling Bodo Platt: „Ziel war, uns auszugrenzen.“ Betroffene und ihre Mitkämpfer wie die ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld forderten bei einer Pressekonferenz in der Villa Quandt den Rücktritt von Gedenkstättenleiterin Reich. Ihr wird vor allem der kühle Umgang mit Opfern vorgehalten. Der Hauptvorwurf lautet denn auch: In der Ausstellung fehle „der Mensch“.
Gegenüber dem Eingang bildete sich am Mittwoch eine Menschenkette. „Ignoranz und Arroganz statt Empathie“ war auf einem der vielen Plakate zu lesen. Als um 14 Uhr die Eröffnungsreden vor der Gedenkstätte gehalten wurden, blieb der Applaus zunächst spärlich. Den ersten Beifall erhielt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Dabei werfen Opferverbände dem Regierungschef seit Bildung der rot-roten Regierung im Herbst 2009 eine unzureichende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vor. Überraschend macht Platzeck aber deutlich: „Dass eine Gruppe der Zeitzeugen nicht mehr an der Debatte über die Konzeption der Ausstellung beteiligt ist, kann uns nicht zufriedenstellen.“ Dabei handele sich gerade um jene Zeitzeugen die sich jahrelang „als empathische und kompetente Ansprechpartner für die Opfer des Stalinismus erwiesen haben“. Ihrem Engagement sei es zu verdanken, dass die Geschichte des Ortes wach gehalten wird. „Die Eröffnung der Ausstellung ist ein guter Tag für ganz Deutschland“, sagte Platzeck. Er schloss nicht aus, dass das umstrittene Konzept noch verändert werden könnte. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte, das Gebäude dokumentiere „als einziger authentisch erhaltener Haftort das brutale Regime des sowjetischen Militärgeheimdienstes in der Sowjetischen Besatzungszone und in der späteren DDR.“ Auf 1000 Quadratmetern sind etwa 400 Fotos und Dokumente zu sehen. 50 Häftlingsschicksale werden exemplarisch dargestellt. Unter den Zeitzeugen, die in der Ausstellung zu Wort kommen, ist Friedrich Klausch. Er war 18 Jahre alt, als ihn der sowjetische Geheimdienst am 6. April 1948 an der Sektorengrenze verhaftete. Weshalb, das weiß er bis heute nicht. Sie brachten den angeblichen Spion in die Leistikowstraße 1.
Quälende Erinnerungen
Der heute 83-Jährige muss sich überwinden, um in den Keller hinunter zu steigen. Seine Zelle war die ganz hinten, links von der Eingangstür. Als er unten steht und in die Kameras blickt, kommt die Erinnerung blitzartig zurück: Wie er bei jedem Geräusch denkt, sie wollen ihn wieder holen. Zum Verhör. Wie leer sein Kopf mitunter ist. Stundenlang sinnt er darüber nach, wie man ich schreibt – mit ch oder sch. Wenn durch das Gitter des winzigen Fensters eine Fliege den Weg zu ihm findet, fängt er an, mit ihr zu sprechen.
Klausch lebt heute in Mainz und will nur eines: Dass alle erfahren, was damals passiert ist. Und keiner es je vergisst.
Märkische Allgemeine
POTSDAM / NAUENER VORSTADT - Im Streit um die künftige Dauerausstellung der Gedenkstätte Leistikowstraße haben Vertreter von 25 Opferverbänden und Aufarbeitungsinitiativen der Kommunistischen Diktatur in Deutschland eine Resolution verabschiedet. In dem gestern veröffentlichten Schreiben protestieren sie „entschieden gegen das unseriöse und einseitige Ausstellungskonzept ... im früheren KGB-Foltergefängnis Leistikowstraße. ... Niemand kann von den Opfern verlangen, sich mit dieser Ausstellung zu identifizieren.“ Die Autoren äußern „aufrichtiges Bedauern“ zur „situationsbedingten Überreaktion eines 83-jährigen Workuta-Überlebenden“ auf die Leiterin der Gedenkstätte am 23. März (MAZ berichtete). Gewalt sei „kein Mittel der politischen Auseinandersetzung“. Gleichzeitig verurteilen sie „jeden Versuch, diesen einmaligen Vorfall gegen den Zeitzeugen und den Gedenkstättenverein zu instrumentalisieren und das durch die Haft in kommunistischen Lagern traumatisierte Opfer zu kriminalisieren“. Das zerrüttete Verhältnis zwischen den Beteiligten in der Leistikowstraße hätten nicht die Opfer der Diktatur zu verantworten. Es sei das Ergebnis des egozentrischen Agierens der Gedenkstättenleitung gegenüber Opfern und Zeitzeugen. Die umstrittene Dauerausstellung soll am 18. April eröffnet werden.