PNN 28.03.2014

Gedenkstätte KGB-Gefängnis zieht positive Bilanz nach fünf Jahren.

Opfervertreter sind unzufrieden

Nauener Vorstadt - Vor fünf Jahren hat die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße erstmals seit der Sanierung die Türen geöffnet: Das Jubiläum soll am Wochenende mit Sonderführungen begangen werden, wie die Gedenkstätte mitteilte. Am Sonntag wird es von 11 bis 18 Uhr jeweils zur vollen Stunde kostenlose Führungen durch die Dauerausstellung in dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB geben.

Gedenkstättenleiterin Ines Reich zieht eine positive Bilanz: 23 000 Besucher hätten das Haus im früheren „verbotenen Städtchen“, wie das vom KGB genutzte Gebiet am Neuen Garten im Volksmund hieß, besucht. Durch die Recherchen der Mitarbeiter sei es gelungen, viele bisher unbekannte frühere Häftlinge – sowohl deutsche als auch russische – ausfindig zu machen. „Dabei gab es von Anfang an eine intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Häftlingen“, sagte die Historikerin gegenüber den PNN. Das gespannte Verhältnis zu den kritischen Zeitzeugen und Opfervertretern vom Gedenkstättenverein und dem Verein Memorial – zur Eröffnung der Dauerausstellung hatte es eine Protestdemonstration von Opfervertretern gegeben – sei mittlerweile konstruktiv, sagte die Gedenkstättenleiterin und verweist auf die Veranstaltungen, die die Zeitzeugen im Haus durchführen.

Für Gisela Rüdiger vom Gedenkstättenverein ist das Ergebnis indes immer noch „inhaltlich enttäuschend“, wie sie auf PNN-Anfrage sagte. So habe sich an den Texttafeln, die von Zeitzeugen und Opfervertretern als verharmlosend kritisiert werden, nichts geändert. Auch Hinweise auf die Haftbedingungen seien nicht aufgenommen worden – so seien etwa die Kellerfenster in der Gedenkstätte nicht verdunkelt, so wie Zeitzeugen das einst erlebt hatten. „Es ist bis heute nicht gelungen, mit den Zeitzeugen zu einem Einvernehmen zu kommen“, kritisiert Rüdiger. Immerhin gebe es eine gemeinsame Jahresplanung, bei der auch Veranstaltungen der Zeitzeugeninitiative berücksichtigt werden. Allerdings dürften Zeitzeugenberichte nach wie vor nicht im Haus ausgelegt werden, Veranstaltungen der Zeitzeugen, wie etwa erst an diesem Mittwoch, würden zudem nicht auf der Internetseite der Gedenkstätte angekündigt.

Gedenkstättenleiterin Reich wies die Kritik an der Ausstellung gegenüber den PNN zurück: Die Dauerausstellung sei vom Fachpublikum sehr positiv aufgenommen worden, sagte sie. Man pflege auch einen guten Kontakt zu neu ausfindig gemachten Häftlingen.

In diesem Jahr ist unter anderem im Mai eine Themenwoche anlässlich des 20. Jahrestages des Abzugs der sowjetischen Truppen geplant, kündigte Reich an. Zudem sollen die Häftlingstransporte nach Torgau aus der ersten Zeit des Gefängnisses Ende der 1940er-Jahre wissenschaftlich aufgebarbeitet werden. So soll das Häftlingsbuch ergänzt werden. jaha

 

22.05.2013     Märkische Allgemeine

Die Wattejacke als Lebensretter

1953 entging Peter Seele beim Häftlingsaufstand in Workuta nur knapp dem Tode / Themenwoche im einstigen KGB-Gefängnis

 

Die Schapka als Symbol...

Potsdam - Er lag im Graben, in den das Blut seiner Kameraden floss. Mit dem Kopf auf den Knien hörte er die Schüsse. Dann – zisch! – sauste eins der explosiven Geschosse direkt über seinen Rücken hinweg. „Zum Glück hatte ich die Wattejacke an“, sagt Peter Seele und schüttelt den Kopf. Der 84-jährige Potsdamer kann auch nach all den Jahren kaum fassen, was er damals, am 1. August 1953, beim Häftlingsaufstand im russischen Straflager in Workuta erlebt hat.

Im ehemaligen KGB-Gefängnis – heute Gedenk- und Begegnungsstätte – in der Leistikowstraße 1 wird ab Dienstag bei einer Themenwoche dem 60. Jahrestag des Aufstandes gedacht, bei dem etwa 60 Männer starben und mehr als 100 schwer verletzt wurden. Viele ehemalige Potsdamer Häftlinge mussten auch im Arbeitslager in Workuta schuften. „Mit dem Thema wollen wir an die Schicksale der betroffenen Menschen erinnern, aber auch an ihren Überlebenswillen und ihren Widerstandsgeist“, sagt Gedenkstättenleiterin Ines Reich. So wird es in der kommenden Woche Vorträge, Filmvorführungen und Zeitzeugengespräche geben. Die eigentliche Ausstellung wird am Freitag im Beisein von Peter Seele eröffnet (zum Programm: siehe Infokasten).

Seele war 1952 von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und mehrere Monate im Untersuchungsgefängnis in der Leistikowstraße inhaftiert worden. Er sollte russischer Spion werden – doch er wollte nicht. In einer Kiesgrube in Bornstedt bekam der damals 23-Jährige buchstäblich die Pistole auf die Brust gesetzt. Mit viel Glück überlebte er – um später in Workuta wieder nur knapp dem Tode zu entkommen. „Ohne die Wattejacke wär’s vorbei gewesen“, sagt er. Eine dieser Jacken, mit der sich die Häftlinge im Straflager vor der klirrenden Kälte schützten, ist Teil der Ausstellung in der Gedenkstätte. „Wir wollten die Tafelausstellung zum Aufstand mit dreidimensionalen Objekten ergänzen“, sagt Ines Reich.

So können Besucher auch die Schapka – eine Mütze aus Polarfuchsfell – von Peter Seele in der Ausstellung sehen. „Die ist mein Heiligtum“, sagt der ehemalige Kraftfahrer und streicht über das weiche rote Fell. Gekauft hat Peter Seele die Mütze auf seiner Heimfahrt aus Workuta mit dem Geld, das er im Straflager verdient hat. „50 Rubel hatte ich“, erinnert er sich. Am Bahnhof kaufte er sich neben der Mütze einen ganzen Korb voll Eier und einen bestickten Kosakenmantel, der ihm den Spitznamen „Rasputin“ einbrachte. Zu Hause in Babelsberg erkannte ihn seine Patentante in dem Aufzug zunächst gar nicht wieder. Die Schapka ist für Peter Seele ein Symbol seiner Heimkehr. „Die würde ich nie hergeben“, sagt er.

Neben Mütze und Jacke sind in der Ausstellung auch ein Koffer und ein besticktes Säckchen zu sehen – Symbol für Rückkehr und die Arbeit der Frauen im Lager, die viel Zeit mit Sticken verbrachten. Neben dem Männerlager gab es in Workuta auch drei Frauenlager, in denen 1953 allerdings nicht gestreikt wurde. „Für die Häftlinge war der Streik eine Art Katalysator für die Entlassung“, sagt Ines Reich. Peter Seele jedoch musste noch zweieinhalb Jahre warten, bis er in die Potsdamer Heimat zurückkehren konnte. (Von Meike Jänike)

STELLUNGNAHME

Stellungnahme zum von Prof. Benz als Herausgeber zu verantwortenden Buch: „Ein Kampf um Deutungshoheit – Politik, Opferinteressen und historische Forschung – Die Auseinandersetzung um die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam“.

Der Titel des Buches deutet es an – einige Beiträge befassen sich ganz konkret mit den Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Leistikowstraße. Auf diese Beiträge bezieht sich unsere Stellungnahme.

In diesen Beiträgen werden unser Verein, MEMORIAL Deutschland e.V. und die Zeitzeugeninitiative (Sie vereint in sich die überwiegende Mehrzahl der noch lebenden bekannten ehemaligen Gefangenen des KGB-Gefängnisses) zu Unrecht als Verursacher der Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Leistikowstraße hingestellt. Uns wird vorgeworfen, wir seien getrieben von Emotionalität und Deutungsanspruch und würden die Kompetenz der Historiker nicht anerkennen.

In dem Buch wird unser Engagement einseitig dargestellt, es werden fehlerhafte, diskriminierende oder polemische Aussagen über uns gemacht.

Es gibt keine detaillierte Auseinandersetzung mit unseren Argumenten. Viele unserer Argumente werden gar nicht genannt.

Wir hatten nicht die Möglichkeit, unsere Positionen in einem Beitrag dieser Veröffentlichung darzulegen. Keiner der im Buch vertretenen Autoren hat mit uns geredet. Obwohl wir vor Drucklegung Prof. Benz sogar mehrfach darauf  hingewiesen haben, haben wir nichts erreichen können. Keiner von uns ist heute auf dem Podium vertreten.

Dadurch erhält die Öffentlichkeit ein falsches Bild von unseren Anliegen und über die wahren Ursachen der Konflikte in der Gedenkstätte Leistikowstraße. Das ist unseriös.

Uns ging es nie um den Kampf um Deutungshoheit. Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Arbeit gehören zusammen.

Uns war der Diskurs wichtig, der in der Gedenk- und Begegnungsstätte nicht stattfand.

Zeitzeugen und Vereine wurden von einer gemeinsamen konzeptionellen, inhaltlichen Arbeit in der Gedenk- und Begegnungsstätte von der Leiterin Dr. Reich ausgeschlossen und die ansehnliche Reihe von Veröffentlichungen von Zeitzeugenberichten ehemaliger Häftlinge dieses Gefängnisses aus der Gedenkstätte verbannt.

Daher ist es besonders bedauerlich, dass es Wolfgang Benz mit dem von ihm zu verantwortendem  Buch nicht gelungen ist, zur Beilegung des Streites beizutragen.

Das Buch verstärkt das - aus Sicht der Autoren angeblich zu Recht bestehende - Misstrauen gegenüber den Forderungen der unschuldig Verfolgten des Kommunismus und ihrer Unterstützer mit pseudowissenschaftlichen Begründungen.

Das führt zu einem würdelosen Umgang mit den Verfolgten.

Natürlich sind wir beunruhigt, da es immer schwierig ist, wenn erst mal etwas in die Welt gesetzt ist, es zu korrigieren. 

Beispiele aus dem Buch

Zitate, Wolfgang Benz, Einleitung S. 15 und 14:

„Durch Demonstrationen auf der Straße, Aufruhr in den Medien oder politischen Kompromiss, der Sachkunde Gefühlen nachordnet und Bauernopfer sucht, um zu beschwichtigen, wird dem notwendigen Erinnern und Gedenken nur geschadet“

 „Die Positionen sind charakterisiert durch das Plädoyer des Zeitzeugen für autonome Emotionalität auf der einen und die des Historikers für die Regelhaftigkeit der Dokumentation und Analyse historischen Geschehens auf der anderen Seite.“

Unsere Stellungnahme:

Es geht uns und den Zeitzeugen um Wahrhaftigkeit und nicht wie Wolfgang Benz uns in seiner Einleitung unterstellt, dass wir Sachkunde Gefühlen nachordnen und Bauernopfer suchen. Sachkunde war uns immer wichtig. Sachkunde und Gefühle, Emotionalität und Regelhaftigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus. Hier wird ein künstlicher Gegensatz aufgebaut. Bei uns und den Zeitzeugen standen Gefühle nie einseitig im Vordergrund.

Mit Bauernopfer ist wohl Dr. Reich gemeint, deren Rücktritt gefordert worden war. Von einer Gedenkstättenleiterin erwarten wir, dass sie mit Zeitzeugen umgehen kann,  Empathie hat,  integrieren kann  und  mit uns im guten Einvernehmen zusammenarbeitet. Wir erwarten, dass sie die Stiftungssatzung erfüllt.

Dass wir Dr. Reich gegenüber misstrauisch geworden sind, was ihre wissenschaftliche Kompetenz anbelangt, ist vor dem Hintergrund der von uns über Jahre gemachten negativen Erfahrungen mit ihr zu sehen. Bestätigt wurden unsere Bedenken bei der Erarbeitung der Dauerausstellung unter ihrer Verantwortung. Die Konzeption der Ausstellung, vor allem aber die Ausstellungstexte selbst sind vom Beirat wegen großer Mängel abgelehnt worden, Gutachten wurden eingeholt und danach wurden die Texte mehrfach überarbeitet, so dass die gröbsten Fehler beseitigt werden konnten. Befriedigend ist das Ergebnis nun an einigen Stellen, aber - wie der Staatssekretär Gorholt selbst auf einer vom Verein organisierten Veranstaltung  in der Leistikowstraße öffentlich feststellte - es fehlen wichtige Teile wie z.B. der Gulag oder Widerstandsgruppen, die nachgearbeitet werden sollen. Ein weiterer großer Mangel: Die wahrhaftige Darstellung des Leids der ehemaligen Häftlinge im Kontext der Zeit kommt zu kurz.

Zitat, Peter Jochen Winters S. 40:

 „Infolge mangelnder Überprüfung der Mitglieder ist nicht auszuschließen, dass sich ehemalige Spitzel des sowjetischen Geheimdienstes oder des MfS in den Verein einschleichen konnten.“

Unsere Bemerkung dazu:

Das erinnert an Stasi-Methoden: Misstrauen sähen. Die Gruppe verunsichern. Oder welchen Sinn könnte dieser Satz haben? Das soll wissenschaftlich solide sein?

Zitat, Peter Jochen Winters S. 45:

 „… aus dem Kreis der Häftlinge (wurde) zunächst Günter Martins  – der auf Druck seiner Kameraden aus dem Gedenkstätten-Verein sein Amt niederlegte und Platz machen musste für Bodo Platt, den späteren Sprecher der Zeitzeugen-Initiative –  vom Kuratorium in den Beirat berufen.“

Unsere Anmerkung:

Das ist grob falsch und diffamierend. Günther Martins hat aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Beiratsmitglied niedergelegt.

Zitate, Peter Jochen Winters S. 41 und 45:

 „Nicht zuletzt der Gedenkstätten-Verein und Memorial Deutschland e.V. betrachteten sich, frei und unkontrolliert schaltend und waltend, gleichsam als Herren des von ihnen als Gedenkstätte betriebenen Hauses, zumal ihnen Unterstützung von der damaligen brandenburgischen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Johanna Wanka (CDU), zugesagt worden war.“

 „Die Vereine hatten wohl zunächst geglaubt, nach Gründung der Stiftung in der Gedenkstätte so weitermachen zu können wie bisher.“

Unsere Stellungnahme:

Das ist polemisch und eine Unterstellung.

Der Versuch des Autors, die Aktivitäten der Vereine persönlich zu diskreditieren, belegt lediglich die Voreingenommenheit des Autors. 

Zitat, Peter Jochen Winters S. 46:

 „Von Jungnickel im Auftrag des Gedenkstättenvereins gedrehte Zeitzeugeninterviews …wurden der Gedenkstättenleitung bei der Erarbeitung der Dauerausstellung verweigert“

Unsere Stellungnahme:

Das stimmt nicht. Die Gedenkstätte hatte die Übernahme an Vereinbarungen geknüpft, die der Verein nicht akzeptieren konnte. So sollte der Verein z.B. die uneingeschränkte rechtliche Verfügbarkeit des Materials garantieren und damit mehr Rechte gewähren, als er selbst hatte. Ein Dr. Reich persönlich ausgehändigter Vertragsentwurf wurde erst gar nicht beantwortet. Nach mehreren Nachfragen verwies uns Prof. Morsch letztlich wieder an Dr. Reich.

Wir sind erreichbar

Dr. Richard Buchner :    030 8012471      richard.buchner@web.de

Gisela Rüdiger:    0331 270045               giselapotsdam@tele2.de)

24.05.2013     Potsdamer Neueste Nachrichten

 Stalinismus-Opfer nutzen Buch-Diskussion mit dem Historiker Wolfgang Benz zur Gedenkstätten-Kritik

von Guido Berg

Innenstadt - Zu einer emotionalen Kontroverse vor überfülltem Auditorium kam es am Mittwochabend in der Potsdamer Landeszentrale für politische Bildung. Vorgestellt wurde das vom Historiker Wolfgang Benz herausgegebene Buch mit dem langen Titel „Ein Kampf um Deutungshoheit. Politik, Opferinteressen und historische Forschung. Die Auseinandersetzung um die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstrasse Potsdam“.

Verbände von Opfern stalinistischer Verfolgung hatten schon im Vorfeld ihren Unmut über das Buch geäußert; Mitglieder des Vereins Gedenk- und Begegnungsstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam e. V. verteilten vor Beginn eine kritische Stellungnahme. Es würden „fehlerhafte, diskriminierende oder polemische Aussagen über uns gemacht“. Eine Tätlichkeit des Zeitzeugen Lothar Scholz gegen die Gedenkstättenleiterin Ines Reich im März 2012, die am 30. Mai vor dem Potsdamer Amtsgericht verhandelt wird, mag Martina Weyrauch, Leiterin der Landeszentrale, zu der ironischen Auftaktbemerkung veranlasst haben: „Die Messer habe ich heute nicht eingesammelt. Ich hoffe, die Waffen bleiben in den Taschen.“

Die Hoffnung erfüllte sich, geschenkt wurde sich in der von Alfred Eichhorn moderierten Podiumsdiskussion aber nichts. Die Diskutanten – Ines Reich, Wolfgang Benz, Horst Schüler, Ehrenvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (OUKG), und Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur – setzten eingangs noch auf Gemeinsames. Eichhorn, letzter Chefredakteur von Radio DDR und freier Journalist, machte mit einem Benz zugeschriebenen Zitat zunächst den Grundkonflikt klar: „Historiker und Zeitzeugen sind natürliche Feinde.“ Der Antisemitismusforscher winkte ab: „Einen größeren Blödsinn habe ich nie gehört“, so Benz. Ohne Empathie mit den Opfern könne man eine Chronik machen, aber keine Geschichtsschreibung. Nachdem Horst Schüler antwortete, kam kurz gar so etwas wie Harmonie auf. Der Ex-Häftling im russichen Gulag Workuta: „Wir wissen, unsere Erfahrungen sind von Emotionen geprägt.“ Zeitzeugen und Historiker müssten „in gegenseitigem Respekt aufeinander zugehen“. Auch die Benz-Kritik an der Totalitarismus-Theorie, der Vergleich von Faschismus und Stalinismus, als „Konstruktion eines allgemeinen Bösen“ und „Ende der Differenzierung“ stand nicht im Gegensatz zu Schülers Position: „Wir werden den Holocaust immer anerkennen als das schlimmste Verbrechen der Menschheit.“

Doch spätestens, als es konkret um Textpassagen im Buch und insbesondere aber in der Gedenkstätten-Ausstellung ging, traten die Gegensätze scharf hervor. Anna Kaminsky kritisierte, dass die Geschichte des Hauses Leistikowstraße 1 sowie des Eigentümers, des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein, nicht später erforscht wurde. Stattdessen fehle in der Ausstellung, „wie Spionage instrumentalisiert wurde, um Bürger mundtot zu machen“. „Es ging um die Durchsetzung einer neuen Diktatur in der SBZ, das wäre die Grundlage gewesen!“ In diesem Zusammenhang machte Ines Reich die Bemerkung: „Die politischen Rahmenbedingungen sind, wie sie sind: Wir haben eine rot-rote Landesregierung.“ Diese Dinge müsse „man auch immer mitdenken“.

Wohl auch, weil es Herausgeber Benz gelang, sein Buch aus der Schusslinie zu nehmen – „Sie können ihm eines oder viele andere Bücher entgegensetzen“ – wurde immer mehr Ines Reich Adressat von Kritik: Ihr wurde vorgeworfen, keine Führungen in der Leistikowstraße durch Zeitzeugen zuzulassen und in den Ausstellungstexten Distanz zu wahren – „als gucke da jemand vom Mond auf die Erde“. Stein des Anstoßes ist etwa die Passage „manche überlebten die Haft nicht“, was von Opfern als „unverhältnismäßig hart“ angesehen wird. Nie sei so über Opfer vor 1945 geschrieben worden. Historiker Benz versuchte beizuspringen: Nie würde man von ihm hören, dass Opfer vor 1945 Priorität hätten „und ich habe auch bei Frau Dr. Reich keine solche Haltung bemerken können“. Kaum mehr entgegnen wollte Benz auf eine flammende Rede des Regisseurs Dirk Jungnickel: Ines Reich habe auf eine „biologische Lösung“ gesetzt, die von ihr ausgegrenzten Zeitzeugen seien tot oder entmutigt. Sie habe „in Gutsherrinnenart agiert“ und „den Gulag vergessen – das ist unverzeihlich“. Die ersten, noch nicht vom Beirat korrigierten Texte seien „eine Katastrophe gewesen“, ihr fehle neben der menschlichen „die wissenschaftliche Kompetenz“. Auch Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) – „er hätte eine moderierende Rolle spielen müssen“ – und Ingeborg Berggreen-Merkel, Abteilungsleiterin beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien – „getan hat die Frau nichts“ – bekamen ihr Fett weg. Ines Reich entgegnete, dies sei „Häme, die mich betroffen macht“; sie glaube, hier liege „eine Feindprojektion“ vor.

Trauer um DDR-Bürgerrechtler

Bob Bahra ist tot

 Die Stadt hat einen beherzten und entschiedenen Bürger verloren.

Potsdam - Der Grafiker und DDR-Bürgerrechtler ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Er hatte sich in den vergangenen Jahren engagiert für die Aufarbeitung des DDR-Unrechts eingesetzt.

Trauer um Bob Bahra: Der Potsdamer Grafiker und DDR-Bürgerrecht-ler ist am Montag im Alter von 70 Jahren gestorben. Das teilte die Stadt am Mittwochnachmittag mit. Bürgermeister Burkhard Exner reagierte mit Bestürzung und Trauer auf die Nachricht: "Die Landeshauptstadt Potsdam hat einen beherzten und entschiedenen Bürger verloren."

In den vergangenen Jahren hat Bahra bei der Aufarbeitung von DDR-Unrecht mitgewirkt. Mit seinen oft herausfordernden Worten stieß er die Menschen in der Landeshauptstadt Potsdam zum Nachdenken und Handeln an. Zu seinen Ehren werde in der Gedenkstätte Lindenstraße für die Opfer politischer Gewalt im 20. Jahrhundert sowie auf der Internetseite www.foerder-gemeinschaft-lindenstrasse.de ein Kondolenzbuch ausliegen, so Exner. "

Bob Bahra war eine wichtige Stütze bei der Arbeit der Gedenkstätte Lindenstraße, als Zeitzeuge verdeutlichte er die Ausmaße und Absurdität des Verfolgungssystems in der DDR immer wieder anhand seiner Stasi-Akte", sagte Burkhard Exner und lobte Bahras Eintreten für Gerechtigkeit und gegen Verklärung von DDR-Biografien und Geschichte.

Bahra wurde 1968 wegen seines Protestes gegen die militärische Unterdrückung des Prager Frühlings zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in der Potsdamer Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes in der Lindenstraße und im Gefängnis Cottbus verbüßte. Denunziation durch Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit aus dem direkten Lebens- und Arbeitsumfeld Bahras hatten zur Verhaftung geführt. Später war Bahra Aktivist der Umweltgruppe ARGUS, gestaltete Umweltblätter und das Plakat zum 1. Potsdamer Pfingstbergfest.

Seit 2009 war er der Organisator des Potsdamer MauerVerLaufs, den er gemeinsam mit der Fördergemeinschaft "Lindenstraße 54" ins Leben gerufen hatte. Er setzte sich mit dem Verein Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte in Brandenburg außerdem erfolgreich dafür ein, die einzig erhaltenen Mauersegmente in der Stubenrauchstraße unter Denkmalschutz zu stellen. (PNN)

 

20.08.2012    Potsdamer Neueste Nachrichten

Leistikowstraße: Reich zum Rücktritt aufgefordert Kritiker drängen auf Zeitplan zur Überarbeitung der Dauerausstellung im ehemaligen KGB-Gefängnis

von Jana Haase

Nauener Vorstadt - Verhärtete Fronten beim Streit um die Gedenkstätte KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße: Eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde mit Kritikern und Verantwortlichen für die im April eröffnete Dauerausstellung blieb am Freitagabend ohne Ergebnis. Eingeladen hatte der Gedenkstättenverein, die Moderation übernahm Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums an der Uni Potsdam. Wie hoch die Erwartungen waren, zeigte der Besucherandrang: Mit mehr als 70 Zuhörern war der Foyer-Raum voll.

Die Fronten blieben verhärtet. Die Kritiker – vertreten durch Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Leistikowstraße, die FDP-Landtagsabgeordnete Linda Teuteberg und die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld (CDU) – forderten einen Fahrplan für die in ihren Augen dringend nötige grundlegende Überarbeitung der Ausstellung. Dagegen halten Gedenkstättenleiterin Ines Reich und Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt als Vorsitzender des Kuratoriums der Gedenkstätte eine solche Überarbeitung weiterhin für nicht notwendig. Mit dieser Haltung sorgten sie am Freitag bei Opfervertretern für Empörung und Unverständnis. Knabe warf Reich vor, sich der Zusammenarbeit mit Zeitzeugen und Ehrenamtlern zu verschließen. Zugleich stellte er ihre Kompetenz als Leiterin in Frage. Der Leiter einer Gedenkstätte müsse zuhören und integrieren können, sagte Knabe: „Er muss den Zeitzeugen das Gefühl geben, das ist ihr Haus. Wenn ein Leiter das nicht kann, dann ist er an der falschen Stelle.“ Auf die indirekte Rücktrittsforderung reagierte Reich nicht.

Dass es eine ganze Reihe von Potsdamern gibt, die die Dauerausstellung nicht als „ihr Haus“ begreifen, war spätestens bei der Eröffnung im April deutlich geworden: Mit einer Menschenkette protestierten die Gegner, unter anderem weil sie die Leiden der früheren Häftlinge in der Schau nicht ausreichend gewürdigt sehen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) waren den Kritikern mit einem Gesprächsangebot entgegengekommen.

Getan hat sich seitdem aber offenbar nichts. Dabei wiegen die Vorwürfe gegen die unter Ines Reich entwickelte Dauerausstellung schwer: Von einer Verharmlosung von Terror und der Gewalt im Namen kommunistischer Regime spricht Hubertus Knabe. Vera Lengsfeld wirft der Schau Geschichtsfälschung vor. Und Linda Teuteberg vermisst den Mut, „Unrecht als Unrecht zu benennen“ und ein klares Bekenntnis zu den Werten der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Das machen die Kritiker etwa an den Ausstellungstexten fest. Die seien einerseits zu kompliziert – Knabe führte als Beispiele die unkommentierte Verwendung von Begriffen wie „Repatriant“ und „Tschekist“ an. Noch schwerer der zweite Vorwurf: Mit den gewählten Formulierungen würden „die Dinge verräterisch verharmlost“. Ein Beispiel hierfür: Der Satz „Gewalt war ihnen nicht fremd“ über die sowjetische Geheimpolizei Tscheka. „Die Tschekisten haben Menschen tyrannisiert, um die kommunistische Diktatur durchzusetzen“, stellt Knabe klar. Die Kritiker bemängeln zudem fehlende Informationen zum sowjetischen Gulag-System und zum Widerstand in der SBZ/ DDR, einen zu starken Schwerpunkt auf die Täter und den fehlenden Charakter als Begegnungsstätte.

Gedenkstättenleiterin Reich wehrte sich gegen die Vorwürfe: Wegen fehlender Gelder werde die Ausstellung erst in einer zweiten Projektphase um die Themen Widerstand und Gulag-System erweitert. Ein Programm mit Führungen von Zeitzeugen gebe es bereits – dabei ist laut Programmflyer bis Jahresende keine solche Führung mehr vorgesehen. Martin Gorholt verteidigte die Ausstellung als „sehr gut“ und warf den Kritikern Polemik vor. Auch wenn die Ausstellung in Einzelpunkten geändert werden solle, müsse es nun besonders um die Erarbeitung eines Konzepts für die Arbeit mit Schülern gehen. Einen Konsens im Gedenkstättenstreit halte er derzeit nicht für möglich. Das sahen nicht nur die Kritiker, sondern auch Moderator Schoeps anders: „Es ist wichtig, dass eine solche Debatte geführt wird.“

 

 

20.08.2012    Märkische Allgemeine

Korrekturen in der Leistikowstraße

Ausstellung im ehemaligen KGB-Gefängnis soll überarbeitet werden – allerdings nicht grundlegend

Von Nadine Fabian

Die umstrittene Ausstellung im einstigen KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße wird überarbeitet. Das teilte Staatssekretär Martin Gorholt (SPD) bei einer Podiumsdiskussion am Freitagabend mit. „Es geht aber nicht um eine grundlegende Überarbeitung“, sagte Gorholt. „Diese lehnen wir als Kuratorium ab und halten sie nicht für nötig.“

Zu der Aussprache hatten die Vereine „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam“ und „Memorial Deutschland“ geladen. Noch bevor in der Gedenkstätte im April die Dauerausstellung eröffnet wurde, hatten Opferverbände und Aufarbeitungsinitiativen das Konzept als unseriös und einseitig kritisiert. Zeitzeugen beklagen, dass sie in die Arbeit der Gedenkstätte nicht genügend einbezogen werden und dass an das Leid der Opfer nicht angemessen erinnert werde. Der Streit zwischen Opfern stalinistischer Gewalt und der Gedenkstättenleitung hält seither an.

Die geplanten Korrekturen scheinen zumindest ein kleiner Schritt in Richtung Annäherung zu sein. Wie fern aber eine Einigung ist, zeigte das von Julius Schoeps moderierte Gespräch. Der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums betonte, dass Streit stets befruchte: „Es ist viel schlimmer, wenn überhaupt nicht geredet wird.“ An der Debatte nahmen neben Gorholt, der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe, die DDR-Oppositionelle Vera Lengsfeld, die FDP-Landtagsabgeordnete Linda Teuteberg und die Leiterin der Gedenkstätte Ines Reich teil. Auch wenn die Debatte ruhig und sachlich verlief – Reich wurde erneut harsch angegriffen. Kritik hagelte es sowohl aus dem Podium als auch aus den Zuhörerreihen. So warf ihr Dirk Jungnickel, zweiter Vorsitzender der Gedenkstätten-kritischen Zeitzeugeninitiative, wissenschaftliches Versagen vor. Die Ausstellung sei weichgespült, politische Aufklärung finde nicht statt. Der Ort sei zudem kühl und unemotional: „Dies ist für mich keine Gedenkstätte.“

Auch Knabe ging mit Reich hart ins Gericht. „Ein Leiter eines solchen Hauses muss zuhören, das Wesentliche aufnehmen und integrieren können. Wenn ein Leiter das nicht kann, dann ist er an der falschen Stelle.“ Er forderte, die Ausstellung grundlegend zu überarbeiten. So finde sich im gesamten Haus kein einziges Mal das Wort Kommunismus. Zudem sei die Sprache kompliziert und mit Worten gespickt, die nur wenige – sicher keine Jugendlichen – verstünden. „Diese Sprache ist verräterisch.“ Sie diene dazu, zu neutralisieren und zu verharmlosen. Die Dinge seien jedoch zu benennen, wie sie waren: „Hier sind Menschen tyrannisiert worden, um eine Diktatur durchzusetzen: und zwar eine kommunistische.“

Vera Lengsfeld warf der Gedenkstätte gar Geschichtsfälschung vor. Linda Teuteberg meinte indes, dass die Schau ihren Zweck, an das Leid zu erinnern und die Besucher zu informieren, „voll umfänglich“ erfülle. Dennoch halte sie Ergänzungen für sinnvoll. Ines Reich konterte die Kritik. Sie freue sich über die Runde: „Viele Augen, die auf einen Ort schauen, machen das Bild bunter.“

Gorholt überraschte seine Mitredner mit dem Bekenntnis, dass er und das Kuratorium die Ausstellung „inzwischen für eine sehr gute“ halten. Zum einen hätten ihm ehemalige Häftlinge gesagt, dass sie sich darin gut wiederfinden. Zum anderen würde sie umfassend informieren. Dennoch sei mit dem Ministerium vereinbart, dass „Dinge geändert“ werden. So seien Informationen über das Gulag-System und Widerstandsgruppen zu ergänzen.

Reich erklärte, dass tatsächlich drei wichtige – aber fest geplante – Elemente fehlen: die geforderte Gulag-Dokumentation, ein Modell von Haus und Umkreis sowie ein Buch mit den Namen der identifizierten Häftlinge. Bisher war laut Reich dafür kein Geld da.

 

April 2012: Nur ein Kollateralschaden?

Interview der Redaktion "Stacheldraht" mit Bodo Platt, Sprecher der Zeitzeugeninitiative Ehemaliges KGB-Gefängnis Leistikowstraße (Ausg. 04.2012)

Bodo Platt: 1930 in Görlitz geboren, dort im Mai 1948 verhaftet und verlegt in das Gefängnis Potsdam-Leistikowstraße; we­gen angeblicher Spionage und Zugehörig­keit zu einer faschistischen Organisation zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt; No­vember 1948 bis November 1949 Lager Sachsenhausen, dann Deportation nach lnta/Sowjetunion, Arbeit im Kohlebergbau, 1956 Entlassung; bis zur Pensionierung Realschuldirektor in der Bundesrepublik; verfasste über die Zeit seiner Gefangen­schaft die Erinnerungsschrift „ Sobirai weschtschi! — Pack deine Sachen! “; seit 2005 Zeitzeugenarbeit

 Stacheldraht: Die Zeitzeugeninitiative kritisiert das Ergebnis der dreijährigen Um­gestaltung der Gedenk- und Begegnungs­stätte Leistikowstraße, die am 18. April in Potsdam neu eröffnet wurde. Haben Sie Ihre Ein­wände bereits während der Erarbeitung vorgebracht?

Platt:   Ich wurde für die Zeitzeugen in den Beirat der Stiftung Bran­denburgische Gedenkstätten berufen. Dort habe ich die ganze Entwicklung miterlebt, vor allem die Erstellung der Ausstellungstexte durch die Leiterin, Frau Dr. Reich. Der Einspruch von Beiratsmitgliedern, auch von mir, hat zu insgesamt vier Textfassungen geführt. Aber wenn heute behauptet wird, es hätte mit den Zeitzeugen eine einvernehmliche Zusammenarbeit gegeben, ist das einfach unrichtig. Während des lnterimsbetriebes durften nicht einmal mehr die Erinnerungs­berichte von Zeitzeugen und die Doku­mentation „Von Potsdam nach Workuta“ ausliegen. Wir haben so gut wie nichts ausrichten können.

Stacheldraht: Was ist Ihrer Meinung nach in der Ausstellung falsch oder falsch gewichtet?

Platt: Es ergibt sich der Eindruck, dass die Texte aus einer historischen Sicht geschrie­ben wurden, die eher marxistischer Ge­schichtsauffassung entspricht. Es ist eine Auswahl, auch an Dokumenten, die den KGB als ganz normale Spionageabwehr der sowjetischen Armee erscheinen lässt. Immer im Kontext der Verdienste dieser Armee beim Kampf gegen den Nationalso­zialismus. So erscheint, was später in der SBZ passiert ist, die Massenverhaftungen und auch die Geschehnisse im Potsdamer KGB-Gefängnis, lediglich als Kollateral­schaden. Der KGB als politische Geheim­polizei wird kaum dargestellt.

Stacheldraht: Ist Ihres Erachtens nur die Darstellung falsch oder fehlen auch The­men?

Platt: Das hängt beides zusammen. Die Häftlingsschicksale und die schlimmen Zustände im Gefängnis sind nicht deutlich herausgearbeitet, der Jugendwiderstand damals und das Thema GULag sind völlig ausgeklammert.

Stacheldraht: Unterschätzen Sie nicht die Fähigkeit von Besuchern der Ausstellung, sich mit der Materie auseinanderzusetzen?

Platt: Ich denke nicht. Frau Dr. Reich hat nach unseren Interventionen ja durchaus, vor allem in den sogenannten begleiten­den historischen Texten, Änderungen zum Positiven vorgenommen. Aber das alles ist so umfangreich, so überfrachtet. Da wer­den sich zum Beispiel jugendliche Besu­cher kaum zurechtfinden. Sie werden eher irritiert das Haus verlassen und sich fragen, was damals eigentlich geschehen ist. Wa­ren das alles zu Recht verurteilte Spione oder sind es unschuldige Menschen gewe­sen, die unter barbarischen Verhältnissen zu irrsinnigen Strafen verurteilt und nach Russland transportiert wurden?

Stacheldraht: Wie beurteilen Sie die Prä­sentation des Gebäudes nach der Fertig­stellung?

Platt: Auch das sehe ich kritisch. Man hat die Kellerfenster aufgebrochen, so dass die Dunkelzellen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Wirkung wahrgenommen werden können. Einzelne Zellen sind völlig geschlossen, und vor allem ein ganz wich­tiger Kellertrakt, die eine Seite des Kellers, auf der sich die schlimmsten Zellen dieses KGB-Gefängnisses zu unserer Zeit befan­den, ist der Öffentlichkeit nicht zugäng­lich. Als Argument wird genannt, dass ein zweiter Fluchtweg fehle, und die schlechte Stabilität des Hauses einen Durchbruch nicht erlaube. Das ist einfach nicht über­zeugend, es hätte sicher eine Möglichkeit gegeben.

Stacheldraht: Bei der Eröffnung am 18. April gab es für die Kritiker Signale aus der Politik, die Anlass zur Hoffnung geben.

Platt: Uns hat sehr positiv berührt, wie Ministerpräsident Platzeck und auch Kul­turstaatsminister Neumann zum Ausdruck gebracht haben, dass die Erfahrungen der Zeitzeugen stärker eingebracht werden müssten. Man könne diese Menschen nicht außen vor lassen. Beide waren auch bei unserer Pressekonferenz in der Villa Quandt zugegen. Dafür waren wir sehr dankbar. Ende Juni soll nun noch einmal eine gemeinsame Begehung im KGB-Ge­fängnis stattfinden, wo wir unsere Kritik dann auch erläutern werden.

Stacheldraht: Frau Dr. Reich hat sich Me­dien gegenüber geäußert, ihr Ziel sei ein modernes zeithistorisches Museum gewe­sen, andere hätten eher ein Mahnmal ge­wünscht Lehnen die Zeitzeugen wirklich eine wissenschaftliche Forschung ab?

Platt: Überhaupt nicht. Wir haben nichts gegen die Erforschung dieser Zeit. Nur for­dern wir entschieden, dass die Verbrechen des KGB in der SBZ und später in der DDR, seine Menschenrechtsverletzungen und Pogrome in der Sowjetunion seit Bestehen der Tscheka nicht beschönigt und in die­sem Kontext die Massenverhaftungen in der SBZ, die zehn Speziallager mit Zehn-tausenden willkürlich Verhafteter und Op­fer nichtverschwiegen werden. Die Texte der Ausstellung geben z.B. die brutalen Verhörmethoden nicht wieder, sondern in mitunter fast idyllischen Szenen werden die Untersuchungsrichter als verständ­nisvolle Biedermänner dargestellt. Solche Texte haben mit der damaligen Realität überhaupt nichts zu tun. Das ist bewusste Täuschung und Verharmlosung. Wir wollen eine Gedenkstätte und kein den KGB verherrlichendes Museum. Eigentlich hatte ich diese acht Jahre meiner Gefan­genschaft in mein Leben gut integriert und manches aus der Zeit sogar als wichtige Erfahrung nutzen können, z.B. das Ken­nenlernen der russischen Sprache und die Begegnung mit der klassischen russischen Literatur. Aber wenn man sich ständig mit Versuchen auseinandersetzen muss, die Vergangenheit zu verharmlosen, dann fordert das meinen Widerstand und Pro­test heraus.

Stacheldraht: Vielen Dank, Herr Platt.

 

24.04.2012   Märkische Allgemeine

Lesung: Das Requiem von Anna Achmatowa

POTSDAM / SANSSOUCI - Das Requiem von Anna Achmatowa kam am Sonntagnachmittag in der Friedenskirche als Nachklang zur stark beachteten Ausstellungseröffnung im ehemaligen KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße zur Aufführung. Olga Danilowa las die russischen Originaltexte, Franziska Buchner trug jeweils die deutsche Nachdichtung von Ludolf Müller vor. Matthias Jacob begleitete die Lesung mit passenden Werken von Sergej Rachmaninow, Oliver Messiaen und Felix Mendelssohn Bartholdy.

Die Lyrikerin Anna Achmatowa (1889–1966) schildert das Leiden ihres Volkes unter der Schreckensherrschaft Stalins. Der Text ist nah an der Realität aber so einfühlsam, wie nur der schreiben kann, dem das geschriebene Wort seit Kindheitstagen ein vertrautes Instrument ist. Leiden und Verzweiflung haben ihr nicht die Kraft genommen. Lew Kopelew schrieb über Achmatowa: „Ich sah und hörte eine Kaiserin der Poesie, eine rechtmäßige Monarchin, so ungekünstelt einfach, weil sie keine Selbstbestätigung brauchte.“

Die 1889 in der Nähe von Odessa geborene Achmatowa studierte Literaturgeschichte und schrieb Gedichte. Unter Stalin wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erlebte die Repressalien des totalitären Staates am eigenen Leib. Freunde, gute Bekannte, schließlich auch ihr Ehemann und der gemeinsame Sohn kamen für viele Jahre in Gefängnis- und Lagerhaft. Mit ihrem Requiem hat sie der Angst um das, was man liebt, eine Stimme gegeben. Dem Leiden der vielen Hinterbliebenen, den Millionen von geknechteten und ermordeten Inhaftierten des Gulag hat sie so ein Denkmal gesetzt.

Die von Jacob ausgewählte Musik untermauerte das gelesene Wort kongenial. Rachmaninows cis-Moll-Prelúde, das am Klavier sonst überstrapaziert wird, erhielt in der Übertragung auf die Orgel eine neue, tiefere Dimension. Aus dem letzten Orgelwerk „Livre du Saint-Sacrament“ von Messiaen wählte Jacob den Teil über das Osterfest aus. Mendelssohns c-Moll-Orgelsonate gab der Veranstaltung den angemessenen Schluss. (mm)

21.04.2012   Evangelischer Pressedienst

Gedenkstätte im Potsdamer KGB-Gefängnis eröffnet

Platzeck und Neumann erinnern an Leid von Häftlingen - Opferverbände protestieren mit Menschenkette

 

Der große befürchtete Eklat blieb aus. Kein einziger Buhruf störte am Mittwoch in Potsdam die Eröffnung der Gedenkstätte am Ort des ehemaligen KGB-Gefängnisses. Und doch war der Konflikt mit zwei Opferverbänden allgegenwärtig, als Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) das kleine Haus in der Leistikowstraße der Öffentlichkeit übergaben.

Der stalinistische Terror habe es zu einem "Ort von Unrecht, Willkür, Gewalt und unvorstellbaren Leid" gemacht, betonte Platzeck in seiner Ansprache vor einer gemeinsamen Kranzniederlegung. In dem ehemaligen evangelischen Pfarrhaus nahe des Schloss Cecilienhofs hatte der sowjetische Geheimdienst zwischen 1945 und 1994 eine unbekannte Anzahl von Menschen inhaftiert.

Die neue rund 1.000 Quadratmeter große Dauerausstellung umfasst rund 400 Fotos, Dokumente und Medienstationen. Dabei werden insgesamt 50 Häftlingsschicksale exemplarisch dargestellt. Für die Realisierung stellten Bund und Land knapp 800.000 Euro zur Verfügung.

Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ostdeutschland 1994 nutzten zunächst ein Gedenkstättenverein sowie eine Zeitzeugeninitiative das Haus als Veranstaltungsort. Erst dadurch rückte die Geschichte des 1916 erbauten Hauses inmitten eines früher hermetisch abgeschlossenen Militärareals in das Bewusstsein.

Sowohl Platzeck wie auch Neumann würdigten daher unter lautem Beifall der 400 eingeladenen Gäste die Verdienste dieser beiden Initiativen. "Es ist immer klug, Opfer und Zeitzeugen in die Gestaltung einer Gedenkstätte einzubeziehen", sagte der Kulturstaatsminister.

Mit Gründung einer eigenen Stiftung innerhalb der landeseigenen Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten begannen dann Ende 2008 die Vorbereitungen zunächst für eine vorläufige und dann für die endgültige Dauerausstellung, wie sie ab Donnerstag zu sehen ist. Gedenkstättenverein und Zeitzeugen-Initiative werfen der Stiftung nun vor, die Dramatik der Häftlingsschicksale zu wenig in den Vordergrund zu stellen und aus dem Haus ein "KGB-Museum" gemacht zu haben. Vor vier Wochen kam es sogar zu einem tätlichen Angriff eines ehemaligen Häftlings auf die heutige Gedenkstättenleiterin Ines Reich.

"Offensichtlich gehen die Erwartungen auseinander", resümierte Reich den Streit am Rande der Eröffnung. "Wir wollten ein modernes zeithistorisches Museum, andere eher ein Mahnmal." Reich bekräftigte ihr Angebot einer weiteren Zusammenarbeit. Für die Zeitzeugen-Initiative erklärte hingegen bei einer Pressekonferenz in der nahegelegenen Villa Quandt der ehemalige Häftling Bodo Platt: "Ziel war, uns auszugrenzen." In der Dauerausstellung fehle "der Mensch".

Der sichtlich in dem Streit um Vermittlung bemühte Ministerpräsident warb daher in seiner Ansprache dafür, gemeinsam Chancen für Verbesserungen der Dokumentation auszuloten und umzusetzen: "Wo sich etwas verbessern lässt, sollten wir das tun", sagte Platzeck.

Inwieweit Gedenkstättenverein und Zeitzeugen-Initiative die ehemaligen Häftlinge repräsentieren, ist unklar. An einer Menschenkette "zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewalt" mit rund 50 Menschen nahmen am Mittag nur einige wenige von ihnen teil. Beide Verbände fordern mittlerweile die Abberufung Reichs. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten verwies ihrerseits darauf, dass sie mit einer Vielzahl von Opfern in Kontakt stehe.

epd ost jh bue

 

Gedenkstättenverein KGB-Gefängnis