Begrüßungsworte für die Feier mit Kranzniederlegung zum Europäischen Gedenktag 23.08.2020 von der Vereinsvorsitzenden Gisela Rüdiger

Ich begrüße Sie, liebe Frau Bonk und ihre Tochter, liebe Frau Martins, (liebe Frau Jann und Herr Jann), lieber Peter Seele und deinen Sohn, sehr geehrter Herr Schlüter.
Leider können die meisten Zeitzeugen nicht mehr nach Potsdam kommen. Ihre Gesundheit und ihr Alter lassen weite Reisen nicht mehr zu. Einige haben uns geschrieben und schicken Grüße, die ich hiermit gern weitergebe: von Frau Blazcyk, von Herrn Platt, von Herrn Utech (und von Frau Jann)
Leider kamen wieder zwei Einladungen, die wir an Zeitzeugen geschickt hatten, ungeöffnet zurück.
Ich begrüße herzlich Frau Dr. Haustein vom MWFK, Frau Dr. Seemann von der Stadt Potsdam, Herrn Körner von der LAKD und Herrn Lange, den stellvertretenden Vorsitzenden der UOKG.
Sehr geehrter Beiratsvorsitzender Herr Vogel,
Liebe Mitglieder des Vereins Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis
Sehr geehrte Frau Dr. Reich. Ich danke Ihnen, dass die Gedenkfeier wieder hier stattfinden kann.
Liebe Frau Dr. Giesen.
Zum 5. Mal richtet unser Verein „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam” den „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ hier in der Leistikowstraße aus. In diesem Jahr ohne einen zentralen Vortrag und ohne das sonst übliche Büfett. Wir alle hoffen, dass wir Sie im nächsten Jahr wieder zu einer größeren Gedenkfeier einladen können.

Die Zeitzeugeninitiative, zu der sich ca. 20 ehemalige Häftlinge aus diesem Gefängnis vor etwa 10 Jahren zusammengeschlossen hatten, widmet in diesem Jahr ihren Kranz den Jugendlichen, die durch die Verhaftungswelle der sowjetischen Geheimdienste ihre Jugend verloren haben.
Diese Jugendlichen wurden aus dem Schulunterricht heraus, aus den Wohnungen ihrer Eltern, oft des Nachts oder in den frühen Morgenstunden festgenommen. Damals hieß es, sie wurden „abgeholt“. Sie waren 15, 16, 17, 18, 19, 20 Jahre alt. Sie wurden von Mitarbeitern der sowjetischen Geheimdienste in Keller gesperrt, gefoltert, verhört, völlig allein gelassen ohne ihre Eltern oder Angehörige oder einen Anwalt sprechen zu können. Die wenigsten von ihnen kamen wieder frei.
Benno Prieß listet in seinem Buch “Erschossen im Morgengrauen“ allein für Potsdam 56 Namen von Jugendlichen auf, die zwischen dem Herbst 1945 und dem Frühjahr 1946 “abgeholt” wurden. Die meisten Schicksale der Jugendlichen sind bis heute nicht aufgeklärt. Von 14 wissen wir, dass sie erschossen wurden. In ihren Rehabilitierungs-Urkunden, soweit sie vorliegen, steht, dass sie in Potsdam erschossen wurden. Wo die Erschießungen stattfanden und wo ihre Gräber sind, ist bis heute nicht bekannt.
Einer der 1945 zum Tode verurteilten und dann zu einer langjährigen Haftstrafe begnadigten Jugendlichen aus Potsdam war Heinz Schwollius zur Zeit seiner Verhaftung 16 Jahre alt.
In seinem Buch „Aus der Todeszelle in die Hölle von Bautzen“ beschreibt er sein Schicksal. Seine Todeszelle ist hier in diesem Gefängnis zu sehen, fast noch im Original.
Elternlos, wohnungslos hatte Heinz Schwollius 1945 eine Arbeit als Betreuer bei der „Antifaschistischen Jugend“ angenommen. Wenig später wurde er aufgefordert, in die KPD einzutreten, was er und andere jedoch ablehnten. Diese Ablehnung, und der Umstand, dass er sich von Amerikanern im Fahrzeug mitnehmen ließ, als er zu Fuß von einem Besuch seiner Tante in Berlin nach Potsdam unterwegs war, führten wohl zu seiner Verhaftung, sowie eine mögliche Denunziation.

Heinz Schwollius beschreibt in seinen Erinnerungen das Lebensgefühl vieler Jugendlicher der unmittelbaren Nachkriegszeit wie folgt: „Wohl jeder, der 1945 das Ende des Krieges und die zurückliegenden Jahre der Bombenangriffe, sowie die Wochen der letzten Kämpfe überlebt hatte, glaubte nun an eine friedvolle und mit Hoffnung verbundene Zukunft. Besonders die Jugendlichen waren überzeugt, nun ihrem Leben einen neuen Sinn geben zu können“.
Auch in anderen Erinnerungsberichten von ehemaligen Häftlingen habe ich häufiger solche damals gehegten Hoffnungen lesen können.
Diese Jugendlichen wurden bitter enttäuscht.
Den Zwang, den Heinz Schwollius spürte, als er in die KPD eintreten sollte, spürten viele Jugendlichen in der SBZ. Dem Zwang sich politisch zu äußern, sich zu verhalten konnte sich kaum jemand entziehen.
Die Sowjetische Besatzungsmacht ließ keinen Raum für eine freie Entfaltung der Jugendlichen zu. Eine Demokratisierung der Gesellschaft wurde von Anfang an unterbunden. Ein Aufbau demokratischer Strukturen war quasi verboten oder geschah nur zum Schein.

Heute kann die Gedenkstätte Leistikowstraße den Raum bilden, wo man versuchen sollte, die Schicksale der Jugendlichen aufzuarbeiten. Genau hier ist der Ort, um an ihren Leidensweg zu erinnern.

In der Sowjetunion und der damals in ihrem Machtbereich liegenden Länder Europas war eine Aufarbeitung bis 1989 nicht möglich, und leider war auch in den westlichen Demokratien, wo eine Aufarbeitung möglich war, das Interesse daran eher gering oder stark ideologisiert.
Aber seit 1989 hat sich viel bei der Aufklärung der stalinistischen Verbrechen getan. Inzwischen sind eine ganze Reihe von Forschungsergebnissen veröffentlicht worden. Ich erinnere an die in den letzten Jahren erschienenen Bücher von Jörg Baberowski und Karl Schlögel oder die von den Amerikanern Anne Applebaum und Tymothy Snyder. Auch Historiker des Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung und der Gedenkstätten Leistikowstraße und Lindenstraße haben recherchiert und zu diesem Thema Bücher herausgebracht.
Aber auch Romane, wie „Atemschaukel“ von Herta Müller, haben dazu beigetragen, uns die Zeit der totalen Entwürdigung, Erniedrigung und massenhaften Ermordung von Millionen Menschen unter Stalin und Hitler näherzubringen.
Herta Müller hat in ihrem Roman das Schicksal eines jungen Mannes, der Jahre in einem Gulag verbringen musste, in einer ganz besonderen eindringlichen Weise beschrieben. Sie lässt ihn, den Überlebenden – Jahrzehnte nach seiner Lagerhaft – sagen: „Ich weiß seit 60 Jahren, dass meine Heimkehr das Lagerglück nicht bändigen konnte. Es beißt mit seinem Hunger heute noch von jedem anderen Gefühl die Mitte ab. Mittendrin ist bei mir leer“
Wie vielen der Überlebenden mag es wohl ebenso ergangen sein.
Danke
Schweigeminute einlegen für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus

Einladung zum „Stillen Gedenken“ am 18. April

Der Verein Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam möchte auch in diesem Jahr an die vielen zu Unrecht in dem ehemaligen Gefängnis in der Leistikowstraße Inhaftierten erinnern. Alljährlich haben wir am 18. April Kränze oder Blumen an den beiden Gedenktafeln an der Mauer des Gefängnisses abgelegt, was in diesem Jahr nicht möglich ist. Am 18. April 1946 wurden die drei 16-jährigen Schüler Klaus Tauer, Klaus Eylert und Joachim Douglas des heutigen Einstein-Gymnasiums in Potsdam erschossen – nur Herrmann Schlüter wurde zu „20 Jahren Arbeitslager“ begnadigt. Als der Schulunterricht im Herbst 1945 wieder begann, war nur noch etwa die Hälfte der Schüler der alten Klasse anwesend. Etliche waren mit ihren Eltern geflohen, andere sind in den letzten Kriegstagen umgekommen. Am Russischunterricht in dieser Schule wollten jedoch viele Schüler aus der Klasse nicht teilnehmen, sondern spielten lieber Fußball. Noch im Frühjahr hatten sie bei Krampnitz Schützengräben ausheben müssen und eine militärische Ausbildung im Bornstedter Feld erhalten. Im Oktober 1945 wurden die Schüler Fuhrmann, Theo Waßmer und Joachim Douglas aus dem Unterricht heraus vom sowjetischen Geheimdienst abgeholt und wenige Tage später wieder entlassen. Zwei von ihnen flohen über die Glienicker Brücke in den Westen. Joachim Douglas blieb. Im November wurde auch Klaus Tauer aus dem Unterricht heraus verhaftet und am 18. Dezember wurden Herrmann Schlüter und Klaus Eylert früh morgens aus ihren Betten geholt. Joachim Douglas wurde ein paar Tage später, am 24. Dezember, wieder verhaftet. Sie wurden in das Haus in der Victoriastraße 54, der heutigen Geschwister-Scholl-Straße, gebracht, gefoltert und zum Tode wegen angeblicher „feindlicher Einstellung zur Sowjetunion und Wehrwolf-Tätigkeit“ verurteilt. Nach der Verurteilung wurden alle mit einigen zum Tode verurteilten Offizieren der Wlassowarmee und zwei weiteren Offizieren in das Gefängnis in die Leistikowstraße gebracht. Ihre Gnadengesuche wurden abgelehnt, nur Hermann Schlüter, der jüngste wurde begnadigt. Hermann Schlüter verstarb am 15.5.2018 in Potsdam. Alle vier wurden am 11. März 1993 rehabilitiert. An diese Schicksale möchten wir an diesem 18. April stellvertretend für alle zu Unrecht Inhaftierten, die dem Terror der sowjetischen Geheimdienste ausgesetzt waren, in stillem Gedenken erinnern. (Zwischen Herbst 1945 und Frühjahr 1946 sind 56 Jugendliche und Kinder von Potsdam zum Tode oder zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden, davon sind 14 erschossen worden -- Zusammenstellung von Benno Prieß in „Erschossen im Morgengrauen“)

Öffentliches Zeitzeugen-Gespräch mit Horst Goltz am Mittwoch, dem 30.10.19, um 18.00 Uhr im Gemeindesaal der Pfingstkirchengemeinde, Große Weinmeisterstr. 49a

Horst Goltz, (Jahrgang 1930) ist ein wichtiger Zeitzeuge, der sein ganzes Leben in Potsdam gelebt und gearbeitet hat. Mitschüler 1946 der Klasse unserer vier Jungen der Einstein-Realschule: Douglas-Eylert-Tauer-Schlüter, unschludig verhaftet 1946, Todesurteil. Nur Hermann Schlüter wurde „begnadigt“. Da Horst Goltz sich früh für Biologie und Pflanzenschutz interessiert hat, konnte er in Potsdam bleiben: Pflanzenschutz war ein wenig „ideologie-verdächtiger“ Beruf. Wie hat Horst Goltz das Kriegsende in Potsdam erlebt? Was kann er über das Verschwinden seiner Mitschüler berichten? Wie erlebte er die Nachkriegsjahre im Land Brandenburg und in der D D R? Worüber konnte man vor 1989 berichten? Zudem besitzt Herr Goltz eine einzigartige Sammlung alliierter Flugblätter, die 1944/1945 zur Kapitulation aufrufen. Damals eine höchst gefährliche Sache. Alltagsleben in der D D R – hier ein Leben ohne traumatisierende Brüche.

Moderation: Karen Plate-Buchner und Richard Buchner

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Jugendproteste an der Einstein-Realschule Potsdam, 1946 und 1950

Mittwoch, 25. September: Diskussion mit Schülern des Einstein-Gymnasiums

17 Uhr – Führung durch das Haus (Dr. Buchner)
18 Uhr – Zeitzeugengespräch mit Christian, Erika und Bettina Runge:

1) Vortrag Dr. Christian Runge (Jg. 1932) über seinen Bruder. Peter Runge (1929-2009) wird im Mai 1946 inhaftiert, weil er statt einer roten eine weiße Nelke getragen hat.[Häftling in Potsdam, Lindenstraße, dann im Lager Sachsenhausen]. Er hat das Glück, 1950 frei zu kommen, statt in Stasi-Haft überstellt zu werden. Doch fast seine ganze Klasse ist nun über West-Berlin nach Bremen geflüchtet. (Die Mauer wurde ja erst 1961 gebaut.) Auch Peter Runge wählt die Flucht. Die Einstein-Realschule Potsdam wird nun 1950 aufgelöst, Neubegründung als Einstein-Gymnasium nach 1989. Peter Runge wird durch die Russische Föderation offiziell rehabilitiert.

2) Julius Klingemann, Einstein-Gymnasium 2019, hat soeben mit einem Forschungsprojekt zu den Jugendprotesten in Potsdam 1946 bis 1950 den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen: Schülerinnen und Schüler befragen den Zeitzeugen Christian Runge. Auch die Schwestern Dr. Erika Runge (Jg. 1939) und Bettina Runge stehen als Zeitzeugen zur Verfügung.

3) Offene Diskussion mit allen Besuchern, Moderation: Dr. Richard Buchner

Eintritt frei – wir freuen uns auf Ihr Kommen und Ihre Fragen. – Der Vorstand

Die Veranstaltung wird unterstützt von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

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Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus am 23. August 2019 um 18.00 Uhr

Programm

Begrüßung: Dr. Richard Buchner, Vors. Gedenk- und Begegnungsstätte ehem. KGB-Gefängnis e.V.

Grußwort: Reiner Walleser, Abteilungsleiter Kultur, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Land Brandenburg

Grußwort: Dr. Birgit-Katharine Seemann, Fachbereichsleiterin Kultur und Museen Landeshauptstadt Potsdam

Festvortrag „1939 – Über den Zusammenhang von Appeasement-Politik und Entfesselung des Zweiten Weltkrieges“, Prof. Dr. Karl Schlögel, Osteuropahistoriker, Autor, Träger zahlreicher Auszeichnungen und Preise, darunter der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2018, Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaft und die Künste

Solist: Varoujan Simonian, Violine, Johann Sebastian Bach, Sonate I g-Moll, BWV 1001, Adagio, Fuge, Fritz Kreisler, Recitativo und Scherzo-Caprice op.6

Im Anschluss daran laden wir Sie herzlich zu Getränken und einem Imbiss ein.

V.i.S.d.P. Gisela Rüdiger
E-Mail giselapotsdam@tele2.de Tel. 0331 270 04 54

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Vortrag in der Gedenkstätte Leistikowstrasse in Potsdam am 23.August 2019

1939 – Über den Zusammenhang von Appeasement und Entfesselung
des Zweiten Weltkriegs –

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Vor genau 80 Jahren, in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939, wurde in Moskau der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet, nach den Außenministern auch Ribbentrop-Molotow-Pakt oder nach deren Chefs auch Hitler-Stalin-Pakt genannt. Vervollständigt wurde er einen Monat später durch den am 27.September abgeschlossenen Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag. Der Hitler-Stalin-Pakt garantierte dem Deutschen Reich sowjetische Neutralität im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten. In einem geheimen Zusatzprotokoll wurde Ostmitteleuropa – von Finnland bis zum Balkan – in eine deutsche und sowjetische Einflusssphäre aufgeteilt. Eine Woche nach Unterzeichnung des Vertrages in Moskau überfiel die deutsche Wehrmacht das Nachbarland Polen, am 17. September überschritt die Sowjetarmee die Ostgrenze Polens. Am 22. September fand die gemeinsame deutsch-sowjetische Truppenparade in Brest statt, abgenommen von den Seite an Seite stehenden Kommandierenden Heinz Guderian und Semjon Kriwoschein.
Alle diese Szenen sind genau dokumentiert – von den anwesenden Übersetzern wie Paul Schmid, Gustav Hilger, Vladimir Pawlow, Valentin Bereschkow, von Diplomaten, die, wenn sie überlebt haben, später ihre Erinnerungen veröffentlicht haben, von Kamera- und Filmteams, die Bilder für die Wochenschauen geliefert haben, Bilder, angefertigt von Hitlers Leibphotograph seit Münchner Tagen, Heinrich Hoffmann. Die Bilder sind zu Ikonen geworden und beglaubigen, was die Welt am Tag nach der Unterzeichnung nicht glauben konnte: Dass die ideologischen Todfeinde von gestern über Nacht sich einvernehmlich über freundschaftliche Zusammenarbeit geeint hatten. Eine Schockwelle ging durch die Hauptstädte, die Zeitungsleser rieben sich die Augen, die einen sahen sich verlassen und verraten, die Welt am Abgrund, andere atmeten auf, weil die Welt endlich wieder im Lot war, Russland und Deutschland endlich wieder zu normalen und guten Beziehungen zurückgekehrt waren, der Frieden in Europa gerettet war. Wie die Europäer schon wenige Tage später lernen mußten: es war nicht der Beginn einer Friedenszeit, sondern der Starter für den Zweiten Weltkrieg, das Ende einer Zeit, die im Nachhinein als Zwischenkriegszeit bezeichnet wurde, Teil 2 der Weltkriegspoche, an deren Ende Europa in Schutt und Asche gelegt und der Krieg dorthin zurückgekehrt war, wo er seinen Ausgang genommen hatte: Deutschland.
Es ist 10 Jahre her – exakt: der 2.April 2009 , dass das Europäische Parlament eine Entschliessung zum „Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ annahm, in der der 23. August zum „Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regimes“ erklärt wurde. Es gibt nicht viele Orte, an denen die Erinnerung an dieses Datum fest und wachgehalten wird. Die Gedenk und Begegnungsstätte Leistikowstrasse in Potsdam, in der seit Jahren an die hier Verhafteten Gefolterten, Verurteilten, Deportierten, Getöteten erinnert wird, ist einer der wenigen Orte, um eine Geschichte in den Blick zu nehmen, die immer noch unendlich weit entfernt ist und im Wahrnehmungshorizont von uns Deutschen kaum vorkommt: das Schicksal der Welt und jener Völker und Individuen, die nach den Abmachungen des Paktes zwischen die Fronten der beiden totalitären Mächte. Sowjetrussland und Nazi-Deutschland geraten und zu Opfern einer doppelten Diktaturerfahrung geworden waren. Es fällt uns, die wir doch so vorbildlich uns mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt haben wollen, immer noch schwer, die Geschichte anderer zur Kenntnis zu nehmen oder gar zu verstehen. Die Initiative des Europäischen Parlaments ist, auch wenn es seither ein Europäisches Museum in Brüssel oder ein Weltkriegsmuseum in Danzig gibt, wo dieser Erfahrung Ostmitteleuropas in gewissem Sinne Rechnung getragen wird, noch immer ganz am Anfang, es ist so etwas wie „invention of tradition“, ein Prozess, der nicht per Knopfdruck bewältigt werden kann, sondern wohl etwas mit der Alltags- und Lebenserfahrung der Gesellschaften des östlichen Europa zu tun hat. Überall hat, nachdem im östlichen Europa Diktatur und Zensur gefallen waren, ein Prozess der Spurensicherung, der Dokumentation, der Befragung der Überlebenden, der Publikation von Erinnerungen eingesetzt, die Licht ins Dunkel bringen wollen, an denen man aber auch ablesen kann, wie ungemein kompliziert es ist, eine Geschichte zu vergegenwärtigen, die voller heilloser Verstrickungen war. Überall sieht man die Bemühungen, mit einer Geschichte, die sich „zwischen den Fronten“ abgespielt hat, klar zu kommen. Eine neue Museums- und Erinnerungslandschaft hat sich seit dem Ende des Ostblocks herausgebildet, alte Dauerausstellungen werden umgestellt und modifiziert. In einem postmodernen Glaspavillon am Fusse des Dombergs in Tallinn wird die Erfahrung der Esten mit der sowjetischen und der deutschen Okkupation dargestellt. In unmittelbarer Nachbarschaft zum rekonstruierten Schwarzhäupterhaus in Riga ist das ehemalige Museum der Lettischen Schützen in ein Museum der Okkupation umgewandelt worden. In Wilna gibt es ein Museum der Opfer des Genozids, untergebracht in einem Gebäude am Gediminas-Prospekt, das sowohl von Gestapo wie von NKWD/KGB genutzt worden ist, und abgetrennt davon, an einem eigenen Ort, dem Fort 16 in Kaunas, das Museum, in dem die Vernichtung der litauischen Juden dargestellt wird. Oft sind es Gefängnisse, die von beiden Seiten genutzt worden sind, und oft gibt es Orte, an denen die Massengräber der einen neben den Massengräbern der anderen liegen. In den Gefängnissen von Lemberg/Lwow/Lviv, in Kiew in der Schlucht von Baybj Jar und dem Wald von Browary, in den Parks und Sportanlagen von Winniza. Und es gibt die Orte, an denen der Widerstand gegen beide mörderische Systeme dokumentiert ist – etwa im Weltkriegsmuseum in Danzig, im Museum des Warschauer Aufstands in Warschau, im Nationalmuseum in Kiew.
Warum der 23.August eben kein gesamteuropäischer lieu de memoire ist oder geworden ist, hat viele Gründe: in jedem vom Pakt und seinen Folgen getroffenen Land wird er anders erinnert. Stefan Troebst hat versucht, die unterschiedlichen Erinnerungen so zu fassen:
Für die westlich-transatlantische Welt ist der 23.August als das Datum der Aufteilung Ostmitteleuropas in eine national-sozialistische und sowjetische Hälfte „so gut wie nicht präsent“ (Troebst) und ist überlagert von den Grossen Drei der Anti-Hitler-Koalition, dem D-Day und dem Holocaust-Geschehen.
Im westlichen Deutschland ist die Zeit von 1939 bis 1941 überlagert von dem Nachfolgenden: dem „Vernichtungskrieg im Osten“, Auschwitz, Bombenkrieg und Flucht und Vertreibung.
Für Ostmitteleuropa stellt sich dieses Datum ganz anders dar. 1939 ist das symbolische Datum für das Ende der nach dem Ersten Weltkrieg errungenen Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit sowie der Beginn eines doppelten und grausamen Besatzungsregimes, der Beginn einer Zwangssowjetisierung, die nach dem Sieg über die deutsche Wehrmacht wieder aufgenommen wurde und bis zum Ende der Sowjetunion angehalten hat.
In Russland war bis zum Ende der Sowjetunion die Existenz des Zusatzabkommens überhaupt bestritten worden, der Pakt selbst wurde interpretiert als Reaktion auf die Weigerung des Westmächte zu einem gemeinsamen System der kollektiven Sicherheit und als ultima ratio, um Zeit zu gewinnen für die Vorbereitung auf den unaufhaltsam sich nähernden Krieg Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion; die Zeit gemeinsamer deutsch-sowjetischer Herrschaft über Ostmitteleuropa verschwand gleichsam im Schatten des deutsch-sowjetischen Krieges und der ungeheuerlichen Opfer der Völker der Sowjetunion, vor allem im Schatten des Triumphes im Grossen Vaterländischen Krieg: des offiziellen Tages des Sieges, der nicht so sehr ein Tages der Trauer um die Im Krieg verlorenen Angehörigen war. In diesem Narrativ erscheint Stalin als überlegender Stratege und Garant des späteren Sieges, ein Narrativ, das sich abgewandelt sich bis heute hält und das nicht zuletzt durch eine Gesetzgebung abgesichert werden soll, die die kritische Interpretationen als Verleumdung, Geschichtsfälschung und unpatriotisches Verhalten unter Strafe stellt.
Noch einmal anders und widersprüchlicher stellt sich die Rezeption etwa in der unabhängig gewordenen Ukraine dar, existiert sie heute doch in den durch den Pakt gezogenen Grenzen, während sie gleichzeitig die Geschichte ihres Unabhängigkeits-Kampfes gegen beide – die stalinistische Sowjetunion und Nazi-Deutschland – betont.
Diese Differenzen in der Interpretation und Einordnung spiegeln unterschiedliche und oft konkurrierende Erfahrungen wieder und lassen sich nicht einfach durch ein konstruiertes und ideales gemeinsames europäisches Narrativ überbrücken. Diese unterschiedlichen und oft sehr verwickelten geschichtlichen Erfahrungen auszuhalten und zu verarbeiten, beginnt damit, sie sich erst einmal anzuhören, sie einzulassen in den eigenen Horizont – und dabei freilich alle meist nationalistischen Idealisierungen und Mythisierungen zurückzuweisen (was nicht einfach ist).
Wir bewegen uns, was den 23.August als Gedenktag angeht, durchaus nicht in einem oft schon zum Recycling gewordenen, gleichförmigen und oft allzu bequemen Erinnerungsritual, sondern lassen uns auf eine offene Strecke ein – mit allen Zumutungen und Risiken, die damit verbunden sind. Wie können wir, die Nachgeborenen, die so weit ab von diesen Erfahrungen sind, hier überhaupt mitreden, wie können wir eine Sprache finden für eine unendlich verwickelte und tragische Geschichte, die der Erzählung der Sieger etwas entgegen zu setzen hat und der Erfahrung der Opfer auch nur halbwegs gerecht wird?
Ich habe mich in der Vorbereitung auf diesen Vortrag in der Literatur umgesehen – sie ist riesenhaft, unüberschaubar: von den Zeitzeugen unter den Diplomaten – Hilger, Schmidt, Molotow , den Tagebuchschreibern und Protokollanten – Iwan Majski – den quellenbasierten Arbeiten deutscher wie ausländischer Historiker nun schon mehrerer Generationen, die sich alle einen Reim zu machen versucht hatten – von Andreas Hillgruber, Sebastian Haffner oder Lew Besymenski, bis zu den neuesten Arbeiten wie die von Roger Moorhouse und Claudia Weber, sogar eine Lektüre einschliessend, die in der Regel von der internationalen Historikerzunft als unwissenschaftlich, apologetisch, revisionistisch be und verurteilt wird wie Viktor Suworows Buch mit der These vom „Eisbrecher“.
Den ausgezeichneten Sammelband der Zeitschrift Osteuropa zum 70.Jahrestag 2009 studierend, kam es mir so vor, dass ich etwas grundsätzlich Neues zum Thema nicht beisteuern kann, um so mehr als ich kein Experte in Diplomatie-Geschichte und Aussenpolitik bin und noch weniger ein Militärhistoriker, der man eigentlich sein müßte, um die diversen, auch im Verborgenen spielenden Verbindungen aufdecken und verstehen zu können. Das zu sagen, ist wichtig in Potsdam mit seiner Konzentration von militärgeschichtlicher Expertise. Was ich aber wohl machen kann, ist den Blick auf etwas zu richten, was mir neu erscheint. Jede Zeit richtet neue Fragen an die Geschichte und ringt um Antworten. Das kann man sehen, wenn man auf den Baltischen Weg, also jene Menschenkette von über eine Million blickt, die am 23.Augut 1989 von Vilnius über Riga bis Tallinn reichte. Es handelte sich eben nicht nur um eine akademische Frage. Damals ging es noch um den Kampf darum, ob das Geheime Zusatzabkommen überhaupt existiert hat, oder ob es sich um eine böswillige Unterstellung und Erfindung von antisowjetischen Propagandisten und Agenten handelt. Die Bildung einer Menschenkette von weit mehr als einer Million war Ausdruck des Unabhängigkeitsstrebens der baltischen Völker war, der Anerkennung und Nichtigerklärung des Vertrags durch den Kongress der Volksdeputierten im Dezember 1989 in Moskau – womit auch das Ende der Sowjetunion eingeleitet war. Damals stand die Auseinandersetzung um die geschichtliche Wahrheit im Zusammenhang mit dem Kampf um die Wiedergewinnung der Souveränität der baltischen Staaten und die Auflösung des sowjetischen Imperiums.
Seither hat sich die Welt noch einmal geändert und mit ihr auch die Fragerichtung. Es ist seither manches geschehen, was im Erwartungshorizont der Zeit nach 1989, nach dem endlich eingetretenen Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas, nicht vorgesehen war: die Rückkehr des Krieges nach Europa – zuerst in Jugoslawien und Russland -, dann die Verschiebung der Grenzen eines souveränen Staates – Russlands Annexion der Krim und der Krieg in der östlichen Ukraine – eine Nachkriegszeit, die in vielem fast wie eine Vorkriegszeit erscheint, schliesslich ein amerikanischer Präsident, der aufgehört hat, Umgangsformen und Regeln des internationalen Verkehrs zu respektieren. Überall geschahen Dinge, die man sich bis vor kurzem „nicht hatte vorstellen“ können: Wie immer man diesen Zustand bezeichnen will, neue Weltunordnung, Ende der Bipolarität, Wiederkehr des Kalten Krieges, gewiss ist, dass es neue Bedrohungsszenarien gibt, die man sich in der Euphorie der Nachwendezeit nicht hatte vorstellen können. Der Angriff Putin-Russlands auf die souveräne Ukraine, die Annexion ukrainischen Territoriums und der bis heute anhaltende unerklärte Krieg im Donbass – all das hat im östlichen Europa eine Erfahrung reaktiviert, die nicht einfach als psychologische Empfindlichkeit oder Phobie von Balten, Polen, Weissrussen oder Ukrainern abgetan werden kann, sondern etwas mit historischer Erfahrung zu tun hat, einer Erfahrung, von der man im westlicher gelegenen Deutschland immer noch wenig oder zu wenig weiss, und die man nicht zur Sprache bringen will, weil jede Kritik der sowjetischen Politik sogleich als Ablenkung von den ungeheuerlichen Verbrechen, die die Deutschen im Osten Europas begangen haben, als Russophobie, Antikommunismus oder Rückfall in den Kalten Krieg stigmatisiert wird. Die Angst, noch einmal verraten und preisgegeben zu werden, beruht aber nicht auf der Einbildung von Querulanten mit einer leichten psychologischen Macke. Die Rhetorik des Appeasement und der angeblichen Realpolitik ist denen, die im 20. Jahrhundert die Rechnung dafür bezahlen mußten, wohl geläufig. Man sollte sich daher nicht wundern, wenn Balten, Polen, Ukrainern Assoziationen zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt und Freundschaftsabkommen samt Geheimprotokollen in den Sinn kommen, wenn in einer Situation territorialer Annexion, offener Gewaltausübung und fortgesetzter Drohung von Seiten der Russischen Föderation eine Gas-Pipeline fertig gebaut wird, so als wäre nichts geschehen.
Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt Konstellationen und Verhaltensweisen, die aufschlussreich sind, die einen sensibel machen können, für das was jetzt geschieht. Es gibt keine Rezepte, die man unmittelbar aus der Geschichte ableiten kann, und Analogien führen meist in eine Sackgasse, aber man kann daran den historischen Sinn schulen, um wach zu sein und sich fit zu machen für die Gegenwart. Dass etwas miteinander zu vergleichen nicht bedeutet, etwas gleichzusetzten – diese Selbstverständlichkeiten lernt man schon in den ersten Klassen der Grundschule, haben es in einer Öffentlichkeit, die sich für reif und erwachsen hält, aber immer noch schwer.
Aus dieser Vorrede folgt, dass ich mich im Folgenden vor allem mit drei Themen beschäftigen werde:
Erstens: Was heißt es überhaupt, sich mit der Erfahrung derer vertraut zu machen, die für fast zwei Jahre – von September 1939 bis Juni 1941 – Objekt einer doppelten totalitären Herrschaft geworden sind? Wir müssen uns erst einmal einer Erfahrung öffnen, die in der Regel in unserem Horizont nicht oder kaum vorkommt. Wir müssen erst einmal hinhören.
Zweitens: Wenn es eine Lehre gibt, dann die, dass Appeasement und Realpolitik die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges nicht verhindert, nicht einmal hinausgezögert haben, sondern Teil seiner Entfesselung war. Dabei darf man wesentliche Unterschiede – etwa zwischen Appeasement und aktiver Kooperation oder Kollaboration – nicht übersehen.
Drittens: Was sind die Langzeitfolgen dieser Doppelherrschaft und Doppelerfahrung? Was heißt es, eine Sprache für die Erfahrung der Opfer zu finden, die es mit den Meistererzählungen der Sieger aufnehmen kann?

Erstens: Was heißt es überhaupt, sich mit der Erfahrung derer vertraut zu machen, die für fast zwei Jahre – von September 1939 bis Juni 1941 – Objekt einer doppelten totalitären Herrschaft geworden sind?
Fast auf die Stunde genau begann 8 Tage nach der Unterzeichnung des Nichtangriffs-Pakts am 1.September der deutsche Angriff. 60 Divisionen, 2.500 Panzer, über 1 Millionen Soldaten überschritten die 2.000 Kilometer lange polnische Grenze aus drei Richtungen. Wie Hitler es in seiner Ansprache an die Oberbefehlshaber am 22.August ausgedrückt hatte, war das Ziel: „Vernichtung Polens – Beseitigung seiner lebendigen Kraft“. Erstmals wurde eine Millionenmetropole Ziel von Luftangriffen, über 500 Städte und Dörfer wurden niedergebrannt; 700 Massenhinrichtungen in den ersten Wochen des „Blitzkrieges“ zeigten, was dem von Deutschen besetzten Polen bevorstand.
Am 17.September, nachdem trotz Beistandsverpflichtung und Kriegserklärung Frankreichs und Englands kein wirklicher Angriff auf Deutschland erfolgte, sondern eher etwas, was man als „drole de guerre“ bezeichnet hat, nachdem kurz zuvor der sowjetisch-japanische Grenzkonflikt in der Mongolei beigelegt war, der die Gefahr eines Angriffs auf die Sowjetunion im Fernen Osten bannte, wurde dem polnischen Botschafter in Moskau Waclaw Grzybowski mitgeteilt, dass, nachdem die polnische Regierung aufgelöst sei und der polnische Staat zu existieren aufgehört habe, die Sowjetregierung nicht gleichgültig bleiben könne gegenüber den bjelorussischen und ukrainischen Blutsbrüdern auf polnischem Territorium. Molotow nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen am 17.September 1939:
„Die Ereignisse, die durch den polnisch-deutschen Krieg hervorgerufen wurden, haben die innere Haltlosigkeit und offensichtliche Handlungsunfähigkeit des polnischen Staates bewiesen. Die herrschenden Kreise haben Bankrott gemacht…In Anbetracht all dessen hat die Sowjetregierung…dem Oberkommando der Roten Armee die Verfügung erteilt…die Grenze zu überschreiten und das Leben und das Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westbjelorusslands unter ihren Schutz zu nehmen“.
Sowjetische Truppen überschritten 3 Uhr morgens die Grenze. Polnische Truppen, die verzweifelt gegen die vorrückenden deutschen Truppen kämpften, wurden im Rücken von sowjetischen Streitkräften angegriffen. Wehrmacht und Rote Armee rückten, wie zuvor vereinbart, in koordinierten Aktionen vor und praktizierten eine Interaktion, die für beide Regime in der Zeit zwischen September 1939 und Juni 1941 charakteristisch werden sollte. Auf die gemeinsame Siegesparade und die offizielle Erklärung, dass man gemeinsam Ordnung ins „polnische Chaos“ bringen wolle, folgte am 27.September eine weitere Konferenz in Moskau, deren Ergebnis der Vertrag über Frieden und Freundschaft war, sowie ein weiteres Geheimabkommen, in dem der genaue Grenzverlauf zwischen beiden Mächten präzisiert wurde: Finnland, Estland, Lettland, Litauen (einschliesslich Wilna) sollten der sowjetischen Interessensphäre angehören – später auch die Nordbukowina und Bessarabien -, Wojewodschaften im Westen wurden dem Reich angegliedert (Warthegau), das übrige Polen (mit Warschau und Krakau) zum Generalgouvernement erklärt. Nach dieser berichtigten Grenzziehung war Polen gleichsam zweigeteilt, der westliche Teil mit ca. 20 Millionen, der östliche mit ca. 12 Millionen Menschen. Mit Massenverhaftungen und Hinrichtungen – die Sonderaktion Krakau, die Ausserordentlichen Befriedungsaktionen – versuchen die Deutschen von Herbst bis Sommer jeden möglichen Widerstand im Keim zu ersticken. 50.000 Polen starben im ersten Herbst und Winter, Tausende im Sommer 1940.
Die sowjetische Seite besetzte die ostpolnischen Gebiete unter der Losung der „Befreiung“ der in der Zweiten polnischen Republik diskriminierten und unterdrückten Minderheiten der weissrussischen und ukrainischen „Brüder“. Schon wenige Wochen nach dem Einmarsch waren Räte etabliert, die um den Anschluss an die Bjelorussische und Ukrainische Sowjetrepublik ersuchten, der dann auch erfolgte. Etwas ähnliches geschah mit den drei baltischen Republiken, die um sowjetischen Beistand ersuchten und im Juni 1940 in die UdSSR aufgenommen wurden.
Fast parallell und symmetrisch waren die Aktionen beider Mächte, was die Einverleibung der Territorien anging, wenn auch unterschiedlich in Form und Vorgehen. Während es den Deutschen auf die völkisch-rassisch definierten Feinde ankam, zielten die sowjetischen Besatzer auf die „Ausbeuterklassen“. Beide zielten je auf ihre Weise auf die „Enthauptung“ der von ihnen annektierten und inkorporierten Staaten und Gesellschaften.
Teil der Besetzung und Integration in die deutsche bzw. sowjetische Machtsphäre waren Bevölkerungsverschiebungen grossen Stils. Aus den Westgebieten Polens wurden Hunderttausende von Polen und Juden vertrieben, ins Generalgouvernement abgeschoben und in Gettos konzentriert. Ganze Landstriche wie die Zamojszczyna wurden zum Experimentierfeld für bevölkerungspolitische rassistische Experimente. Raum sollte geschaffen werden für die Sammlung von „Splittern deutschen Volkstums“ und die Germanisierung der eroberten Gebiete. Die aus den baltischen Republiken, aus Wolhynien, Bessarabien, Galizien und der Bukowina „Heim ins Reich“ geholten Deutschen wurden im Warthegau, der „frei geräumt“ worden war, angesiedelt. Ost- und Mitteleuropa wurden zum Verschiebebahnhof und zur Drehscheibe für Menschenbewegungen bisher unbekannten Ausmasses. Damit war eine Kettenreaktion von Vertreibung und Umsiedlungen in Gang gesetzt, in die Millionen von Menschen hineingezogen wurden und die auch nach Ende des Krieges noch nicht zu einem Ende kamen. Doch war dies erst der Anfang dessen, was die deutsche Herrschaft in Polen vorhatte: die Errichtung eines Sklavenstaates, Tod durch Hunger und Arbeit, Vernichtung des Judentums.
Die sowjetische Seite steuerte auf ihre Weise ihren Anteil zur Flurbereinigung bei, nicht so sehr der ethnischen als vielmehr der sozialen. Sie machte sich dabei Spannungen zwischen unterschiedlichen Minderheiten zunutze, was in der ethnischen, sozialen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Gemengelage des östlichen Mitteleuropa kein Kunststück war. Weissrussen und Ukrainer gegen Polen, Polen gegen Juden, Litauer gegen Polen, Letten und Esten gegen Baltendeutsche, das ukrainische Dorf gegen die polnische Stadt und das jüdische Shtetl. Sie nutzte und schürte vorhandene Widersprüche, so daß es in vielen Fällen tatsächlich beim Einmarsch der Roten Armee zu Begrüssungsszenen von Ukrainern, Weissrussen und Juden kam, die sich sehr wohl an das ihnen in der Zweiten Polnischen Republik widerfahrene Unrecht erinnert hatten, was wiederum blutige und rasende Pogromszenen in Gang setzte, als litauische oder ukrainische Nationalisten im Schatten des deutschen Einmarsches 1941 in Kaunas oder Lemberg Tausende von Juden umbrachten.
In gezielten Aktionen gingen die sowjetischen Invasoren vor allem gegen mutmassliche Oppositionskerne, sozial und kulturell definierte Eliten, vor: also Intellektuelle, Offiziere, Unternehmer, Mitglieder nicht-kommunistischer Parteien, wohlhabende Bauern, Angehörige des Klerus und sonstige Repräsentanten des öffentlichen Lebens der jeweiligen Nation. Streng klassifizierte Kategorien der herrschenden Ausbeuterklassen – oder was man dafür hielt – wurden ausgesondert, verhaftet und ins Landesinnere deportiert. Dies betraf Hunderttausende von Bürgern, die in chirurgisch präzisen „Operationen“ – die polnische, die ukrainische, die baltischen – deportiert wurden. Eine der paradoxen Begleiterscheinungen war, dass Deportation aus den sowjetisch besetzten Gebieten oftmals lebensrettend sein konnte: Juden, die aus Pinsk oder Lemberg nach Kasachstan im Frühjahr 1940 deportiert worden waren, befanden sich nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion glücklicherweise ausserhalb der Reichweite der deutschen Sonderkommandos und konnten so, wenn sie Verbannung und Lager in der sowjetischen Hälfte überlebt hatten, in den 1950er Jahren zurückkehren. Ein lebensbedrohender und hoch symbolischer Akt der deutsch-sowjetischen Interaktion war der Austausch deutscher Antifaschisten, Kommunisten und Juden, die in den 2 Jahren zwischen 1939 und 1941 aus dem sowjetischen Gulag in deutsche Konzentrationslager überstellt wurden. Die gravierendste Aktion, in der der mörderische Zug der sowjetischen Okkupationspolitik zum Ausdruck kam, war die systematische Tötung von Tausenden von Angehörigen der polnischen Armee und Intelligenz im Frühjahr 1940 in Katyn bei Smolenks, Starobelsk bei Charkow und Mjodnoje bei Twer durch Einsatzkräfte des NKWD.
Überall war das Okkupationsregime, ob von Nazis oder Stalinisten, grausam, aber die Spezifik der osteuropäischen Situation bestand meines Erachtens darin, dass es aus ihr kein Entrinnen gab, es keine Seite gab, auf die man sich schlagen konnte. Die Situation der Falle. Aus dem besetzen Frankreich gab es vielleicht den Weg über die Pyrenäen nach Lissabon und von dort weiter über den Atlantik, im östlichen Europa waren die Wege versperrt und es war eher dem Zufall anheimgegeben, ob man durchkam. Es war ein Zufall, wem man in die Hände fiel. Von zwei Schwestern beispielsweise wurde die eine in Katyn erschossen, die andere im Wald von Palmiry. Beide Schwestern. Die Brüder Wnuk wurden fast gleichzeitig exekutiert, der eine in Katyn, der andere in der Festung Lublin. „Obwohl Sowjets und Deutsche ihre Massnahmen gegen die polnische Bildungsschicht nicht koordinierten“, so Tim Snyder, „nahmen sie dieselben Gruppen aufs Korn. Die Sowjets entfernten Elemente, die sie als gefährlich für ihr System ansahen, unter dem Vorwand eines Klassenkriegs. Die Deutschen verteidigten ihre Gebietsgewinne, handelten aber auch aus dem Gefühl heraus, die niedere Rasse müsse unten gehalten werden. Letztlich waren beide Strategien sehr ähnlich, mit mehr oder weniger gleichzeitigen Deportationen und mehr oder weniger gleichzeitigen Massenerschiessungen“. Hier war nicht nur der Fluchtweg versperrt, auf das Verschwinden des einen Verfolger, folgte ein anderer: „Die doppelte Besatzung, erst sowjetisch, dann deutsch, machte das Leben der Bevölkerung nur noch komplizierter und gefährlicher. Eine einzige Besatzung kann eine Gesellschaft für Generationen zerbrechen, eine doppelte ist noch schmerzhafter und spaltender. Sie erzeugte Risiken und Versuchungen, die im Westen unbekannt waren. Das Verschwinden eines fremden Herren bedeutete nicht mehr als die Ankunft eines anderen. Wenn fremde Truppen abzogen konnten die Menschen nicht auf Frieden rechnen sondern auf die Massnahmen der nächsten Besatzer. Sie mußten die Konsequenzen ihrer Parteinahme unter den vorigen Besatzern tragen, wenn die neuen kamen, der Entscheidungen unter einer Besatzung treffen, während sie auf eine andere warteten. Für unterschiedliche Gruppen konnte dieser Wechsel unterschiedliche Bedeutung haben. Nichtjüdische Litauer z.B. konnten den Abzug der Sowjets 1941 als Befreiung empfinden, Juden sahen die Ankunft der Deutschen anders.“ (Snyder). In dieser auch von Dietrich Beyrau, Jörg Baberowski und Anselm Döring-Manteuffel beschriebenen „Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und stalinistischen Imperium“, in diesen „Räumen der Gewalt“ schien es kein Entkommen zu geben. Wo SS und NKWD-Leute – wie z.B. bei der Organisation der Umsiedlungsaktionen – auch personell zusammenarbeiten, eskaliert die Destruktivität wechselseitig. NKWD-Gefängnisse wurden Gestapo-Gefängnisse und umgekehrt. „…Es gab keine Grauzone, kein Randgebiet, keines der tröstlichen Klischees der Soziologie des Massenmords liess sich anwenden. Es war schwarz in schwarz…“ (Snyder).
Zur Interaktion beider Gewaltsystem gehören auch noch die Versuche beider Seiten, sich post festum Grossverbrechen gegenseitig in die Schuhe zu schieben und propagandistisch auszuschlachten, wie es im Falle Katyn geschah, wo die Nazis 1943 gleichsam im Scheinwerferlicht von Filmkameras und Forensikern Tausende von exekutierten Polen exhumieren liess, die nach der Räumung des Gebietes durch die Sowjetarmee dann als Beweis für die Massenverbrechen der Nazis herhalten mußten, über die in den Nürnberger Prozessen dann aber nicht gesprochen werden durfte. Es brauchte noch Jahrzehnte, bis zum Ende der Sowjetunion, bis die Dokumente, die dieses Verbrechen beglaubigten, veröffentlicht wurden. Präsident Jelzin übergab sie in den 1990er Jahren der polnischen Regierung, und es dauerte noch einmal ein weiteres Jahrzehnt, bis eine russisch-polnische Kommission sich über die Veröffentlichung dieser Dokumente einig werden konnte. Es ist wahrscheinlich wieder kein Zufall, dass zwei aus der ostmitteleuropäischen „Zwischenzone“ stammende Gelehrte entscheidend zur Klärung der Gewalt- und Rechtsverhältnisse beigetragen haben: Rafael Lemkin, der aus dem litausich-weissrussischen Wolkowyschk stammende und in Lemberg ausgebildete Jurist, der den Terminus des „Genozids“ erfunden und in Umlauf gebracht hat, und Hersch Lauterpacht, der aus Galizien stammende Völkerrechtler, der den Terminus „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingeführt hat. Beide, aus dem Niemandsland zwischen den Grenzen stammend, waren besorgt um das Schicksal extrem bedrohter Minderheiten, als Individuen oder in Kollektiven (Philippe Sands).
Die fast 2 Jahre deutsch-sowjetischer Herrschaft über Ostmitteleuropa sind nicht bloss eine Fußnote, eine Vorgeschichte für die eigentliche Geschichte, die erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion beginnt, sondern eine Geschichte und Erfahrung sui generis.
Andrzej Wajdas Katyn-Film von 2007 wird eröffnet mit Szenen der Flucht – Wajdas Vater war 1940 in Starobjelsk vom NKWD exekutiert worden. Die einen rennen Richtung Osten, auf der Flucht vor der Wehrmacht, die anderen Richtung Westen, auf der Flucht vor der Roten Armee. Beide Fluchtströme treffen in einem heillosen Chaos auf der Brücke über den Bug aufeinander. Eine Szene der Verwirrung, der Ratlosigkeit, der Verzweiflung und der Ungewissheit, was ihnen bevorsteht. Diese Szene verdankt sich nicht einem dramaturgischen Einfall, sondern der Wirklichkeit.

Zweitens: wie kam es zum Abschluss des Paktes, war er wirklich wie ein „Blitz aus dem heiteren Himmel“ oder war er nicht vielmehr absehbar?
Julius Margolin, Autor eines der bedeutendsten Beschreibungen der sowjetischen Lagerwelt, der zu Besuch aus Palästina im Sommer 1939 nach Lodz gekommen, vor den Deutschen nach Osten geflohen, dort von NKWD festgenommen und ins Lager am Polarkreis deportiert worden war, war nicht der einzige, der in diesem Sommer wußte, dass es Krieg geben würde, und der es dennoch nicht glauben konnte, als er wirklich da war. Und für beides gibt es Anhaltspunkte: für die sich mehrenden Anzeichen eines kommenden Krieges wie für die totale Überraschung am Ende fieberhafter diplomatischer Aktivitäten. Es gab eine längere Anlaufzeit, spätestens seit dem Münchener Abkommen im September 1938, und alle Züge eines hastigen, alle diplomatische Routine über den Haufen werfenden Vorgehens. Die Form eines Handstreichs, eines Coup.
„München ist der Ort, an dem die Vorgeschichte des Hitler-Stalin-Paktes spätestens einsetzte“ – so Werner Benecke. Am 28.September 1938 hatten der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, der italienische Diktator Benito Mussolini in München der Forderung Hitlers nachgegeben, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen 10 Tagen räumen mußte, um die Sudetenkrise zu beenden. Auch in anderen Gebieten der Tschechoslowakei waren Volksabstimmungen vorgesehen. Am 1.Oktober 1938 begann der deutsche Einmarsch, Polen besetzte am 2.Oktober das Teschener Gebiet, am 2. November übernahm Ungarn Gebiete in der Südslowakei und in der Karpatho-Ukraine. Das Abkommen wurde ausgehandelt und abgeschlossen, ohne dass Vertreter der Tschechoslowakei mit am Tisch sassen und in Abwesenheit der Sowjetunion, die mit der Tschechoslowakei durch ein Abkommen verbunden war. Das Deutsche Reich sollte nun endgültig „saturiert“, die Demütigung von Versailles vergessen und die Kriegsgefahr für immer gebannt sein. „Peace for our time“ – so Neville Chamberlains Botschaft nach seiner Rückkehr aus München. Bekanntlich war sie falsch und eher Wunschdenken als Realpolitik. Hitler dachte nicht an die Einhaltung des Abkommens und besetzte am 15.März 1939 die, wie es hiess, „Rest-Tschechei“ und wandte sich den nächsten Zielen zu: dem Memel-Gebiet, der Freien Stadt Danzig und dem sog. Polnischen Korridor. Doch Hitler zielte auf mehr als nur die Revision der durch Versailles definierten politischen Landkarte, er war nicht der Nationalist, als den man ihn nach Rheinlandbesetzung und Anschluss Österreichs vielleicht noch ansehen konnte, sondern der Mann, der seine Agenda bereits in „Mein Kampf“ dargelegt hatte – die Schaffung eines rassistischen Imperiums, das ganz offen den Kampf gegen den Westen, Kampf für Lebensraum im Osten, den Sturz des Bolschewismus und die Vernichtung des Judentums proklamiert hatte. Jeder konnte es wissen.
Die Westmächte hatten 1938, um des lieben Friedens mit Hitler-Deutschland willen, den Anschluss des Sudentenlandes hingenommen und auf beispiellose Weise einen souveränen europäischen Staat preisgegeben. Die Sowjetunion, die am Aufbau und Erhalt eines Systems kollektiver Sicherheit interessiert war, war in München nicht mit dabei; sie hatte seit 1932 ein Abkommen mit Frankreich zur Waffenhilfe im Falle eines Angriffs. Seit 1935 bestand auch ein Beistandspakt der Sowjetunion mit der Tschechoslowakei, der aber nur dann in Kraft treten sollte, wenn Frankreich seinen Verpflichtungen nachkam und wenn der Durchmarsch durch Polen und Rumänien garantiert sein würde. Die sowjetisch-polnischen Beziehungen waren trotz mannigfaltiger Reibereien seit dem Frieden von Riga, mit dem 1921 der polnisch-sowjetische Krieg beendet und der Grenzverlauf – die Curzon-Linie – festgelegt worden war, mehr oder weniger geregelt.
Die deutsch-polnischen Beziehungen waren seit Versailles von Anfang an von Revisionsforderungen und Stimmungen vergiftet, doch nach 1933 kam es wider aller Erwarten zu einem „gut nachbarlichen Verhältnis“: mit dem Gewaltverzichtabkommen von 1934, der guten Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen, der Wertschätzung für den greisen Pilsudski durch Besuche von Goering und Goebbels in Warschau und die Übersetzung der Pilsudski-Autobiographie. Polen beteiligte sich sogar an der vom Deutschen Reich betriebenen Zerstückelung der CSR, indem es am 2.Oktober 1938 Teschen/Tesin/Cieyzin besetzte, während der deutschen Seite wohl daran lag daran, Polen für den antibolschewistischen Kreuzzug gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Aber es gab Grenzen für weiteres Zusammengehen: Polen widersetzte sich den von deutscher Seite Anfang 1939 gestellten Forderungen zum Status von Danzig, zur Regelung des Verkehrs im polnischen Korridor, und zum Beitritt zum Antikomintern-Pakt zwischen Deutschland und Japan, so daß Hitler Anfang April 1939 die Weisung für den „Fall Weiß“, also für militärische Maßnahmen gegen Polen erteilte. Großbritannien setzte dem wenigstens den Abschluss eines Beistandsabkommens am 6.April 1939, Frankreich eine erneuerte Militärkonvention am 19.Mai 1939 entgegen mit Hilfszusagen im Falle eines Angriffs auf Polen.
Die Frage war, wie sich die Sowjetunion im Fall weiterer deutscher Expansion und Aggression und der offensichtlichen Absicht, Polen zu isolieren, verhalten würde. Deutschland wie Russland waren nach Ende des Ersten Weltkrieges, Revolution und Bürgerkrieg international isoliert und fanden sich als „Parias“ in der Zusammenarbeit gegen die Ordnung von Versailles wieder. Das bedeutete: Revision der politischen Landkarte und Beseitigung des wiedererstandenen polnischen Staats. Der Chef der Reichswehr Hans von Seeckt formulierte fast so etwas wie einen revisionistischen Konsens in der frühen Weimarer Republik, als er im September 1922 sagte:
„Polens Existenz ist unerträglich, unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muss verschwinden und wird verschwinden durch eigene, innere Schwäche und durch Russland – mit unserer Hülfe…Polen kann niemals Deutschland irgendwelchen Vorteil bieten, nicht wirtschaftlich, denn es ist entwicklungsfähig, nicht politisch, denn es ist Vasall Frankreichs“. Während der Weimarer Zeit war es zu einer intensiven geheimen militärischen Zusammenarbeit gekommen. Sie fand mit der Machtergreifung der Nazis 1933 vorerst ein Ende. Die rabiat antibolschewistische und Politik des Deutschen Reiches nach 1933 vertiefte erst einmal die Kluft und liess ein Zusammengehen beider Staaten unwahrscheinlich erscheinen. Das fundamentale Interesse des Dritten Reichs, den Rücken frei zu haben für die Aggression gegen Polen und dessen westliche Verbündete, wog indes schwerer als der ideologische und propagandistische Schlagabtausch zwischen „Faschismus“ und „jüdischen Bolschewismus“. Wenn es Hitler gelingen würde, die Sowjetunion im Konflikt mit Polen zu einer neutralen Politik zu bewegen, Polen zu isolieren und so die Gefahr eines Zweifrontenkriegs zu vermeiden, dann wäre ein entscheidendes Hindernis auf dem Weg des „Dritten Reiches“ zur Vorherrschaft über Mittel- und schliesslich ganz Europa aus dem Weg geräumt. Hitler konnte sich, gedeckt durch die wirtschaftlichen Ressourcen, die mit dem Vertrag ebenfalls gegeben waren – Öl, Getreide, Eisenerz – der Zerschlagung des polnischen Staates zuwenden, umso mehr als er hoffte, dass Grossbritannien und Frankreich sich nicht zu einem wirklichen militärischen Einsatz für Polen bereitfinden würden.
Für die Sowjetunion war im Hebst 1938 nicht klar, wohin die Reise gehen würde: sie war von der Entscheidung ausgeschlossen, es war nicht klar, ob England und Frankreich an der Aufrechterhaltung des Systems kollektiver Sicherheit weiterhin interessiert waren oder lieber ihr Appeasement gegenüber Hitler-Deutschland fortsetzen würden, um das fanatisch antibolschewistische Nazireich gegen die Sowjetunion auszuspielen. Jeder der großen Spieler schien sich mehrere Optionen offen halten zu wollen. Es ist im Schatten der späteren Anti-Hitler-Koalition etwas aus dem Blick geraten, dass die westlichen Mächte seit dem Bürgerkrieg stramm antibolschewistisch eingestellt waren und der Gedanke, die Deutschen als Bollwerk gegen den Kommunismus zu benutzen, nicht aus der Welt war. Aber auch umgekehrt galt. In den Augen der sowjetischen Führung war das Vaterland des Sozialismus von kapitalistischen Mächten eingekreist und belagert, und jeder Widerspruch, jeder Konflikt zwischen den imperialistischen Mächten konnte – zumal die Weltrevolution ins Stocken geraten und auf den „Sozialismus in einem Land“ zurückgeworfen war – für die UdSSR nur ein Gewinn sein. Stalin erklärte auf dem 18.Parteitag im März 1939, dass die Sowjetunion nicht bereit sei, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und stellvertretend für andere Hitler-Deutschland die Stirn zu bieten. Die Westmächte zögerten und liessen die Situation offen, warteten ab, während Stalin sich nicht nur seiner Bedrohung und Gefährdung bewußt war, sondern auch seine zentrale Rolle als „Zünglein an der Waage“ bei der Definition des Kräfteverhältnisses erkannte und handelte – und zwar in parallell und gleichzeitig sowohl mit England und Frankreich als auch mit deutschen Stellen geführten Verhandlungen. Die Westmächte wollten ein Abkommen mit der UdSSR, um den Druck auf Hitler-Deutschland zu erhöhen. Die Sowjetunion forderte freie Hand im Umgang mit den Nachbarstaaten, die Deutschen wollten, dass die Sowjetunion stillhält im Falle des deutschen Angriffs auf Polen.
Es ging dann alles sehr schnell von deutscher wie von sowjetischer Seite, die Gespräche folgten einander in großer Dichte, von Ribbentrops Flug mit der Weltsensation war nur der „Paukenschlag“ als krönender Abschluss. Ein Nervenkrieg, ein Krimi mit offenem Ausgang. Alles sieht aus nach einem groß angelegten Spiel der Diplomatie, der back channel Kontakte, eines kunstvollen Spiels zur Bewältigung, Einhegung eines tödlichen Konfliktes.
Doch in Wahrheit kamen hier mächtigere historische Triebkräfte und Motive zum Tragen, und was auf den ersten Blick so paradox und widernatürlich erscheint, ist in Wahrheit eher als das Naheliegende. Mächtigere Interessen als utopische Ideologien und Projektionen – hier das rassistische Programm der Nazis, dort das marxistisch-leninistische Programm Stalins – waren hier wirksam. Man muss nur bedenken. 1939 waren gerade etwas mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, dass das Russländische Reich untergegangen war – in Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Die Gründung der UdSSR 1922 war ja nichts weniger als die Neugründung des Reiches unter neuem – modernerem – Vorzeichen. Es bot sich – wie immer das mit Kriegen und daraus entspringenden Krisen und Zusammenbrüchen der Fall ist – die Chance der Zerstörung der Nachkriegsordnung – Versailles, Frieden von Riga und die ganze neue Staatenwelt zwischen Ostsee und Balkan –, man konnte zuzusehen, sie zu befördern und etwas für sich herauszuschlagen, ohne selber großen Einsatz zu wagen. Im sowjetischen Fall handelt es sich um die Wiedergewinnung von Territorien, die einst dem Russländischen Reich angehört hatten, freilich nicht einfach als Reconquista, nicht bloss als Wiederherstellung eines alten Zustandes, sondern unter Bedingungen der nach 1917 stattgehabten sozialen Umwälzung: also Abschaffung des Privateigentums, Einparteien-Diktatur, Einführung der Planwirtschaft, Ersatz der individuellen Bauernwirtschaften durch die Kollektivbetriebe, forcierte Industrialisierung in präzedenzlosem Umfang und Tempo, Beseitigung aller Barrieren, die einem radikalen Durchherrschen von oben nach unten entgegenstanden. Den wahren Sinn des Paktes hat Wjatcheslaw Molotow, der zweite Mann im Staat, der Unterzeichner von Abertausenden von Todesurteilen, und wohl einer der wichtigsten Diplomaten des 20. Jahrhunderts, offen und mit Stolz ausgesprochen. „Es war meine Aufgabe als Außenminister, die Grenzen unseres Vaterlandes zu vergrößern Und es sieht danach aus, als hätte Stalin und ich diese Aufgabe recht gut erfüllt“. Das Bündnis mit Hitler eröffnete die Möglichkeiten und ließ ihm freie Hand, im Osten Europas aufzuräumen: das verhasste Polen, den „Bastard von Versailles“ (Molotow) zu beseitigen, die baltischen Provinzen und Bessarabien zurückzuholen, und sogar Territorien zu annektieren, die noch nie zum Russischen Reich gehört hatten, wohl aber von ihrer ethnischen Zusammensetzung her beansprucht wurden – die Nord-Bukowina und Ost-Galizien als bevölkerungsmäßig mehrheitlich ukrainische Gebiete.
Im Eilverfahren wurde nach der sowejtischen Annexion die sowjetische Form der Modernisierung in den besetzten Gebieten nachgeholt: die Säuberung von klassenfremden Elementen und Klassenfeinden, die Beseitigung der Parteienlandschaft in den zwar autoritären, aber doch noch pluralen Staaten der Zwischenkriegszeit, die Gleichschaltung der Öffentlichkeit, die Etablierung der Geheimpolizei und aller Instrumente des ideologischen und physischen Terrors, Bevölkerungsverschiebungen im grossen Stil, (die sich nach der 2. Besetzung nach der Rückeroberung am Ende des 2. Weltkrieges noch einmal wiederholen sollten), aber auch die Eröffnung von Kanälen sozialen Aufstiegs durch Schulen und Industrialisierung in den weithin noch agrarischen Regionen. Die Sowjetisierung liess sich hier nicht Zeit, sondern kam über Nacht, im Expressverfahren und in anderen Formen und Formeln von Legitimation als denen der Nazis: dass es Wahlprozeduren gab, dass die „Stimme des Volkes“ hörbar wurde, dass die überholten Verhältnisse zerschlagen werden und ein bestimmter Typus von „neuen Menschen“ entstehen sollte. Es ist der Beginn einer Sowjetisierung, die durch die ungeheuren Zerstörungen, die die Naziherrschaft bis zum Ende des Krieges mit sich gebracht hatte, verschärft wurde. Die Nazis hatten mit der Ermordung der Juden die klassischen urbanen Milieus zerstört, ein Vakuum hinterlassen, in das dann die neuen sowjetischen Strukturen hinein stießen, hineingepflanzt wurden. Man kann die Sowjetisierung des östlichen Europa ohne die ungeheure Zerstörungsarbeit der Deutschen nicht verstehen. Viele grosse Städte – Wilna, Kaunas, Minsk und andere wurden erst nach dem Krieg in Zuge der Industrialisierung und des Massenzuzugs vom Lande „nationalisiert“, also litauisiert, bjelorussifiziert, ukrainisiert usf. Es handelt sich bei der Reintegration der Gebiete also gerade nicht um eine reaktionäre Wiederherstellung des status quo ante – des Imperiums -, sondern um die Integration in das Imperium sowjetischen Typs mit allem, was dazugehört: Deportationen, Massenmorde, die Entfesselung von „Bürgerkriegen im Krieg“ (Alfred Rieber), also Aufstachelung der Ukrainer gegen die Polen, der Ukrainer und Polen gegen die Juden, die soziale Nivellierung und politische Gleichschaltung – mit einem Wort: all dies ist nicht boss „Stillhalten um Zeit zu gewinnen“, nicht bloss Nachgeben gegenüber einem Aggressor, nämlich Hitler-Deutschland, sondern es handelt sich um ein eigenes, imperiales, imperialistisches, wenn man so will: sozial-imperialistisches Programm, das eben nicht bloss auf die Wiederherstellung des Zarenreiches abzielt, sondern auf die Expansion des Sowjetimperiums. Hier liegt ein fundamentaler Unterschied zur Appeasement-Politik der Westmächte der Jahre 1938/1939 vor.
Die Frage, die sich hier stellt, ist, warum sich, wenn es sich nicht nur um das Ziel eines Zeitgewinns gehandelt hat, wie es in einer apologetischen Interpretation der sowjetischen Politik heißt, die Sowjetunion Stalins so verhalten hat. Sie hat bis zum Ende, also bis um Überfall am 22. Juni 1941 an den Vereinbarungen festgehalten und mehr noch. Am 10.November 1940 traf Molotow zum Gegenbesuch in Berlin ein, um weitere Formen und Projekte der Zusammenarbeit auszuloten. Ein wirkliches Ereignis: die sowjetische Delegation am Anhalter Bahnhof, militärisches Zeremoniell, Abspielen der Nationalhymne – der Internationale -, Gespräche und feierliche Empfänge in der Reichskanzlei, Bankett im Hotel Kaiserhof, Unterbringung in Schloss Bellevue. Hitler wollte Molotow in Richtung Indien gegen das Britische Empire locken, Hitler deutete Konzessionen in der Dardanellen-Frage und Donaumündung an. Aber es kam bei den Gesprächen, die von einem Fliegeralarm der Royal Air Force unterbrochen wurde, nichts heraus. Die deutsch-sowjetisch/russische Freundschaft feierte fröhliche Urständ: In Berufung auf Bismarck hatte Ribbentrop schon auf dem Festbankett im Kreml Ende September 1939 gesagt: „Deutschland und Russland ist es früher immer schlecht gegangen, wenn sie Feinde waren, aber gut, wenn sie Freunde waren… Der Führer und Stalin haben sich für die Freundschaft entschieden“. Für Graf von der Schulenburg, Botschafter in Moskau, 1944 von Freislers Volksgerichtshof verurteilt und in Plötzensee hingerichtet, war, wie er glaubte, mit dem Pakt etwas in Erfüllung gegangen, wofür er ein ganzes Leben lang gearbeitet hatte. Auch die Intellektuellen der konservativen Revolution und des nationalen Sozialismus empfanden eine innige Sympathie für den deutsch-sowjetischen Schulterschluss.

Das ganze Jahr 1940 über aber wurden die Lieferungen von Erdöl, Futtergetreide, Baumwolle, Chromerzen aus der Sowjetunion vertragsmäßig erfüllt – immerhin 52% des sowjetischen Gesamtexports, geliefert an eine Macht, die Schlag auf Schlag, Blitzkrieg auf Blitzkrieg dabei war, Europa zu unterwerfen: am 9.April 1940 Besetzung von Norwegen und Dänemark; am 10.Mai 1940 Überfall auf Belgien, Luxemburg und die Niederlande, am 22.Juni 1940 die Kapitulation Frankreichs in Compiègne. Während man der Entfaltung des Krieges im Westen zusah, konnte Stalin im Juni 1940 nach dem Sieg am Chalchin Gol im Fernen Osten ein Neutralitätsabkommen mit Japan unterzeichnen und so die Gefahr eines Zweifrontenkriegs bannen. Auch anderen Dinge sind merkwürdig: Unterdessen wurde die innersowjetische Öffentlichkeit auf Freundschaft mit den Deutschen gestimmt. Die antifaschistische Propaganda wird weitgehend eingestellt. Im Bolschoi gab es – inszeniert von dem genialen Eisenstein – Richard Wagners „Walküre“ – in Berlin dafür „Iwan Susanin“ in der Lindenoper. Im Gorki-Park waren Agitatoren unterwegs, um dem Volk den Sinn der neuen Politik zu erklären, warum die Deutschen gute Verbündete sind und die Engländer imperialistische Kriegstreiber. In Kinos wurde die Verfilmung eines Feuchtwanger-Romans abgesetzt, ebenso Eisensteins – „deutschen-kritisches“ Meisterwerk „Alexander Newski“. In Bibliotheken lagen Nazizeitungen aus, die Kommunisten überboten sich in Lobhudeleien auf die geniale Aussenpolitik Stalins. So etwa ein Gedicht von Johannes R.Becher „August 1939“:
„An Stalin. Du schützt mit deiner starken Hand den Garten der Sowjetunion. Und jedes Unkraut reißt Du aus Du, Mutter Russlands größter Sohn, nimm diesen Strauss. Nimm diesen Strauss mit Akelei zum Zeichen für das Friedensband, das fest sich spannt zur Reichskanzlei“. Komintern-Funktionäre wie Walter Ulbricht und Herbert Wehner lobten den Kampf Deutschlands gegen den aggressiven Imperialismus der Briten, und sogar von dem in Buchenwald gefangen gehaltenen Ernst Thälmann war zu hören, dass der Pakt der Solidarität von sowjetischem und deutschem Proletariat diene. Es waren die Parteien der Komintern, die vom Pakt am schwersten getroffen wurden. Er ist die Stunde eines moralischen Zusammenbruch und die Geburtsstunde der Generation der sog. Renegaten und Dissidenten, der Stephen Spender, Raymond Aaron, Arthur Koestler und Hanna Arendt, die ihre Schlussfolgerungen für den Rest des 20. Jahrhunderts formulierten: Der Gott, der keiner war; Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.
Noch gravierender als das propagandistische Aufgebot Moskaus war wohl die rätselhafte Missachtung aller Hinweise darauf, dass Hitler längst den Weg zum Angriff auf die Sowjetunion beschritten hatte. Mit der Weisung vom 18.Dezember 1940 waren die Vorbereitungen für den „Fall Barbarossa“ eingeleitet worden, die bis zum 16.Mai 1941 abgeschlossen sein sollten. Geschichtsnotorisch und rätselhaft ist die Zurückweisung aller Informationen und Hinweise auf die militärischen Vorbereitungen, auch im grenznahen Bereich. Darunter die qualifiziertesten Kräfte der sowjetischen Auslandsaufklärung und von Politikern, die den Kampf gegen Hitler von Anfang an auf ihre Fahnen geschrieben hatten – wie etwa Winston Churchill. All diese Meldungen wurden als Desinformation und schlimmer: als Provokationen, die die Sowjetunion in die Falle locken sollten, abgewiesen, ihre Überbringer bestraft.
Es gibt um dieses Verhalten eine ausführliche, nicht abreißende Diskussion, die von der Psychopathologie des Diktators, von Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus durch Stalin, von den Folgen der Vernichtung der militärischen Elite in den Jahren der Säuberungen handeln oder vom Zurückweichen, um Zeit zugewinnen für die militärische Aufrüstung, mit der man im Rückstand war. Diese Diskussion wird vor allem durch das panikähnliche Verhalten des Diktators in den ersten Wochen nach dem deutschen Überfall und den blitzartigen Vorstoss der Wehrmacht in den ersten Monaten bekräftigt. Lag hier Versagen, Verzweiflung oder gar die List des genialen Stalin vor, den Feind ins Land hinein zu locken, um ihm dann den tödlichen Schlag zu verpassen, oder kam alles so, weil Hitlers Wehrmacht dem Angriffskrieg, den Stalin selbst vorbereitet haben soll, zuvor gekommen war?
Ich kann hier nichts Kompetentes oder gar Neues vortragen. Was mir nur auffällt, , ist die fast ausschließliche Fixierung auf das diplomatische und militärische Geschehen in jenen Jahre, so als hätte die sowjetische Außenpolitik nichts mit der inneren Entwicklung der Sowjetunion in jenen Jahren zu tun. Ist es nicht so, dass die äussere Politik wenigsten mitbedingt ist durch die inneren Verhältnisse? Was waren eigentlich die innersowjetischen Triebkräfte und Spannungen, die diese Politik befördert, hervorgebracht, ja notwendig gemacht haben? Man hat oft den Eindruck, dass wir es schlicht mit der Raffinesse oder der Beschränktheit eines gewieften Stalin und seines Teams zu tun haben. Ich habe keine eigenen Forschungen zu dieser Frage vorzuweisen, finde aber, dass es ein eklatanter Mangel ist, wenn auf die Ableitung von äußerer Politik aus den inneren Verhältnissen verzichtet wird. Eine der ganz wenigen Ausnahmen, die mir bekannt sind, ist eine Arbeit von Wladislaw Hedeler, erschienen unter dem Titel: „1940 – Stalins glückliches Jahr“, erschienen vor fast 20 Jahren. Und tatsächlich: es ist ein Jahr, in dem nicht die Gewalt beendet, wohl aber die Welle des Terrors der Jeschowschtschina, also der Jahre 1937/38 mit ihren Schauprozessen, Verhaftungswellen, Folterungen und Massenexekutionen abgeebbt, vorbei ist; es ist das Jahr, in dem die „fünften Kolonnen“ im Inneren liquidiert sind und Trotzki, der master mind aller antisowjetischen Verschwörungen am 20.August 1940 im Exil in Mexico, mit Beilhieben erledigt worden ist. Es ist das Jahr, in dem die Sowjetunion in den Grenzen des alten Imperiums und darüber hinaus wiederhergestellt ist, und die neu erworbenen Territorien nach dem Ebenbild des Vaterlandes der Werktätigen umgestaltet wird, auch wenn es nicht gelungen ist, ganz Finnland in die Knie zu zwingen und nur einen Teil davon im Winterkrieg zu annektieren; es ist ein Jahr, in dem die Sowjetunion, über Jahrzehnte Paria und international isoliert, eine zentrale, ja ausschlaggebende Stellung im internationalen System erobert hat, weil sie selbst über Optionen verfügt und ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen kann. Die Sowjetunion befindet sich nach dem Stress des 1. und 2. Fünfjahrplans, mitten im 3.Fünfjahrplan. Die Arrondierung des Imperiums war ein grosser Gewinn, Fortschritt durch Expansion statt Intensivierung des inneren Landesausbaus, für den Reformen notwendig gewesen wären, zu denen das Regime aber nicht fähig war oder nicht mehr die Zeit bekam (die Reformdiskussion ging erst Ende der 1940er Jahre wieder los).
Es gibt genügend Aussagen der sowjetischen Führung, der „Generation Stalin“, die etwas über deren Denk- und Erwartungshorizont aussagen. Sie gehören der Generation an, die den Ersten Weltkrieg und die Revolution als prägendes Ereignis mitgemacht hatten und für die der Fortgang der Revolution mit der Krise, der Rivalität der imperialistischen Mächte verbunden war, einem Ringen, von dessen Ausgang letztlich auch das Überleben von Stalins „Sozialismus in einem Land“ abhing. Der Krieg war nicht nur ein Verhängnis, sondern eine Chance. In den Kriegen rieb sich das imperialistische Lager selber aufsprengte den imperialistischen Gewaltzusammenhang und eröffneten Schneisen, durch die sich die Revolution Bahn brechen konnte. Die Sowjetunion mußte nur die Rivalität der Grossmächte zu nutzen verstehen. Das war eine Chance, die Zeit arbeitete für die Schwächung es imperialistischen Lagers, für die Ausbreitung des Sozialismus – über das eine Land hinaus. Das alles steht in der Bibel der stalinistischen Sowjetunion, dem „Kurzen Lehrgang der KPR“, erschienen 1938. Wie anders kann man die Vorwürfe an die Adresse Englands als Kriegstreiber verstehen! Wie anders kann man Stalins „Kastanienrede“ verstehen, dieses Plädoyer für Sich-Heraushalten und Zusehen, was passiert, wenn zwei sich streiten! Wie anders kann man die wirtschaftliche Zusammenarbeit sehen, die Idee des Leninschen Projekts einer deutsch-sowjetischen Modernisierungspartnerschaft! Die Idee von einem unangreifbaren euroasiatischen Kontinentalblock, der es mit dem maritimen Block aufnehmen konnte, lag schon lange in der Luft – von den geopolitischen Projektionen Karl Radeks bis zu Karl Haushofer und dessen Schüler Rudolf Hess. Ja, 1940, in dem auch der finnische Winterkrieg und Katyn spielten, war Stalins glückliches Jahr – das Jahr nach dem Pakt und das Jahr, bevor die nationalsozialistische Apokalypse auch über die Sowjetunion hereinbrach.
Aber das sind nur Fragen und Anregungen, die ich hier nicht weiter ausführen kann.

Drittens: Was sind die Langzeitfolgen dieser Doppelherrschaft und Doppelerfahrung? Gegen die Geschichtsschreibung der Sieger, die der Besiegten zur Sprache bringen.
Bestimmte historische Erfahrungen haben sich, wie man das nennt, „ins kollektive Gedächtnis“ eingebrannt. Die Erfahrung mit dem Hitler-Stalin-Pakt gehört zu dieser Art von Ereignissen. Ihre Wirkung verschwindet erst, wenn sich die Konstellation aufgelöst hat, von der die Bedrohung ausgegangen ist. Um deren Erfahrung zur Sprache zu bringen, reicht die Sprache der Nachgeborenen, die von all dem verschont geblieben sind wohl nicht aus. Aber sie haben eine Stimme, ihre eigene Stimme, beglaubigt durch eigenes Erleben und Leiden. Darunter sind unendlich viele Namenlose, aber auch Namen von Autoren und Werken, in denen diese Erfahrung aufbewahrt ist. Wir haben Wassili Grossman, einen Tolstoi des 20. Jahrhunderts, der in seinem Werk den Weg aus dem jüdischen Berditschew nach Stalingrad und von dort den Weg über die entvölkerte Ukraine und Treblinka nach Berlin zurücklegt. Wir haben Alexander Wats Odyssee durch das 20. Jahrhundert – von Warschau über Lemberg nach Kasachstan, und aus Warschau nach Paris. Wir haben das Zeugnis der Margarete Buber-Neumann, die ihre Fahrt aus Stalins Lager in Kasachstan ins deutsche KZ in Ravensbrück im Jahre 1940, die quer durch das deutsch-sowjetisch besetzte Polen führte, beschrieben.
Der Hitler-Stalin-Pakt, angeblich ein Sieg der Realpolitik, ist eines der wichtigsten und schändlichsten Abkommen des 20. Jahrhunderts. Er leitete ein, was in unvorstellbare Gewalt bis hin zum Völkermord mündete. Der Hitler-Stalin-Pakt hat den von Hitler geplanten Krieg, der mit dem Angriff auf Polen begann, möglich gemacht. Was mit dem Münchner Abkommen 1938 begann – der Beschwichtigungspolitik der Westmächte – setzte sich fort in einer deutsch-sowjetischen Absprache, die dem deutschen Aggressor nicht nur freie Hand liess, sondern die sowjetische Seite zu einem Partner bei der vierten Teilung Polens und der Aufteilung Ostmitteleuropas in zwei Interessensphären machte. Die Politik der Beschwichtigung und der Zusammenarbeit hat den bedrohten Frieden nicht gerettet, sondern die Völker Europas Hitler und dann auch Stalin ausgeliefert. Die Opfer, die am Ende auch die Völker der Sowjetunion für die Politik Stalins in dem von Hitler begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion zu zahlen hatten, waren unermesslich hoch. Den Deutschen, die den Krieg nach Osten getragen haben, steht es wohl an, die Erfahrungen der Ostmitteleuropäer, die die ersten Opfer der Aggression geworden sind, anzuerkennen und wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Diese haben mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass Politik über ihre Köpfe hinweg nichts Gutes bringt, dass sich Aggressoren durch gutes Zureden und Entgegenkommen nicht beschwichtigen lassen. Mut und Courage an den Tag zu legen, wenn andere bedroht sind, ist das Wenigste, was wir den Opfern des Paktes von 1939 schulden.

Karl Schlögel am 23. August 2019

zurückliegende Gedenkveranstaltungen:

Gedenken an den 18. April 1946 am 17. April 2019

Am 18. April 1946 wurden drei 16-jährige Schüler des Einstein-Gymnasiums in Potsdam erschossen. Der vierte von ihnen (15 Jahre jung) wurde zu 20 Jahren Arbeitslager „begnadigt“: Hermann Schlüter. Wegen seiner miserablen Gesundheit wurde er aber nicht ins sowjetische GULAG deportiert, sondern nach Torgau und Bautzen. ¬In hohem Alter ist unser Zeitzeuge Hermann Schlüter 2018 in Potsdam verstorben. Den vier Schülern und allen unschuldig Inhaftierten – oder Menschen mit geringer individueller Schuld, die den gnadenlosen Strafen des damals stalinistischen Systems zum Opfer gefallen sind – gilt unser Gedenken. Wegen des Gründonnerstags am 18. April diesen Jahres findet unser Gedenken schon am Vorabend statt.
Mittwoch, 17. April 2019: ab 16.30 – Führung durchs Haus (mit Dr. Richard Buchner)
Um 17.30 Uhr – Zeitzeugen-Gespräch mit Margot Jann (Frauengefängnis Hoheneck), Helga oder Helene Sereda (Workutá), Gerd Taege (AG Lager Sachsenhausen 1945-50), und Margot Bonk (der Schwester eines der getöteten Schüler)
18.30 Uhr – Kranzniederlegung durch Repräsentanten von Politik und Gesellschaft im Land Brandenburg und durch befreundete Verbände.
Gedenken an Horst Schüler, den langjährigen Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Workutá und der Union der Opferverbände U O K G (Bundesverdienstkreuz)
Alle demokratischen Parteien im Landtag und in der Stadt Potsdam sind herzlich eingeladen. Wie alljährlich sollen Kränze oder Blumen an den beiden Gedenktafeln an der Mauer des Gefängnisses abgelegt werden.
Horst Schüler, geboren 1924 in Potsdam, ist der Sohn eines Sozialdemokraten, der in Potsdam von den Nazis verhaftet und im KZ Sachsenhausen umgebracht worden ist. Als Sohn eines ermordeten Antifaschisten hatte der junge Horst Schüler den Mut zur Kritik an manchen Missständen im SED-Staat. Verhaftet in Potsdam 1951, verurteilt wegen „Spionage“ zu 25 Jahren GULAG – Heimkehr aus Workutá 1955. Horst Schüler war auch unserer Gedenkstätte in Potsdam sehr freundschaftlich verbunden. Überaus engagiert und aktiv bis zuletzt, ist er nun am 27. März 2019 in hohem Alter verstorben. Wir werden ihn niemals vergessen.
Lernort für Demokratie“ – so wurde unsere Gedenkstätte von einer Potsdamer Zeitung benannt. An diesem Tag soll vor allem der Opfer des stalinistischen Terrors gedacht werden – Menschen von höchst unterschiedlichem Alter, Männer und auch Frauen, zudem auch Jugendliche. – Sie alle gerieten in die Hände sowjetischer Geheimdienste infolge des verbrecherischen Krieges und der Shoah – doch ihre individuelle Schuld wurde niemals rechtsstaatlich überprüft. Willkür-Urteile und grausame Strafen waren die Realität in diesem Hause.
Die neue Ergänzung der Dauerausstellung zur >Zeit danach: Stasihaft oder GULAG< ist gleichfalls sehenswert.
Mit herzlichem Dank an alle, die an unserem Gedenken teilnehmen wollen,
für den Vorstand des Gedenkstätten-Vereins
Dr. Richard Buchner

Europäischer Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nationalismus am 23. August 2018

Grußworte von Gisela Rüdiger und Dr. Maria Nooke

Festvortrag: Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst a.D., Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken 1997 bis 2009

Musik: Varoujan Simonian, Violine

Eine Veranstaltung des Gedenkstättenvereins in Kooperation mit der „Fördergemeinschaft Lindenstraße 54“

V.i.S.d.P. Gisela Rüdiger giselapotsdam@tele2.de Tel. 0331 2700454

DIE ALLZEIT BEDROHTE FREIHEIT - Der Festvortrag von Hans Joachim Meyer -

Der Gedenktag, den wir heute begehen, gehört nicht zu jenen, die das gesellschaftliche Leben prägen. Würden wir auf die Straßen gehen und unsere Mitbürger fragen, was heute für ein Gedenktag ist, so erhielten wir kaum zutreffende Antworten. Malte Lehming hat vor zwei Jahren im Tagesspiegel sogar den Verdacht geäußert, dies sei ein Gedenktag, der in der Bundesrepublik verschwiegen würde. Dabei ist der 23. August keineswegs ein unbedeutendes und auch kein unbekanntes Datum unserer neuesten Geschichte. Ganz im Gegenteil. Mit ihm verbindet sich sogar ein Bild, das – vordergründig gesagt – Geschichte gemacht hat. Denn es zeigt den sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Michajlowitsch Molotow und den nationalsozialistischen deutschen Außenminister Joachim v. Ribbentrop, wie sie am 23. August 1939 in Anwesenheit Josef Stalins den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt unterzeichnen. Darauf folgten nur wenige Tage später der Überfall Nazideutschlands auf Polen und damit der Beginn des zweiten Weltkrieges. Eigentlich also ein Tag, der alles hat, um sich in das Gedächtnis der Menschen gleichsam einzugraben.

Auch für die Deutschen aus der DDR müsste der heutige Gedenktag für unsere Erinnerung wichtig sein. Denn im revolutionären Herbst von 1989 schienen uns, die wir Nationalsozialismus und Stalinismus erlebt hatten, beide Herrschaftssysteme gleichermaßen überwundene Gefahren. Das war gewiss naiv, denn bald mussten wir erkennen, dass im Osten Deutschlands, trotz der antifaschistischen Selbstberühmung der DDR, nazistisches und rassistisches Gedankengut keineswegs verschwunden war. Eine neue Erfahrung waren für die meisten von uns linksextremistische Tendenzen, wie wir sie bald unter der Losung „Nie wieder Deutschland“ beobachten konnten. Dass der Ruf nach Einheit Revanchismus wäre, hatten wir schon vorher aus der Bundesrepublik vernehmen können. Wir mussten erst noch lernen, dass die Wirklichkeit einer freiheitlichen Demokratie vielstimmig und nicht selten dissonant ist. Vor allem mussten wir begreifen, dass Freiheit immer zugleich Chance und Risiko bedeutet. Und dass es einen unauflöslichen Zusammenhang gibt zwischen den Chancen der Freiheit und den materiellen Bedingungen unseres Lebens, die uns damals unter den Händen zu zerrinnen begannen. Dennoch war bei uns die Einsicht der Mehrheit richtig, dass der Beitritt zur Bundesrepublik unsere einzige realistische Chance war.

Unbestreitbar haben wir seitdem dazu gelernt. Wichtig ist dabei die geschichtliche Einsicht, dass die Freiheit nicht nur von einer Seite bedroht ist. An die doppelte Bedrohung der Freiheit erinnern uns heute die Opfer des Stalinismus und die Opfer des Nationalsozialismus. Das Wesentliche beim Gedenken an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus besteht dabei nicht darin, dass man diese beiden Bedrohungen der Freiheit gleichsetzt und auf diese Weise die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren könnte. Die Frage ist vielmehr: Wodurch gefährdeten Stalinismus und Nationalsozialismus die Freiheit und warum waren beide dem Wesen der Freiheit diametral entgegengesetzt? Um darauf eine Antwort zu finden, müssen wir diese beiden geschichtlichen Erfahrungen in ihrer Unterschiedlichkeit näher betrachten. Was war also der jeweilige und zweifellos radikal unterschiedliche Anspruch des Stalinismus einerseits und des Nationalsozialismus andererseits? So zu fragen bedeutet nicht zu behaupten, der Charakter der beiden einander feindlichen Systeme und ihre ideellen Motive seien identisch. Wahr bleibt aber, dass beide Systeme dem menschlichen Freiheitsverlangen entgegensetzt waren.

Wer sich von den Deutschen aus der DDR seiner ersten Erfahrungen mit dem bundesdeutschen Diskurs erinnert, weiß, dass dort die Gleichstellung von Stalinismus und Nationalsozialismus als Feinde der Freiheit eher kritisch hinterfragt wurde. Der wesentliche Grund dafür scheint mir darin zu bestehen, wie diese beiden Systeme selbst ihren Platz in der Geschichte sahen – als Inanspruchnahme des Fortschritts oder als Abgrenzung vom Fortschritt.

Das Wort „Stalinismus“ war bekanntlich keine offizielle Bezeichnung des, wie er sich in seiner Endphase selbst nannte, real existierenden Sozialismus. Das Wort war vielmehr eine Anklage Stalins und dessen persönlicher Diktatur. Denn diese war mit brutalen Mitteln durchgesetzt worden und hatte Millionen von Menschen Elend und Tod gebracht. Von der persönlicher Freiheit der Menschen hielt Stalins Herrschaft nichts. Trotzdem stößt der Begriff des Stalinismus bis heute auf Ablehnung. Vor allem natürlich bei jenen, welche in der unbeschränkten persönlichen Diktatur Stalins nur einen – gewiss kritikwürdigen – Personenkult sehen wollen. Für diese bedeutete und bedeutet das Wort „Stalinismus“ nur eine Verleumdung der sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion.

Andere halten den Begriff „Stalinismus“ für irreführend, weil diese Art von freiheitsfeindlicher Herrschaft ja schon durch Lenin begonnen worden war. Also muss man doch wohl fragen: War die Freiheitsfeindlichkeit dieser Diktatur nur die Folge der Psyche Stalins oder entsprach sie dem Wesen dieser Art von Sozialismus? Wer einmal Lenins Schrift „Staat und Revolution“ gelesen hat – und hier sitzen heute gewiss auch solche, die, wie ich, das tun mussten – dem kann nicht entgangen sein: Lenin wollte zwar den Staat abschaffen, genauer gesagt, den Staat als Unterdrückungsapparat im Dienst der ausbeutenden Minderheit, aber was sollte an dessen Stelle treten: Lenin wollte die Diktatur des Proletariats, vorausgesetzt, das Proletariat wird von der einen wahrhaft revolutionären Partei geführt und diese Partei steht ihrerseits wie eine Armee unter einem Kommando. Und wie eine solche Herrschaft zu praktizieren ist, darüber hat Lenin nach 1917 keinen Zweifel gelassen – in seinen politischen Entscheidungen wie in seinen Äußerungen. In Lenins Denken und Handeln war geistige und politische Freiheit nur ein bürgerliches Hirngespinst! Diesem Lenin an der Macht hat die marxistische Revolutionärin Rosa Luxemburg bekanntlich ihr klarsichtiges Urteil entgegengesetzt: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.

Das ist und bleibt auch für uns eine wichtige Mahnung. Denn worauf berief sich der Sozialismus in der Sowjetunion wie der in der DDR und in den anderen Staaten des sowjetischen Machtbereichs? Dieses Herrschaftssystem nahm in Anspruch, die große Tradition der demokratischen Freiheit und der sozialistischen Arbeiterbewegung fortzusetzen und zu vollenden. Die damals Herrschenden behaupteten ja allen Ernstes: Ihr Sozialismus sei die verwirklichte Freiheit. Und sie beriefen sich dabei auf Hegels Wort, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit. Woraus in der DDR die traurige Einsicht wurde, dass man frei ist, wenn man das tun will, was man ohnehin tun muss. Allerdings sollen wir uns auch fragen: Steckt nicht in uns allen die Versuchung, im politischen Gegner wie aber auch in jedem Andersdenkenden jemanden zu sehen, der unerbittlich zu bekämpfen ist?

Zu Recht sehen wir in den demokratischen Revolutionen im Europa des 19. Jahrhunderts unsere politischen Vorfahren. Näher betrachtet ist der Siegeszug der Demokratie in der westlichen Welt jedoch eine äußerst widersprüchliche Geschichte. Was wir z.B. meist vergessen, ist die Tatsache, dass die Jakobiner unter Robespierre nach 1792 jeden, der im Konvent anders votierte als sie, aufs Schafott schickten. Und die katholischen Priester, die den Eid auf den neuen Staat verweigerten, ohnehin. Wer davon überzeugt ist, den wahren Volkswillen zu vertreten oder wer meint zu wissen, was der wahre Volkswille sein müsste, der kann durchaus versucht sein, erst zur Macht zu greifen und dann die anderen zu dem zu erziehen, was die Macht für richtig hält. Jean Jacques Rousseau, einer der großen Vordenker der Französischen Revolution von 1789 und unserer westlichen Demokratie träumte vom allgemeinen Volkswillen. Darum setzte er auf kleine Gemeinschaften, weil der allgemeine Volkswille sich dort besser herausbilden ließe. Wer von uns würde sich ernsthaft wünschen, in so einer kleinen Gemeinschaft leben zu wollen? Sie mag überschaubar sein, doch neigt sie nicht zur geistigen Enge und zur Dominanz weniger, die das Sagen haben und die öffentliche Meinung bestimmen? Und gibt es überhaupt so etwas wie den allgemeinen Volkswillen?

Nun mag man mir entgegenhalten: Solche Ideen waren die unvermeidlichen Geburtswehen der Geschichte. Heute wissen wir, dass der Begriff Volk die Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger umfasst, dass diese sich aber in ihren Positionen und Interessen unterscheiden. Darum müssen sie sich in streitigen Debatten zu einem freiheitlichen Grundkonsens und zu Mehrheitsentscheidungen durchringen. Die Vorstellung, es gäbe so etwas wie ein homogenes Volk mit einer einheitlichen Meinung, sollte also hinter uns liegen. Was wir ständig erleben, ist ein Volk in der permanenten Debatte.

Auf der einen Seite gibt es jene, für die Geschichte Fortschritt zu Höherem, Fortentwicklung zu Besserem und die Eröffnung neuer Möglichkeiten bedeutet. Zweifellos ist und bleibt eine solche Überzeugung eine gestaltende Kraft, ohne die wir die Zukunft nicht gewinnen können. Auf der anderen Seite gibt es durchaus zu Recht jene, welche die Werte der Vergangenheit hoch halten, daher dem ständigen Wandel eher skeptisch gegenüberstehen und die Spur der Zerstörung nicht übersehen, welcher der Fortschritt hinterlässt. Und dazwischen gibt es die ihrerseits wieder vielgestaltige Mitte, welcher eine notwendige Vermittlungsaufgabe zukommt. So weit, so gut. Aber dass solche, für sich genommen verständliche Einstellungen allemal vor geistiger Verhärtung schützen, vor Intoleranz und ideologischer Borniertheit, vor bösartiger Gewalt gegen Andersdenkende – das zu meinen, halte ich für eine Illusion.

Als wir Deutschen aus der DDR mit der Vereinigung die alte Bundesrepublik näher kennen lernten, erlebten wir ein Land im ständigen und nicht selten spannungsvollen Diskurs, in dem wir uns bewähren mussten. Die Bundesrepublik ist bis heute in einem nicht geringen Maße geprägt vom Marsch der bundesdeutschen Achtundsechziger durch die Institutionen, Redaktionen und Apparate. Es war der Pendelschlag der Geschichte gegen die ersten Jahrzehnte der alten Bundesrepublik, deren unerwartete Erfolge eher eine konservative Grundstimmung der Gesellschaft bewirkt und unterstützt hatten. Die Nazizeit betrachtete man als einen Betriebsunfall der deutschen Geschichte, den man überwunden habe und vergessen könne. Eine solche Haltung konnte und durfte keinen Bestand haben, denn sie gefährdete die Zukunft. Zugleich war natürlich auch die Bundesrepublik von 1989/90 eine widersprüchliche Größe. Und so erlebten wir auch Konservative, welche meinten, der Untergang der DDR gäbe ihnen im vereinigten Deutschland die Chance, gesellschaftspolitische Niederlagen in der alten Bundesrepublik nun wieder wett zu machen. Überwiegend herrschte jedoch in der öffentlichen Meinung ein linker Ton. Und wer von der linken Leitkultur abwich, also z.B. Nation oder Heimat oder deutsche Kultur nicht für überholte oder zumindest für kontaminierte Begriffe hielt, der musste damit rechnen, attackiert zu werden. Doch streitiger Diskurs ist der Normalfall in einer freiheitlichen Gesellschaft. Man muss seinen Standpunkt mit Anstand vertreten, man muss sich auch wehren können oder man schweigt. Ist es nicht so, dass im Osten viele von denen, die jetzt herumbrüllen und behaupten, sie seien das Volk, vorher lange geschwiegen haben?

Nun ist die Vorherrschaft bestimmter Meinungen in einer freiheitlichen Gesellschaft durchaus normal, denn ein Equilibrium, ein Gleichgewicht der Positionen gibt es nur selten in der Geschichte. Und ganz generell gilt: Wer eine freiheitliche Gesellschaft will, der muss lernen zu formulieren und zu argumentieren. Und sich nicht hinter der Behauptung verstecken, es gebe eine Systempresse und eine Meinungsdiktatur. So redeten schon die Feinde der Weimarer Republik. Was ich im vereinigten Deutschland nicht für normal hielt, war jedoch die absolute Dominanz der Losung „Gegen Rechts“. Also nicht Kampf gegen Rechtsextremismus oder, was ich für richtiger gehalten hätte, gegen Rechts- und Linksextremismus, sondern „Gegen Rechts“. In Wahrheit wird unsere freiheitliche Ordnung aber auch von Linksextremisten bedroht. Allenfalls ist „Gegen Rechts“ als Abkürzung akzeptabel. Nimmt man die Losung „Gegen Rechts“ im Wortsinn, so leugnet sie die Pluralität der freiheitlichen Gesellschaft. Und macht Linksextremisten zu einzig wahren Demokraten. Zugleich schließt sie Menschen aus dem öffentlichen Diskurs aus und treibt sie Rechtsradikalen und Rechtsextremisten in die Arme. Und diese sind heute in Deutschland wieder eine reale Gefahr. Denn wer wie in der Weimarer Republik gegen „das System“ hetzt, bedroht unsere freiheitliche Demokratie.

Am heutigen Tag gedenken wir der Opfer des Stalinismus und der Opfer des Nationalsozialismus. Also ist es notwendig, auch über das Wort „Nationalsozialismus“ nachzudenken. Bei Licht besehen war dieses Wort Lug und Trug. Erstens nahmen jene, welche es gebrauchten, die Nation für sich und für ihre Zwecke in Anspruch, sie missachteten die große Freiheits- und Humanitätstradition der deutschen Geschichte, sie maßen sich an, zu bestimmen, was und wer die Nation in ihrem Sinne zu sein hatte, sie leugneten also, dass die Deutschen in der Realität eine vielgliedrige und vielstimmige Gesellschaft sind. Und um Menschen in Not so etwas wie eine Gemeinschaft vorzugaukeln, gebrauchten sie den Begriff des Nationalsozialismus. In der DDR benutzte man, wie wir uns erinnern, stattdessen das Wort „Faschismus“, was ja von seinem semantischen Gehalt nur auf das Abzeichen der italienischen Faschisten verweist. Denn dies war ja das altrömische Liktorenbündel, also ein Symbol für politische Macht. Dass wir heute eher vom „Nationalsozialismus“ sprechen, hat gewiss gute Gründe, insbesondere weil es an die deutsche Verantwortung für die im Namen Deutschlands begangenen Verbrechen erinnert. Ganz wohl ist mir trotzdem dabei nicht und ich frage mich, ob die einen vielleicht damit zugleich dem angeblich überholten Begriff der Nation einen Tritt versetzen wollen, während andere denken mögen, auf diese Weise auch der Sache des freiheitlichen Sozialismus eins auszuwischen.

Wesentlicher scheint mir aber vor allem: Im heutigen Gedenken sagen diese beide Wörter, also weder „Stalinismus“, noch „Nationalsozialismus“, etwas aus über den in meinen Augen wichtigen Unterschied zwischen beiden Herrschaftssystemen, nämlich über deren gegensätzliche Perspektive auf die Geschichte. Der Stalinismus bezeichnet, wenn man ihn auf den Sozialismus bezieht, die Perversion einer großen geschichtlichen Hoffnung, welche auf den gesellschaftlichen Fortschritt setzte. Und wir wissen, dass wichtige Impulse, diese Perversion zu überwinden, aus dem Sozialismus selbst kamen. Dieses Jahr erinnert uns, jedenfalls uns im Osten, an Prag 1968! Faschismus und Nationalsozialismus dagegen wollten den Fortschritt der Geschichte anhalten und zurückdrehen. Man wollte einer Situation sich zuspitzender Krisen entkommen, indem man der eigenen Nation versprach, sie zur Herrschaft über andere Nationen zu führen: Dafür müssten die Deutschen auf ihre geistigen und politischen Freiheiten verzichten und sich einem „Führer“ unterwerfen. Zur Verführung dienten der Rassismus und in Deutschland insbesondere der Antisemitismus und seine schrecklichen Verbrechen. Dafür musste alles das, was der geschichtliche Fortschritt gebracht hatte, zurückgenommen und zerstört werden – die Aufklärung, die bürgerlichen Freiheiten, die Emanzipation der Juden, die Emanzipation der Frauen, der Humanismus, das weltbürgerliche Ethos, die Toleranz – alles Früchte der deutschen und europäischen Geistesgeschichte.

Worin beide Herrschaftssysteme übereinstimmten, war der unbegrenzte, der totale Anspruch auf jeden Menschen in ihrem Machtbereich, ganz unabhängig davon, ob dieser der führenden Nation oder der führenden Klasse angehörte oder nicht. Daher hat man diesen Totalitarismus als den gemeinsamen Grundzug dieser beiden Herrschaftssysteme bezeichnet, obwohl sie sich wechselseitig als Feinde betrachteten.

Zu den ostdeutschen Erfahrungen mit dem bundesdeutschen Diskurs gehört, dass der Begriff des Totalitarismus, jedenfalls von links, mit spitzen Fingern angefasst wird. In der Tat ist der Begriff des Totalitären ambivalent. Geprägt wurde er von dem italienischen Liberalen Giovanni Amendola als kritische Abwehr des italienischen Faschismus und des unbegrenzten Herrschaftsanspruchs Mussolinis. Doch der damit gemeinte totale Zugriff auf alle Bereiche des politischen und geistigen Lebens – diese Totalität gefiel italienischen Faschisten und deutschen Nazis durchaus. Ein einflussreicher intellektueller Unterstützer der Nazidiktatur in Deutschland, der Jurist Carl Schmitt, schrieb das Buch „Der totale Staat“. So mag man meinen, der Begriff Totalitarismus rieche nur rechtsextremistisch.

Nun kann man sich fragen, ob der begrifflich-theoretische Hintergrund des Gedenktages für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus wirklich so wichtig ist. Mich haben dazu zwei Erfahrungen aus meiner politischen Praxis in Sachsen gebracht. Die erste Erfahrung ist verbunden mit dem Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden. Im Jahre 1991, also kurz nach der Wiederbegründung des Freistaates Sachsen, hatten prominente Landtagsabgeordnete der CDU, der SPD und der FDP die Idee, dies sei der richtige geschichtliche Moment, um sich im Geiste der streitbaren Demokratin Hannah Ahrendt wissenschaftlich mit dem Phänomen des Totalitarismus auseinanderzusetzen. Schließlich gab und gibt es in Sachsen für das Wirken beider Diktaturen reichlich Befunde. Jedenfalls gelang es diesen Abgeordneten, dafür einen mit breiter Mehrheit gefassten Beschluss des Sächsischen Landtages zu erreichen. Auch in der bundesdeutschen Wissenschaft gab es dafür namhafte Unterstützer, doch überwog dort, jedenfalls nach meinem Eindruck, eine kritisch-abwartende Distanz. Das zeigte sich mit schöner Regelmäßigkeit, wenn das Hannah-Ahrendt-Institut, was bei einer wissenschaftlichen Neugründung nicht ungewöhnlich ist, durch die Ungunst der Umstände oder durch eigene Fehlentscheidungen in die öffentliche Kritik geriet. Dass die Totalitarismusthese nicht der geeignete Forschungsansatz sei, meinten manche dann stets sagen oder schreiben zu sollen. Trotzdem hat sich das Hannah-Ahrendt-Institut bis heute behaupten können.

Eine ungleich existentiellere Erfahrung machte ich dann, als Landesregierung und Landtag beschlossen, die denkmalwürdigen Hinterlassenschaften beider Diktaturperioden in Sachsen und die Zeugnisse des Widerstandes gegen diese ungleichen Herrschaftssysteme in einer Stiftung zusammenzufassen. Denn nun saßen sich im Beschlussgremium dieser Stiftung die Repräsentanten der beiden Gruppen von Opferverbänden gegenüber, also Opfer des Stalinismus und Opfer des Nationalsozialismus. Und da die Stiftung in den Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und also in meine politische Verantwortung fiel, hatte ich als Vorsitzender, unterstützt vom Sozialminister, meinem Kollegen Dr. Hans Geisler, die nicht selten sehr emotionalen Debatten zu moderieren und zu einem konstruktiven Ergebnis zu bringen. Meine zwölf Jahre in Sachsen waren gewiss eine spannungsvolle und eigentlich nie streitarme Zeit, doch die Sitzungen dieses Stiftungsgremiums empfinde ich noch heute als eine besondere Herausforderung. Denn da saßen ja unterschiedliche Schicksale am Tisch, die jeder für sich eine existentiell bezeugte und also auch nicht verhandelbare Lebenswahrheit darstellten. Was ich eben über den Wert und die Grenzen theoretischer Begriffe für die Erkenntnis der Wirklichkeit anzudeuten versuchte, das saß als durchlebte und durchlittene Existenz mir jetzt am gleichen Tisch gegenüber. Und es war durch die Personen, die sie bezeugten und für sie stritten, eine widersprüchliche Wahrheit, ja, es konnten gegensätzliche Wahrheiten sein. In einer solchen Situation erfährt man den Wert und die Grenzen begrifflicher Klarheit. Zur eigenen Orientierung sind die Theoreme, welche die Geschichte abbilden, unverzichtbar, doch als Antworten auf persönliche Zeugnisse taugen sie nur begrenzt. Da können sie nur Orientierungsmarken sein, um zu einem gemeinsamen Ergebnis oder doch zumindest zu einem nicht am Widerspruch einer Seite scheiternden Handeln, also zu einem gemeinsamen Beschluss zu kommen. Denn ohne Handlungsaufträge für die Stiftungsverwaltung wäre die Sitzung ja gescheitert, der Sinn der Stiftung nicht erfüllt und was dann? In solchen Situationen erfährt man die Grenzen ideologisch scheinbar völlig klarer Positionen, ja, die Grenzen jedweder Ideologie. Und zugleich erfährt man die Bedeutung von Freiheit als gemeinsamen und auch im Streit verbindenden Wert.

Ich musste an meine sächsischen Erfahrungen denken, als 2009 das Europäische Parlament unseren heutigen Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus beschloss. Mit großer Mehrheit folgten die Abgeordneten damit einer, soviel ich weiß, mittelosteuropäischen Anregung. In einer Entschließung bekundeten die Abgeordneten ihren „Respekt für sämtliche Opfer totalitärer und undemokratischer Regime in Europa und bezeug(t)en ihre Hochachtung denjenigen, die gegen Tyrannei und Unterdrückung gekämpft haben.“ Ziel sei, zu einer gemeinsamen Sicht der Geschichte zu gelangen. Das ist ein großes Ziel. Ist es auch wirklichkeitsgemäß? Wenn Europa als Friedensprojekt gelingen soll, bedarf es jedenfalls versöhnter oder zumindest wechselseitig verstandener und wechselseitig verstehbarer Sichten der Geschichte. Denn der ernsthafte Wille zum wechselseitigen Verstehen könnte Schritte zu einer belastbaren gemeinsamen Sicht auf die Geschichte in Europa ermöglichen.

Davon sind wir jedoch noch weit entfernt Das gilt insbesondere für unsere mittelosteuropäischen Nachbarn. Denn soweit sie nicht Verbündete Nazideutschlands waren, hatten sie keinen Anteil an dessen Verbrechen, sondern waren Opfer nazideutscher Aggression. Und waren sie mit Nazideutschland verbündet, so waren sie nicht dessen gleichberechtigte Partner, sondern eher genötigte Vasallen. Jedenfalls waren alle, ob Opfer oder Verbündeter Nazideutschlands, danach, nämlich von 1945 bis 1989, also für mehr als ein halbes Jahrhundert, Objekte sowjetischer Politik. Darum dominiert bei ihnen die Erinnerung an die stalinistische Herrschaft. Darum ist für sie Freiheit nicht zu denken ohne die Bedeutung der Nation und des Nationalstaates. Ich sage das deshalb, weil das zur inneren Wahrheit des heutigen Gedenktages gehört. Auch ich hoffe, auf eine den Menschen in der Europäischen Union in wesentlichen Elementen gemeinsame Sicht auf die europäische Vergangenheit. Und damit auf die Europäische Union als Friedensprojekt. Doch die Bedeutung der europäischen Nationen und ihrer Staaten wird mit Sicherheit ein Element dieser gemeinsamen Sicht auf die Geschichte sein. Nicht nur, weil das in Mittelosteuropa selbstverständlich ist. Auch in West-, Süd- und Nordeuropa wird das nicht ernsthaft bestritten – nicht trotz, sondern gerade wegen der wachsenden Globalisierung und Internationalisierung. Für mich ist der Ausstieg aus der Nation eine spezifisch bundesdeutsche Marotte, eine Art neuer deutscher Sonderweg, wenn auch diesmal nicht nach rechts.

Wozu mahnt uns also das heutige Gedenken der Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus? Was ist die positive Schlussfolgerung, die wir aus den Leiden der Vergangenheit ziehen? Als erstes natürlich der entschlossene Widerstand gegen alle extremistischen Feinde unserer Freiheit. Doch das genügt nicht. Ich denke, wir sollten über eine Formulierung nachdenken, zu der Hannah Ahrendt, unbestritten eine scharfsinnige Kritikerin und entschiedene Gegnerin der nazideutschen wie der sowjetischen Diktatur, in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ gekommen ist. Es ist eigentlich ein Satz zum Nachlesen, nicht zum Vorlesen. Darum werde ich ihn zweimal zitieren:

„Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschränkt oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet, sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“

Die Wirklichkeit der Freiheit offenbart sich also im Raum unseres Handelns. Anders gesagt, soweit wir nach unserer Einsicht und Abwägung, nach unserer Selbstbestimmung und Entscheidung handeln können, erfahren wir die Wirklichkeit der Freiheit. Es geht jedoch bei der Abwehr totalitärer Herrschaft nicht nur um meine Freiheit, sondern stets um unsere Freiheit, also auch die des politischen Gegners, so er sich zur Freiheit und Menschenwürde bekennt. Sobald ich nicht von meiner Freiheit, sondern von unserer Freiheit spreche, muss ich in den Blick nehmen und im Blick behalten, dass es neben mir als Handelndem noch andere Handelnde gibt. Es gibt also nicht nur meinen Willen, nicht nur meine Meinung, nicht nur meine Interessen. Es gibt – wie in der Realität des Lebens – viele neben mir. Und von denen sind einige entschieden zumindest gegen einiges von dem, was ich für richtig und unverzichtbar und wertvoll halte. Für uns alle ist jedoch, mit Hannah Ahrendt gesprochen, der Raum des Handelns die Wirklichkeit der Freiheit. Wenn also jeder und jede in Freiheit reden und handeln sollen, dann müssen die Freiheitsrechte, die sie dafür in Anspruch nehmen, eine gemeinsame Ordnung bilden. Humane Freiheit ist also das gemeinsame Fundament unseres Handelns.

Genau das war das Motiv der Mütter und Väter des Grundgesetzes, das sie über politische und weltanschauliche Unterschiede miteinander verband. In den Artikeln 1 bis 17 bekannten sie sich zu den aus der Menschenwürde folgenden Grundrechten als den Säulen jenes Handlungsraumes, in dem wir unsere gemeinsame Freiheit zu gestalten haben. Die Grundrechte definieren und beschreiben also unsere gemeinsame Freiheit. Denn sie bilden und garantieren für alle eine freiheitliche demokratische Grundordnung. Und damit es darin kein Missverständnis geben kann, legten die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates im Artikel 18 des Grundgesetzes fest, dass, wer diese Grundrechte zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, diese Grundrechte verwirkt. Das wiederum ist durch das Bundesverfassungsgericht auszusprechen.

Die Abgeordneten hatten die bittere Lektion des Untergangs der Weimarer Republik miterlebt. Die zweite deutsche Republik sollte vor einem solchen Schicksal bewahrt bleiben. Darum sollte sie nach dem Willen der Abgeordneten eine handlungsfähige und wehrhafte Demokratie sein. Von alledem höre und lese ich in unseren Zeiten wenig, zu wenig, wie ich finde. Stattdessen wird gern die Behauptung wiederholt, die Grundrechte seien Abwehrrechte gegen den Staat. Also Abwehrrechte gegen den Staat der freiheitlichen Demokratie? Dann wären die Grundrechte also nicht mehr der gemeinsame Raum freien Handelns, in dem wir alle durch Teilnahme an Debatten und Wahlen, im Konsens und im Streit, mitbestimmen, was der Gesetzgeber beschließt und wohin die Politik unseres Landes geht? Oder meinen etwa Geschichtsblinde, sie brauchten sich nur einzumischen, wenn es um ihre persönlichen Belange und Anliegen geht? Und wenn sie dabei nicht erfolgreich wären, dann würden sich um Ihre Rechte und um ihre Interessen notfalls Richter kümmern? Dabei lehren uns Geschichte und Gegenwart, dass es ohne eine handlungsfähige und handlungswillige Demokratie auch keinen Rechtsstaat gibt, der die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger schützt.

Ich fürchte, zu viele haben den Wert der gemeinsamen Freiheit aus den Augen verloren, sondern kennen nur noch ihre individuellen Freiheiten. Individualismus steht in unserer Gesellschaft ja hoch im Kurs, neuerdings wird sogar das Lob der Singularität gesungen. Als wenn es irgendeine Singularität geben könnte, die nicht rasch zum Konformismus verkommt. Dennoch bleibt natürlich wahr: Wir erfahren ständig unsere Umwelt oder doch Teile unserer Umwelt als widersprüchlich und als unbefriedigend. Überdies wird das Allgemeine und Verbindende ja auch gern unter Verdacht gestellt: Es würde ja doch nur den Bestand von Macht und Vorherrschaft geistig absichern. Also kümmern sich zu viele nicht um das Gemeinwohl, sondern um das eigene Wohl, nicht um das Gesamtinteresse, sondern um das eigene Interesse. Freilich: Wahr bleibt auch, dass es für eine gemeinschaftskritische Haltung auch vorweisbare Erfahrungen und ehrenwerte Gründe gibt. Und so wechseln sich in der Geschichte die Richtungen ab, aus denen die Angriffe auf das – tatsächliche oder vorgebliche – Allgemeininteresse kommen. Vor fünfzig Jahren verhöhnten die Achtundsechziger die „FDGO“ – die freiheitliche demokratische Grundordnung, weil sie ihnen beim Kampf für eine andere Gesellschaft im Wege zu stehen schien. Nach 1990 priesen die Neoliberalen den schlanken Staat, weil sie meinten, erfolgreicher zu sein ohne staatliche Regelungen und staatliche Institutionen. Sollen doch die weniger Erfolgreichen zusehen, wo sie bleiben!

Nun mag man mir entgegenhalten: Wir gedenken heute der Opfer links- und rechtsextremistischer Gewalt. Und du redest über die Gefährdung der Freiheit in unserer demokratischen Gesellschaft. Aber das ist genau mein Punkt: Wenn die freiheitliche Demokratie gefährdet ist, dann liegen die Gründe dafür nicht zuletzt in der Mitte der Gesellschaft, nämlich bei uns, die wir über allem Meinungsstreit und Interessengegensatz und unseren sich widersprechenden Überzeugungen uns eben nicht genügend um die gemeinsame Freiheit kümmern, also um den freiheitlichen Charakter jenes gemeinsamen Handlungsraums, in welchem wir darum ringen, wie unser Land heute und morgen sein soll.

Links- und Rechtsextremisten wird es immer geben. Im Englischen sagt man, in jeder Gesellschaft gebe es rechts und links einen lunatic fringe, einen verrückten Rand. Wie einflussreich die extremistischen Ränder sind oder werden können, das ergibt sich vor allem aus dem Verhalten jener, die sich zur freiheitlichen Demokratie bekennen. Sie müssen den Wert der gemeinsamen Freiheit hochhalten und verteidigen. Und sich dabei ehrend der Opfer freiheitsfeindlicher Diktaturen erinnern. Sie müssen die Erfahrungen aus jenen geschichtlichen Zeiten beherzigen, welche der heutige Gedenktag mit den Begriffen „Stalinismus“ und „Nationalsozialismus“ benennt. Denn in beiden Systemen finden wir, um es mit Hannah Ahrendt zu sagen, Elemente totaler Herrschaft. Darum müssen die Freunde der Freiheit, auch wenn sie untereinander streiten, das gemeinsame Gut der Freiheit gegen extremistische Angriffe von wem auch immer entschlossen verteidigen.

Nicht zuletzt zeigt uns unsere Gegenwart, wie wichtig diese Erinnerung ist. Denn die Erinnerung an Geschehenes ist eine ständige Warnung, Ähnliches oder Vergleichbares nicht noch einmal in seiner Gefährlichkeit zu unterschätzen. Viele von uns stehen unter dem bedrängenden Eindruck, dass heute wieder Dinge geschehen und Stimmen laut werden, die wir nicht mehr für möglich gehalten hätten. Der Maßstab für unsere Haltung muss stets lauten: Freiheit und Humanität gehören zusammen. Der Prozess gegen die Verbrechen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes ist gerade erst zu Ende gegangen. Können wir wirklich sicher sein, dass Ähnliches nicht noch einmal geschieht? Innerhalb kürzester Frist hat sich das Maß dessen, was gesagt und behauptet werden kann, dramatisch verändert, wie das Internet uns täglich demonstriert. Sogar ordinärer Rassismus ist wieder sagbar geworden. Und die Millionen Toten der Shoa sind für zu viele kein Grund, nicht die unsäglichen Lügen des Antisemitismus zu wiederholen. Selbstverständlich kann, ja, muss die Politik der israelischen Regierung, wie die jeder anderen Regierung, kritisiert werden, wenn diese friedengefährdend ist, doch antizionistische Hetze und antizionistische Aktionen gegen den Staat Israel oder generell gegen die Juden sind durch nichts zu rechtfertigen.

Der heutige Gedenktag mahnt uns in doppelter Weise. Erstens zu kritischer Wachsamkeit gegenüber jeder Form von Extremismus. Dafür ist seit vielen Jahren ihr Einsatz für diese Gedenkstätte in der Leistikowstraße ein gutes Beispiel. Denn dieser Ort erinnert eindringlich an das sowjetische Unrecht, das an dieser Stelle über viele Jahre an Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugung und sozialer Herkunft begangen wurde. Diese geschichtliche Tatsache darf nicht vergessen werden, sondern muss eine Warnung bleiben für uns und für künftige Generationen. Entscheidend bleibt gleichwohl, wie wir mit dieser gemeinsamen Freiheit umgehen, wenn wir uns darum streiten, wie die Gegenwart und die Zukunft unseres Gemeinwesens aussehen sollen. In was für einer Sprache reden wir da miteinander, mit welchen Methoden suchen wir uns durchzusetzen. Und nicht zuletzt: Widerstehen wir stets der Versuchung, uns, je nach Standort, mit Rechts- oder Linksextremisten zu verbinden oder auch nur ein wenig mit ihnen zu kokettieren, achten wir genügend darauf, ihre Sprache und ihre Denkmuster nicht zu übernehmen?

So lange die Idee der gemeinsamen Freiheit vital ist, so lange sie die politische Kultur unseres Landes prägt, haben Extremisten keine wirkliche Chance. Doch wenn wir die Gemeinsamkeit der gesellschaftlichen Freiheit aufgeben, wenn wir die Freiheit gleichsam individualisieren und nur noch unsere jeweiligen Interessen kennen, wenn wir meinen, Wahlen und Debatten seien unwichtig, denn wir könnten ja notfalls unsere Sache vor Gerichten ausfechten oder uns gar durch Geschrei und Gewalt durchsetzen, dann ist die Freiheit in Gefahr. Denn sie ist dann ja nicht länger ein die Menschen verbindendes gemeinsames Gut. Und lehrt uns die Geschichte nicht, wie labil, wie gefährdet das Bewusstsein vom Wert der gemeinsamen Freiheit ist? Haben wir nicht oft genug erlebt, dass sie von Stimmungen und zeitgemäßen Meinungen abhängen kann? Darum mahnt dieser europäische Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus auch uns selbst. Gewiss ist die Freiheit stets bedroht und gefährdet durch die Feinde und Verächter der Freiheit. Doch ist sie auch bei uns, die wir ihre Freunde sein wollen, stets in guten Händen? Die Freiheit ist gewiss eine große Chance, doch sie ist eben zugleich Anspruch und Risiko. Darum ist die Freiheit allzeit bedroht. Halten wir fest an unserer gemeinsamen Freiheit!

Phönix aus der Asche: Von der Kraft europäischer Erinnerungen an Stalinismus und Nationalsozialismus

Vortrag von Karl-Konrad Tschäpe am 23. August 2017

Phönix aus der Asche: Von der Kraft europäischer Erinnerungen an Stalinismus und Nationalsozialismus – so lautet der Titel meines Vortrags heute. Und wir haben uns heute versammelt am Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Es geht also um die Erinnerung an größtes Unglück, und immer wieder wird gefragt, warum wir diese Erinnerungen immer noch wachhalten, warum wir uns das antun, warum wir uns das zumuten. Ich selber arbeite in Frankfurt an der Oder in der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“, einem Ort, an dem bereits zu NS-Zeit Menschen aus politischen Gründen inhaftiert waren und misshandelt wurden, in dem nach 1945 laut Aktenbefunden über 1.200 Menschen gleichzeitig in einem Haus eingepfercht gewesen sein müssen, das für 130 Personen ausgelegt war – allerdings möglicherweise unter Einbeziehung der benachbarten Kirchen – und in dem nachweislich über 100 Personen nach Urteilen Sowjetischer Militärtribunale erschossen wurden. Eine große Gruppe weiterer Personen passierte das Gefängnis auf dem Weg zur Erschießung in der Sowjetunion: Das meiste der Geschichte des Hauses zwischen 1945 und 1950 liegt jedoch im Dunkeln und harrt weiterer Erforschung. Im Unterschied zu den Gedenkstätten in der Leistikow- und Lindenstraße in Potsdam haben wir für Frankfurt kaum einen einzigen Zeitzeugenbericht aus diesem Zeitkontext, also keinen Bodo Platt, keinen Horst Schüler, Gerd Utech,– um nur einige wenige stellvertretend zu nennen, auch keine Interviewsammlung wie die, die in den Band „Von Potsdam nach Workuta“ eingegangen ist; was wir über das Frankfurter Gefängnis unter sowjetischem Regime wissen, stammt aus den Akten russischer Archive, und es spiegelt somit ausschließlich die Sicht der Verfolger wider. Was wir haben, ist eine Ausstellung und einiges Wissen über die Rückkehrer aus der Sowjetunion, über die etwa 1,8 Millionen deutschen Soldaten und Zivilisten, die allein zwischen 1945 und 1950 in Frankfurt Ihre Freiheit aus sowjetischer Lagerhaft zurückerhielten und in ihren Erinnerungen die Stadt häufig erwähnen als ersten Punkt auf deutschem Boden nach Jahren des Hungers, der Krankheit, häufig schwerster körperlicher Arbeit, härtester Entbehrungen: Auch in den Erinnerungen einiger derjenigen, die in diesem Gefängnis ihren Leidensweg begannen, findet Frankfurt entsprechend Erwähnung, wenn auch hier schon aus späterer Zeit.
Der Anlass unserer Begegnung heute ist ein sehr ernster, und so werde ich Ihnen am heutigen Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus zunächst einiges zumuten.
Die Zumutung eines Tages wie diesem liegt darin, dass wir uns freiwillig Unglück vergegenwärtigen. Wie hatte noch Friedrich Nietzsche vom Glück geschrieben in seiner zweiten unzeitgemäßen Betrachtung, die den Titel trägt „vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“? Er beschreibt es wie folgt in einem Bild, einige von Ihnen kennen es wahrscheinlich: „Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und er will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so das der Mensch sich darob verwunderte.“

Ganz offensichtlich haben wir, ganz besonders an einem Tag wie diesem, auf den Wunsch verzichtet, „weder überdrüssig noch unter Schmerzen“ leben zu wollen. Wir haben uns für etwas anderes entschieden: Ein Leben in Würde. Aber sind wir auch bereit, die ganze Härte der Erinnerung an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus auf uns zu nehmen? Es ist dies eine nicht enden wollende Geschichte dunkelster Extremfälle menschlicher Niedertracht und Verstrickung in das Übel.
Einer dieser Extremfälle ist das Beispiel eines deutschen Polizeibataillons aus Hamburg, das Christopher Browning in seiner Studie „Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung‘ in Polen“ untersucht hat. Er beschreibt, wie die Männer dieses Bataillons – es sind etwa 500 Mann – eines Morgens in die ostpolnischen Ortschaft Jósefów gebracht werden und von ihrem Kommandeur Major Trapp, denn sie liebevoll „Papa Trapp“ nennen, in eine außergewöhnliche Situation gebracht werden. Browning beschreibt anhand von späteren Zeugenaussagen diese Situation wie folgt: „Trapp war bleich und nervös, hatte Tränen in den Augen und kämpfte beim Reden sichtlich darum, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Das Bataillon stehe vor einer furchtbar unangenehmen Aufgabe, erklärte er mit tränenerstickter Stimme. Ihm selbst gefalle der Auftrag ganz und gar nicht, die ganze Sache sei höchst bedauerlich, aber der Befehl dazu komme von ganz oben. Vielleicht werde ihnen [gemeint sind die Polizisten, KKT] die Ausführung leichter fallen, wenn sie an den Bombenhagel dächten, der in Deutschland auf Frauen und Kinder niedergehe.“ Dann führt er weitere Begründungen für etwas auf, das niemals begründbar sein kann, er nennt den amerikanischen Boykott, der von Juden gegen das Deutsche Reich angezettelt worden sei oder Partisanenaktionen, in welche die Juden angeblich verstrickt seien. Das Bataillon habe nun den Befehl, die Juden aus der Ortschaft zusammenzutreiben, die Männer im arbeitsfähigen Alter auszusondern und in ein Arbeitslager zu verbringen. Alle übrigen – Frauen, Kinder und ältere Männer – seien vom Polizeibataillon auf der Stelle zu erschießen. Schließlich bietet Trapp – übrigens im Gegensatz zu anderen Kommandeuren – auch noch denjenigen an, die sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlten, sich an der Aktion nicht zu beteiligen, ein Angebot, das in unterschiedlichen Phasen der Mordaktion dann auch von einigen Männern wahrgenommen wird, wobei diese dann damit riskieren, vor ihren Kameraden als weich, feige, als Drückeberger zu erscheinen.
Während viele von uns bei dem Wort „Holocaust“ automatisch an Auschwitz denken, ist das, was auf die Ansprache Trapps folgt, das eher „Typische“ für den Mord an den europäischen Juden. Die meisten Opfer des deutschen Judenmords wurden in der Nähe der Orte erschossen, in denen sie wohnten – während ein geringerer Teil der Opfer in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern vergast wurde.
Die Polizeimänner wurden in das Judenviertel von Jósefóf geschickt, um die Bewohner zusammenzutreiben. Nicht Transportfähige wurden sofort ermordet: „Schreie und Schüsse erfüllten die Luft“, heißt es bei Browning. Nun erhalten die Polizisten der 1. Kompanie vom Bataillonsarzt eine Lektion. Ein Beteiligter sagt dazu aus: „Er hat uns sogar noch genau erklären müssen, wie wir zu schießen haben, um den sofortigen Tod des Opfers herbeizuführen.“ Dabei wird das Schema eines menschlichen Körpers aufgezeichnet und darauf der Punkt markiert, „auf dem das aufgepflanzte Seitengewehr als Hilfszielmittel angesetzt werden sollte.“ Noch ehe die arbeitsfähigen jüdischen Männer in ein Arbeitslager abmarschieren, hören sie Schüsse aus dem nahegelegenen Wald. „Nach den ersten Salven [entstand] unter diesen Handwerkern eine erhebliche Unruhe [und] etliche Männer [warfen sich] weinend auf die Erde. […] Ihnen dürfte zu diesem Zeitpunkt klar geworden sein, dass ihre zurückgebliebenen Familienangehörigen erschossen wurden.“ – so die Aussage eines damals Beteiligten, mehrere weitere Polizisten erwähnen diese furchtbare, von Schreien erfüllte Szene ebenfalls. Tatsächlich werden die Zusammengetriebenen Frauen, Kinder und Alten nun in Gruppen von 30-40 Personen auf LKWs verfrachtet, in den Wald gebracht. Auf dem Weg unterhalten sich einige der Polizisten noch mit ihren Opfern, stellen fest, dass einige nicht nur deutsch sprechen, sondern Deutsche sind. Vergeblich bittet ein älterer Mann aus Bremen einen Polizisten um Verschonung, zeigt ihm seinen Orden aus dem Ersten Weltkrieg. Im Wald müssen sich die Juden gruppenweise hinlegen und werden von einer ebensogroßen Zahl Polizisten der Anleitung des Arztes entsprechend erschossen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauert der Mord an. Noch verstörender ist die Lektüre über die Erschießungsaktion, die die zweite Kompanie an diesem Tag durchführt, denn sie erhielt im Gegensatz zur ersten Kompanie keine ärztliche Anleitung zum Mord. Entsprechend schossen sie ohne aufgepflanzte Bajonette als Zielhilfe. Ein damals Beteiligter sagt aus: „Zuerst wurde stehend freihändig erschossen. Wenn man zu hoch hielt, sprang die ganze Schädeldecke ab. Das hatte zur Folge, dass Gehirnteile und auch Knochen in der Gegend umherflogen.“ Daraufhin wurden auch hier Bajonette als Zielhilfe verwendet. Doch wiederum heißt es: „Fehlschüsse waren nun [zwar] weitgehendst vermieden, es trat aber eine andere schreckliche Folge ein. Durch den dadurch bedingten Nahschuss traf das Geschoss mit derartiger Rasanz den Schädel des Opfers, dass oftmals der Schädel oder die ganze hintere Schädeldecke abgerissen wurde und nun Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse durch die Gegend spritzten und die Schützen beschmutzten.“ Einige der Polizisten finden offenbar gerade an dieser Wirkung Gefallen und schießen absichtlich so in die Schädel der Opfer, dass sie bersten, so jedenfalls nehmen es einige ebenfalls an den Erschießungen Beteiligte wahr. Als die Mordaktion am späten Abend mit der Erschießung der letzten Opfer beendet ist, verlassen die Polizisten den Wald und lassen die Leichen unbeerdigt zurück, denn niemand hatte sich zuvor darüber Gedanken gemacht, wie so viele Menschen bestattet werden sollten. Als die Männer schließlich abends zurück in ihre Unterkünfte in der etwa 30 km von Jósefów entfernten Stadt kommen, waren sie, wie Browning ermittelt hat, „bedrückt, empört, verbittert und erschüttert. Sie aßen wenig und tranken viel. Es wurde reichlich Alkohol ausgegeben, und viele Polizisten betranken sich ziemlich stark. Major Trapp ging herum und versuchte, seine Männer zu trösten und wieder aufzubauen, wobei er betonte, dass höhere Stellen die Verantwortung hätten. Doch vielen Polizisten konnten weder der Alkohol noch Trapps tröstende Worte das Entsetzen und die Scham nehmen, die sie empfanden. Trapp bat die Männer, nicht darüber zu reden, aber dieser Bitte hätte es gar nicht bedurft. Die Polizisten, die nicht im Wald waren, wollten keine Einzelheiten hören, und diejenigen, die selbst mit dabeigewesen waren, hatten weder damals noch später den Wunsch, darüber zu reden.“ Browning betont, dass „Praktisch alle Bataillonsangehörigen – selbst die, die sich den ganzen Tag über an den Erschießungen beteiligt hatten – … über das, was man ihnen in Józefów abverlangt hatte, empört und verbittert“ waren, wobei er die erfolgte „Demoralisierung“ „auf das Entsetzliche des Tötungsverfahrens selbst“ zurückführt. In der Folge wird das Tötungsverfahren entsprechend rationalisiert – auch der Bau der Todesfabriken erfolgt unter diesem Zeichen – für folgende Erschießungen werden nun Hilfswillige aus der Ukraine aus den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert, welche unter starkem Alkoholeinfluss einen erheblichen Teil der Drecksarbeit zu erledigen haben. So bei der nächsten Mordaktion in der polnischen Ortschaft ?omaszy, die sie unter Befehl des deutschen Oberleutnants Gnade und eines SS-Offiziers durchführen. Browning beschreibt sie anhand von Zeugenaussagen der damals Beteiligten so: „Die Juden wurden gezwungen, in kleinen Gruppen durch ein lichtes Spalier von Wachposten die etwa 30 bis 50 Meter von den Entkleidungsstellen zum Grab zu laufen. Auf drei Seiten der Grube war die Erde zu Wällen aufgeworfen worden, während die vierte eine leichte Böschung bildete, die die Juden hinuntergetrieben wurden. Betrunken und aufgeregt wie die ‚Hilfswilligen‘ waren, erschossen sie die Juden anfangs gleich am Eingang der Grube. ‚Das hatte zur Folge, dass die ersten toten Juden den Einstieg versperrten. So gingen dann einige Juden in die Grube hinein und zogen die Leichen vom Einstieg weg. Alsbald wurden die Juden in größeren Mengen in die Grube hineingetrieben, und die Hiwis hatten nun Aufstellung auf den aufgeworfenen Wällen genommen. Von dort aus erschossen sie die Opfer.‘ Mit jedem neuen Schuss füllte sich die Grube weiter. ‚Die nachfolgenden Juden mussten nun selbst auf die zuvor Erschossenen steigen, bzw. später sogar klettern, da die Leichen innerhalb der Grube fast bis zum Grubenrand aufgetürmt waren.‘
Die ‚Hilfswilligen‘, die in vielen Fällen mit der Flasche in der Hand dastanden, wurden genau wie [Oberleutnant] Gnade und der SS-Offizier immer betrunkener. ‚Während Gnade mit seiner Pistole vom Erdwall aus schoss, wobei er mehrmals Gefahr lief, in die Grube zu stürzen, war der SS-Offizier genau wie die Hiwis in die Grube hineingegangen und schoss von hier aus, da er sich infolge der Trunkenheit nicht mehr auf dem Wall gehalten hätte.‘ In der Grube stieg das mit Blut vermischte Grundwasser bald soweit an, dass es den ‚Hilfswilligen‘ bis über die Knie reichte. Mit zunehmender Trunkenheit fielen die Schützen, einer nach dem anderen, aus.“ Daraufhin müssen sich nun doch auch weitere deutsche Polizisten an der Mordaktion beteiligen. In der Grube steht das Grundwasser allerdings einen halben Meter hoch, darin „schwammen im ganzen Grubenbereich Leichen umher“. Als schließlich auch hier der letzte Jude ermordet ist, erhält der polnische Bürgermeister den Auftrag, sich um die Beerdigung der Opfer zu kümmern.
Was ich Ihnen hier vorgetragen habe, ist wie mit dem Mikroskop auf die Geschichte von Gewalt und Massenmord in Europa gesehen. Es historisch einzigartig, aber es ist nicht in jeder Hinsicht präzedenzlos. Und auf andere Weise einzigartig ist das, was sich freilich in einem anderen historischen – also zeitlichen, ideellen und räumlichen – Kontext in den Jahren 1937/38 bei Moskau auf dem butovskij poligon, also auf dem Schießplatz Butowo ereignet und das Karl Schlögel in seiner Arbeit „Terror und Traum, Moskau 1937“ beschreibt. Dorthin waren am 8. August 1937 die ersten 91 Delinquenten aus Moskauer Gefängnissen zur Erschießung gebracht worden, die letzten 52 Opfer am 19. Oktober 1938. 20.761 Personen verloren in den nur 15 Monaten, die zwischen diesen Daten liegen, an dieser Stelle ihr Leben. Kaum einer von ihnen wusste, aus welchen Gründen er verhaftet worden war, geschweige denn, weshalb man ihn zum Tode verurteilt hatte. Karl Schlögel schreibt: „Die Menschen, deren Körper nach dem Schuss in den Hinterkopf in die ausgehobenen Gräben fielen, und von einem eigens angeschafften Bagger Marke ‚Komsomolez‘ zugeschüttet wurden, kamen aus allen Schichten des Volkes, aus allen Regionen der Sowjetunion, es waren die Bürger zahlreicher ausländischer Staaten darunter, alle Konfessionen waren vertreten. Unter den Ermordeten waren die Angehörigen der alten vorrevolutionären Elite ebenso wie Mitglieder der alten bolschewistischen Garde. Namenlose wurden ebenso verscharrt wie einst prominente Persönlichkeiten: Generäle, Sportler, Piloten, Künstler. Butowo wurde zum Massengrab für Tausende, die nur deshalb erschossen wurden, weil sie einer bestimmten Nationalität angehörten. Und viele fanden den Tod in Butowo, obwohl sie keiner der gesuchten und der Verfolgung ausgesetzten Kategorien angehörten und nur deshalb, weil die Richtzahl der zur Tötung Freigegebenen von den staatlichen Terrororganisationen noch nicht erfüllt war. Es genügte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, um in das Räderwerk des Großen Terrors zu geraten.“ Tatsächlich existierte allein für das Moskauer Gebiet anfangs eine Quote von 5000 Menschen, die nach „Höchstmaß der Strafe“ – also zum Tode – zu verurteilen waren, weitere 30.000 sollten entsprechend zu Lagerhaft verurteilt werden. Doch der Große Terror findet bei weitem nicht nur in Moskau, sondern in der gesamten Sowjetunion statt, er wird 1,5 Millionen Opfer fordern, von denen etwa 700.000 ermordet werden. Butowo war also, wie Schlögel schreibt, „nur ein Punkt in einem Netzwerk, das der Aussonderung, Festsetzung, Einschließung, Verschickung und Tötung diente.“ Ein ehemaliger NKWD-Mitarbeiter sagt hierzu nach der Perestroika: „Man verhaftete und erschoss ganze Familien, unter denen vollständig analphabetische Frauen, Minderjährige und sogar Schwangere waren, und alle hat man als Spione erschossen … allein deshalb, weil sie ‚Nationale‘ waren“, also einer bestimmten Nation angehörten. Methoden werden entwickelt, um die Verhaftungen und Erschießungen nach Quote effektiver zu gestalten, die berüchtigte „Album-Methode“ etwa; zwischen den Verantwortlichen entspannen sich Wettbewerbe um die Erfüllung der Vorgaben zur Zerstörung von Biographien und Menschenleben – die Untersuchung von Fällen und Vorwürfen wird buchstäblich im Minutentakt erledigt.
Es finden sich auch Zeugenaussagen zu den Erschießungen in Butowo. In den 1990er Jahren beschreibt sie der ehemalige Kommandant der Wirtschaftsabteilung des Moskauer NKWD wie folgt – und ich gebe Ihnen hier ein längeres Zitat wider, das ich wieder Karl Schlögels „Terror und Traum“ entnehme –: „Die Menschen die zur Erschießungen verurteilt worden waren, bringt man nach Butowo, ohne ihnen mitzuteilen, weswegen und wohin. Das wurde mit Bedacht so gemacht, um überflüssige Komplikationen zu vermeiden. Die avtosaki – also die Gefangenentransporter –, in denen man bis zu 50 Menschen untergebracht hatte, fuhren zum Schießplatz von der Seite des Waldes heran gegen 1 bis 2 Uhr nachts. … Die Zone war mit Stacheldraht eingezäunt. Dort, wo die Autos anhielten, befand sich eine Erhöhung für die Wache und für den Scheinwerfer, der an den Bäumen befestigt war. Nicht weit davon waren zwei Gebäude zu sehen: ein nicht großes steinernes Haus und eine sehr lange, an die 80 Meter lange Holzbaracke. Man führte die Menschen in die Baracke gleichsam zur sanobrabotka, zur Hygienebehandlung. Unmittelbar vor der Erschießung wurde das Urteil mitgeteilt, die Daten überprüft. Dies wurde sehr sorgfältig gemacht. Naben den Akten für die Ausführung der Urteile gibt es in den Dokumenten Auskunftsberichte, die genaue Angaben zu Geburtsort oder Namen des Verurteilten verlangen.
Und bei dem Tempo, mit dem damals die Untersuchungen durchgeführt worden sind, darf man sich nicht wundern, dass es in Butowo vorkam, dass man anstelle des einen dessen Bruder hingerichtet hat. Eine Hinrichtung konnte aufgeschoben werden, wenn sich herausstellte, dass ein Photo fehlte, mit dem die Identität eines Verurteilten zu beweisen war. In all diesen Fällen wurde die Ausführung des Urteils aufgeschoben, und man schickte die Leute ins Gefängnis zurück. Diese Penibilität am Exekutionsort wirkte sich manchmal zugunsten der Menschen aus, doch Fälle der Aufhebung eines Todesurteils waren äußerst selten; gewöhnlich wurde nach der Klärung des Missverständnisses der Betreffende auf den Schießplatz zur Exekution zurückgebracht. Es kam auch vor, dass allen Kontrollen zum Trotz Irrtümer unterliefen; man erschoss aus Versehen jene, die die nur zu Lagerhaft, nicht aber zum Tode verurteilt worden waren, und umgekehrt. In diesem letzteren Fall bestand noch die Möglichkeit einer Korrektur des Fehlers, im ersten Fall natürlich nicht mehr. Es kam aber auch Folgendes vor: Eine in den 1950er Jahren als erschossen registrierte Person meldete sich plötzlich und schrieb eigenhändig ein Gesuch zu ihrer Rehabilitierung. Dies bedeutet, dass in den Jahren 1937-1938 ein anderer irrtümlich an ihrer Stelle erschossen worden war. …
Man führte die Verurteilten einzeln aus dem Barackengebäude. Dort erschienen die Exekutoren, die sie in Empfang nahmen und sie – jeder mit seinem Opfer – nach hinten zum Graben auf dem Schießplatz führte. Am Rand des Grabens schossen sie aus unmittelbarer Nähe in den Hinterkopf. Die Körper der Erschossenen warfen sie in den Graben und bedeckten den Boden des tiefen Grabens. Mit dem ‚Aufräumen‘ der Leichen beschäftigten sich speziell dafür eingeteilte Mitarbeiter des NKWD.
Pro Tag erschoss man selten weniger als 100 Menschen. Es gab auch 300 und 400 und mehr als 500. … Die Vollstrecker des Todesurteils benutzten ihre eigene Waffe, die sie meistens im Bürgerkrieg erworben hatten; gewöhnlich war dies eine Pistole vom Typ ‚Nagant‘, die sie für die genaueste, am einfachsten zu bedienende und störungsärmste hielten. Bei den Erschießungen sollten Ärzte und ein Staatsanwalt anwesend sein, doch wie wir aus den Geständnissen der Vollstreckungsbeamten selbst wissen, wurde dies bei weitem nicht immer beachtet. An den Erschießungstagen stand für alle Exekutionsteilnehmer in der Wache ein Eimer mit Wodka bereit, aus dem sich jeder nehmen konnte, so viel er wollte (ja und wie sollte man eine solche Arbeit ausführen, ohne sich zu betäuben?!). An der Seite stand noch ein Gefäß mit Eau de Cologne, da die Ausführenden schon von weitem nach Blut und Pulver rochen. Nach ihrem eigenen Geständnis waren ‚sogar die Hunde vor ihnen zurückgeschreckt‘.“
Anschließend wurde alles sorgsam dokumentiert. „In der Kommandantur haben die Vollstreckungsbeamten die Formulare handschriftlich ausgefüllt und ihre Unterschrift unter den Akt über die Urteilsvollstreckung gesetzt. Nach allen notwendigen Formalitäten gab es Mittagessen, danach fuhr man die Ausführenden, die gewöhnlich höllisch betrunken waren, nach Moskau. Abends kam jemand von den Leuten am Ort, der mit einem Bulldozer, der für diese Zwecke am Schießplatz stand, die Leichen mit einer dünnen Erdschicht zudeckte. Am nächsten Tag wiederholten sich die Erschießungen aufs Neue. …“
Auch wenn die hier geschilderten Opfer der Nationalsozialisten wie auch die des Stalinismus durch einen Schuss von hinten ermordet werden – der Mühe, eine rechtliche Fassade konstruieren zu müssen, wie bizarr und krass widersinnig auch immer – sind die deutschen Verantwortlichen enthoben, sie agieren nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam, und sie berufen sich auch sofort darauf. Der stalinistischen Quote steht die Totalität des Mordens auf deutscher Seite gegenüber – buchstäblich alle Juden sollen vernichtet werden und dieser Vernichtungswille wird mit höchster Perfektion, Akribie und Perfidie in die Tat umgesetzt. Dafür ist die stalinistische Gewalt willkürlicher, weniger zielgerichtet in der Wahl der Opfer: Es gibt in der Sowjetunion absolut niemanden, der vor Stalin nicht zittern müsste, der nicht damit rechnen muss, von einem Augenblick auf den anderen Opfer der Willkür zu werden.
Es sind im Vergleich zu den Zahlen der Opfer jeweils Wenige, die die Mordtaten an Vielen durchführen. Im Fall Butowo sind es offenbar maximal 12 Ausführende, sogenannte „Mitarbeiter für besondere Aufgaben“, die im ganzen Bereich Moskau die Exekutionen durchführen und die während der Massenoperationen auch noch auf „Dienstreise“ in andere Städte und Regionen abkommandiert werden können. Die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn und anderswo wird, soweit wir wissen, ebenfalls von sehr wenigen ausgeführt. Wassili Blochin, der auch für die Erschießungen in Butowo Verantwortung trägt und von dem das Bild eines Henkers in Lederschürze, Gamaschen und Gummistiefeln – gegen das spritzende Blut – überliefert ist, erschießt in Kalinin mehr als 6.800 Männer mit nur zwei Gehilfen. Zur Hinrichtungsstätte erscheint er mit einem Koffer, in dem sich Duzende Walther Pistolen deutscher Fabrikation befinden. Täglich werden etwa 250 Menschen in einem schallgedämpften Raum erschossen. Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Zwei Männer hielten die Arme des Gefangenen und der Dritte schoss ihm in die Schädeldecke. … Das war’s.“ Auf diese Weise verlieren Menschen im Minutentakt ihr Leben. Wodka und Eau de Cologne gehören auch hier – wie in zahlreichen anderen Berichten dieser Art – zur Grundausstattung für die Mordtaten.
Ich muss es nun bei diesen Beispielen belassen – es gäbe viele weitere zu erzählen. Es gäbe andere Formen einer solchen Vergegenwärtigung, denken wir an die Dokumentation „Shoah“ von Claude Lanzmann, die m.E. zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, denken wir aber etwa auch an Andrzej Wajdas Film über Katyn, der mit einer schockierenden Erschießungsszene schließt, dessen Schwerpunkt aber auf der beklemmenden Atmosphäre unter den Hinterbliebenen liegt, den auf ihre Angehörigen Wartenden im Polen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Denken wir nicht zuletzt an dieses Haus. „history takes place“ – so die Lehre meines Lehrers Karl Schlögel. Der Besuch in einer solchen Gedenkstätte, die Auseinandersetzung mit der Geschichte an genau so einem Ort ist durch keine Lektüre, keinen Film und kein anderes event zu ersetzen.
Es kommt mir ohnehin nicht darauf an, hier die dunkelsten Stellen einer danteschen Hölle auszuleuchten, auch wenn der Ort, an dem wir uns hier befinden, sicher dazugehört. Und ist es nicht vergeblich und eitel, schwärzer als schwarz malen zu wollen?
Schwarze Erinnerungen, Erinnerungen also, die geeignet sind, Alpträume zu bereiten, beginnen für mich bereits mit dem Bericht eines jungen Ehepaars, deren Ausreiseantrag noch im Sommer 1989 abgelehnt worden war. Nach ihrer auf den Ablehnungsbescheid folgenden Fahrt von Frankfurt (Oder) zum Pariser Platz in Berlin am 17. Juni 1989 – ohne Plakat, Parolen oder ähnliches – werden sie für ein halbes Jahr allein deshalb ins Gefängnis gesteckt, weil sie der Aufforderung eines Volkspolizeimanns nicht nachkommen, den Platz unverzüglich zu verlassen. Während der Eiserne Vorhang in Ungarn fällt, während der dramatischen Ausreisewelle des letzten Jahres des sogenannten Sozialismus in Deutschland, während der friedlichen Proteste von DDR-Bürgern auf den Straßen Ostdeutschlands sitzen sie getrennt und ohne Wissen voneinander in verschiedenen Gefängnissen und bangen um ihre einzige Tochter. Ebenso beeindruckt hat mich die Erzählung einer über 90jährigen Frau aus einer Ortschaft nahe Frankfurt, die ich kennengelernt habe: Sie hatte zur Nazizeit einem französischen Kriegsgefangenen gegen das strenge Verbot eine Zeitung gegeben und dafür als noch Minderjährige fünf Monate in dem Gefängnis in Haft sitzen müssen, das heute Gedenkstätte ist, und in dem ich arbeite. Dazu bekam sie fünf Jahre „Ehrverlust“ – BDM-Mädel, also alle Mädchen, durften nicht mehr mit ihr sprechen; sie bekam einen Vormund zugewiesen; Tanzveranstaltungen und Kinobesuch waren ihr verboten, und die Gestapo erkundigte sich regelmäßig nach ihr. Das sind keine Geschichten von brutalem Mord und Folter – wie sie sich in Frankfurt auch – oder eben hier in der Leistikowstraße – ereignet haben. Aber die 90jährige Dame hat mir ihre Lebensgeschichte trotz ihres Alters und trotz ihrer damals ja eigentlich guten Tat nur unter Tränen erzählen können. Und gerade auch der Bericht des jungen Ehepaars von 1989 verbindet sich für mich, der ich diese Zeit schon sehr bewusst selbst miterlebt habe, mit Erinnerungen an eine Zeit, in der ich als Jugendlicher das Land, in dem ich aufgewachsen war, eigentlich einfach nur verlassen wollte, vor allem, weil ich keinen Militärdienst leisten wollte und mir das Militärische in der Schule zuwider war.
Worauf es jedoch ankommt, ist die Erkenntnis, dass wir in Europa eine reiche Erfahrung damit haben, was Zivilisationsbruch in seinen verschiedenen Schattierungen bedeutet. Die Erfahrungen, von denen ich Ihnen eingangs berichtet habe, sind europäischer Natur. Das deutsche Polizeibataillon ist nicht irgendwo eingesetzt, Leute wie sie töten nicht irgendwo, sondern meist in Polen oder auf dem Gebiet der heutigen Ukraine bzw. Weißrusslands. Sie töten auch nicht irgendwen, sondern die, von denen man ihnen sagt, dass sie Juden seien, es sind Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern.
Auch in Butowo wird ein buntes Gemisch von Menschen liquidiert, Menschen verschiedener sozialer, kultureller und nationaler Herkunft. Die in der Leistikowstraße inhaftierten Deutschen sind hier russischsprachigem Personal begegnet, haben es mit Menschen in sowjetischen Uniformen zu tun gehabt und haben Erfahrungen häufig in den Lagern fernab der Heimat in der Sowjetunion sammeln müssen. Später bringen sie, sofern sie überleben, eine Erfahrung mit hierher: Ohne diese Erfahrung säßen wir heute nicht hier! Ganz sicher gäbe es ohne diese Erfahrung nicht das, was historisch einmalig ist, nämlich den Versuch der europäischen Länder und Kulturen, friedlich zu kooperieren, sich auf gemeinsame Werte zu besinnen, den immensen kulturellen Reichtum des Kontinents gemeinsam zu entdecken. Wenn ich meinem Vortrag „Phönix aus der Asche“ vorangestellt habe, dann einmal deshalb, weil ich damit an König Phönix anspielen möchte, den Vater der Europa also. In die schöne Asiatin verliebt sich bekanntlich der Himmelsvater Zeus, der sich in einen Stier verwandelt und die Königstochter auf einen neuen Kontinent entführt, hier wird sie gleichsam die legendäre Urmutter der Griechen und Europäer.
Vor allem aber verbinden wir „Phönix aus der Asche“ mit der wohl ursprünglich aus Ägypten stammenden Sage, die von dem wunderbaren Vogel Phoinix handelt, von Tod und Wiedergeburt und sogar von der Unsterblichkeit. Über den griechisch-römischen Kulturkreis wird diese Sage immer wieder neu erzählt, bis schließlich spätantike und frühchristliche Dichter berichten, wie dieser einzigartige Vogel verbrennt und aus der eigenen Asche neu entsteht. „Wie Phönix aus der Asche“ ist seitdem ein geflügeltes Wort für etwas, das schon totgeglaubt war und nun wie ein Wunder doch weiterlebt. Ein solches Wunder ist auch der Erfolg der Europäischen Integration, erst recht nach der Asche, die der Kontinent gesehen hat. Das Übel in Europa, das Verstörende also etwa, von dem ich Ihnen zu Beginn meines Vortrags referiert habe: Es hatte verschiedene Ursachen. Es ist wichtig, diese verschiedenen Ursachen zu benennen und zu erkennen – denn wir wollen und dürfen die Katastrophen von Stalinismus und Nationalsozialismus nicht noch einmal erleben. Das Wunder der europäischen Integration jedoch wird, so ist meine Überzeugung, aus der Kraft der Erinnerung gespeist, aus dem Bewusstsein dessen, was möglich war, zu was wir Menschen fähig sind, zu dem niemand von uns fähig sein will, und das wir schon gar nicht am eigenen Leibe durchleben wollen.
Ganz in diesem Sinne heißt es in der „Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ unter Punkt I, „dass die europäische Integration von Beginn an eine Antwort auf das Leiden war, das von zwei Weltkriegen und der Tyrannei des Nationalsozialismus verursacht wurde, die zum Holocaust sowie zur Ausbreitung totalitärer und undemokratischer kommunistischer Regime in Mittel- und Osteuropa führten, [––] und ein Weg [ist] zur Überwindung tiefer Spaltungen und Feindseligkeiten in Europa im Wege der Zusammenarbeit und Integration sowie zur Beendigung des Krieges und zur Sicherung der Demokratie in Europa“.
Die Kraft der Erinnerung ist in diesem Licht gewaltig.
Ja, es ist schwer erträglich und sogar verstörend, von den schlimmen Dingen, die sich im 20. Jahrhundert ereignet haben, auch nur zu lesen und zu hören. Wir wissen, wir befinden uns hier an einem Ort der Ohnmacht, des Schmerzes und der Tränen. Aber gerade aus dieser Erinnerung wird uns auch grell bewusst, was wir gemeinsam in Europa niemals wieder zulassen wollen und dürfen. Deshalb haben alle, die die Erinnerung an die totalitären Vergangenheiten und die Diktaturen lebendig halten, in dem sie sich als Zeitzeugen zur Verfügung stellen, ihre Erinnerungen niedergeschrieben haben, die Gedenkstätten, Schulen und Forschungseinrichtungen mit ihren Interviews unterstützen, unseren Respekt, unsere Sympathie, unsere Zu-Neigung verdient. Sie muten uns, vor allem aber auch immer wieder sich selbst etwas zu, aber aus dieser Zumutung können wir: Mut schöpfen und uns gegenseitig Mut zu sprechen.
Wir werden diesen Mut auch benötigen!
Denn vor einem Jahr schloss Wolfgang Templin an dieser Stelle seinen Festvortrag mit den Worten „Kämen wir hier nicht im europäischen Krisenjahr 2016 zusammen, könnte ich meine Rede mit viel größerem Optimismus schließen.
Doch Nationalismus, Xenophobie, der Appell an nationale Egoismen und Alleingänge oder der Ruf nach Abschaffung der Europäischen Union werden immer lauter. Werden diese Bedrohungen, wenn sie sich verstärken, Europäerinnen und Europäer auf den Plan rufen, eingedenk der erinnerten Vergangenheit? Werden europäische Institutionen ihre Fähigkeit zu Widerstand und Innovation erweisen, nationale und europäische Politiker Konsequenz und Führungsstärke füreinander und nicht gegeneinander zeigen?
Diese Europäische Union steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Geschichte. Sie kann durch Egoismus, Schwäche, falsche Nachgiebigkeit, durch interessenbestimmte Anbiederung an Autokraten und Diktatoren der eigenen Kapitulation zutreiben. Sie kann aber auch zur Entschlossenheit finden, dem Rückfall in imperiale Großmachtpolitik zu widerstehen, die zivilen und politischen Kräfte, die ihre Stärke ausmachen zu mobilisieren und auf den Spielregeln eines neuen europäischen Miteinanders zu beharren. Dann wird sie auch ein Hoffnungszeichen für all diejenigen bleiben, die jetzt noch ungewiss vor ihren Türen stehen.“
Auch wenn die Parlamentswahlen in einigen unserer Nachbarländer im vergangenen Jahr nicht die verheerenden Ergebnisse gezeitigt haben, die viele ihnen zugetraut haben, ist die von Wolfgang Templin angesprochene Krise heute keinesfalls überwunden. In der Ukraine fordert ein von Putins Russland leichtfertig angezettelter und bis heute geförderter Konflikt täglich Tote auf jenem Kontinent, der sich einst geschworen hatte „Nie wieder Krieg!“
Demokratische Rechte und Institutionen werden selbst in unserem Nachbarland Polen, aber auch in etlichen anderen europäischen Ländern abgeschafft, beschnitten oder erheblich bedroht. Und der Wahlsieg Donald Trumps zeigt potentiell katastrophale Defizite des demokratischen Systems in der europäisch-amerikanischen Zivilisation an – und das steht übrigens ganz unabhängig davon bereits fest, was uns die Zukunft hier noch bringen wird. Allein die Tatsache, dass ein offenbar notorischer Lügner und eingeschworener Populist auf demokratischem Wege Präsident einer hochgerüsteten Atommacht, aber auch einer der erfahrensten Demokratien der Welt werden kann, ist ein alarmierender Warnschuss, der uns aufschrecken muss. Auch in unserem Land stehen rechte und linke Populisten in den Startlöchern oder stellt sich beinahe täglich die Frage, wie viel Sicherheit wir für die Aufgabe von wie viel Freiheitsrechten zu erkaufen bereit sind. Vor allem stellt sich eindringlich die Frage, wie die Erinnerung an das Übel in Europa lebendig bleiben kann, wenn diese elementar wichtige Aufgabe von der nächsten Generation übernommen werden muss. Angesichts des Krieges mitten in Europa und überall in Europa zu beobachtenden Tendenzen, Demokratie und Freiheitsrechte einzuschränken, ist das vielleicht schwieriger, als wir es uns vorgestellt haben!
Der strahlende Vogel Phönix: Er kann auch wieder verbrennen! In diesem Land wissen wir, dass ein historischer Wimpernschlag genügt, um alles zu zerstören, was in Jahrzehnten und Jahrhunderten errichtet und erreicht wurde. Diese Gefahr schwelt. Besinnen wir uns also auf die Kraft der Erinnerung, die wir lebendig erhalten müssen. Und all die Kraft, die wir für die Erinnerung auch verwenden: Wir erhalten sie tausendfach zurück!
Das einst finstere Gefängnisgebäude mit den wenigen erhaltenen kleinen Zellen, in dem die heutige Frankfurter Gedenkstätte untergebracht ist, in der ich arbeite: Sie hat ihren Ausgang über ein gläsernes Treppenhaus, von dem der Blick über die Oder in die Freiheit gleitet – und über den Strom an der Grenze, die täglich durch Freundschaften, Neugier aufeinander, dem praktischen Handel und Wandel, die Universität auf beiden Seiten sowie der Faszination des Verschiedenen überwunden wird. Meine Gedanken sind heute auch bei den schon älteren Damen und Herren, die ich in der Frankfurter Schwesterstadt S?ubice und in Rzepin getroffen habe und die zu denen gehören, die zwischen 1939 und 1956 nach Sibirien deportiert worden waren; auch sie begehen heute diesen Gedenktag. Sie haben mich mehrfach freundschaftlich aufgenommen, mir erzählt, mir vertraut, ich war ihr Gast: Ihnen möchte ich diesen Vortrag deshalb gerne widmen.
Gegenüber der dunklen Vergangenheit haben wir ein großes Privileg: Wir verlassen heute diese Gedenkstätte, die sich im Herzen Arkadiens befindet, Potsdams Schlösser und Gärten. Atmen wir den Geruch der Freiheit. Leben wir die Zivilisation! Haben wir für die Zukunft – Mut!

Gedenken, Versöhnung und die Werte europäischer Politik

Rede von Wolfgang Templin zum Europäischen Gedenktag 23.08.2016

Heute an einem historisch bedeutsamen Tag, haben wir uns an einem historisch bedeutsamen Ort zusammengefunden, dem zentralen Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Militärischen Spionageabwehrdienstes auf dem Territorium der ehemaligen DDR. Der offizielle Name des Gebäudes, vor dem wir uns befinden, täuscht darüber hinweg, dass es bei den deutschen Inhaftierten dieses Gefängnisses und den später dort inhaftierten sowjetischen Militärangehörigen in der übergroßen Mehrzahl nicht um Spione, Diversanten oder NS-Täter ging. Es ging um um Jugendliche und Erwachsene, die wegen vermeintlichen oder tatsächlichen Widerstandes gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die mit ihr verbundenen Machtorgane der SBZ- und späteren DDR verhaftet, unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt, ohne die Möglichkeit der Verteidigung abgeurteilt wurden. Zu den Delikten, welcher die Verhafteten- häufig durch Denunziation- beschuldigt wurden, gehörte die angebliche Mitgliedschaft im Werwolf, das Schwänzen des obligatorischen Russisch-Unterrichtes, die Verbreitung politischer Witze aber auch die Verteilung von Flugblättern.
Die Urteile gingen bis hin zu Todesstrafen, die zum großen Teil auch vollstreckt wurden, zu langjährigen Haftstrafen oder zur Deportation nach Sibirien. Zu den Gefängnisschicksalen in der Leistikowstraße gibt es bis heute nur eine weithin unzureichende Materialgrundlage und Dokumentation. Die Schicksale an diesem Ort sind ein winziger Ausschnitt aus den Haft- und Leidensgeschichten deutscher Ableger des internationalen Gulag-Systems.
Wir wollen am 77. Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes der Opfer totalitärer Systeme insgesamt gedenken, totalitärer Systeme, deren unheilvolle Entwicklung das Antlitz des letzten Jahrhunderts mitprägte. Eine Zeit, welche als Jahrhundert der Lager, Jahrhundert der Extreme in die Geschichte eingeht.
Menschen aus den Ländern im östlichen Teil Europas, aus Polen, den baltischen Staaten, der Ukraine, welche die Schrecken des deutschen nationalsozialistischen Überfalls, der nachfolgenden nazistischen Vernichtungsmaschinerie und des Holocaust selbst erlebten oder als Teil ihrer Familiengeschichte mit sich trugen, sahen den 23. August seit Jahrzehnten als frühen Kulminationspunkt, der Verbindung nationalsozialistischen und sowjetkommunistischen Terrors. Sowjetische und Deutsche Besetzung, Deutsche und Sowjetische Besetzung und Okkupation, wie auch immer sich die Reihenfolge gestaltete, löschten ab 1939 die kurze eigene staatliche Souveränität aus, brachten Unterdrückung, Deportationen und Terror. Der militärische Sieg der sowjetischen Truppen über die deutsche Wehrmacht wurde zur Befreiung, der erneute Unterdrückung und Unfreiheit folgten. Neben dem 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung blieb der 23.August 1939, der den Klammergriff der Totalitarismen symbolisierte, im historischen Bewusstsein mittelosteuropäischer Nationen präsent. Die Auseinandersetzung damit und der Protest gegen das Jalta-Systems, welches einen ganzen Teil des europäischen Kontinents unter sowjetische Herrschaft und Kontrolle brachte, trugen Revolten, Aufstände, Dissidenz und Opposition und nicht zuletzt die politische Massenbewegung der polnischen Solidarnosc. Sie hielten bis zu den friedlichen Befreiungsrevolutionen des Jahres 1989 an. Die sechshundert Kilometer lange Menschenkette, welche am 23. August 1989, die drei baltischen Staaten verband, symbolisierte den ungebrochenen Freiheitswillen unterdrückter Völker.
Nach 1989 rissen die Bemühungen und Initiativen von Menschen aus diesen Ländern nicht ab, den 23. August als Erinnerungsdatum an die dunkelste, jüngste Vergangenheit festzuhalten.
Es waren die Jahre, die in die Wahrnehmung, das Bewusstsein vieler Westeuropäer als Osterweiterung der Europäischen Union eingingen. Für den Osteuropahistoriker Karl Schlögel geht es in dieser Zeit um viel mehr, eine Neukonstituierung Europas.
Die Frage nach dem Stellenwert des 23. August erreichte mit Verzögerung auch die Ebenen des Europarates und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), auf denen um Entschließungen dazu gerungen wurde. Im Jahre 2008 kam es zu einer Forderung des Europäischen Parlaments, den 23. August zum europaweiten Gedenktag an die Opfer aller totalitären und autoritären Regime zu erklären. Dem folgte eine „Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“. Im gleichen Jahr, zum 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes im August 2009, kam es zu einer Erklärung deutscher zivilgesellschaftlicher Akteure, Intellektueller und Politiker, an deren Entstehung ich selbst beteiligt war. Im Titel der Erklärung werden die historischen Entscheidungsjahre 1939 und 1989 miteinander verbunden:
„Das Jahr 1989 feiern, heißt auch, sich an 1939 erinnern“
Wir führen in dieser Erklärung aus:
„Ein freies und demokratisches Europa muss sich seiner Geschichte bewusst sein. Es braucht die Erinnerung an die kommunistische Ära und ihre Überwindung. Ein erster Schritt ist getan. Im April hat sich das Europäische Parlament erstmalig zu dieser Verantwortung bekannt. Dieser Weg ist weiter zu gehen. Europa braucht eine aktive verantwortungsbewusste Erinnerungskultur, die die nachwachsende Generation für neu aufkommende autoritäre und diktatorische Entwicklungen sensibilisiert“
Trotz des breiten intellektuellen und parteipolitischen Konsens, den die Unterzeichner der Erklärung ausdrücken, gab es zahlreiche Stimmen der Warnung und des Protestes gegen diese Positionen und ihre Konsequenzen.
Die Anwendung des Totalitarismusbegriffs für grundverschiedene politische Systeme, führe zu einer unzulässigen Gleichsetzung, drohe die Unterschiede zwischen ihnen einzuebnen und stelle die Singularität des Holocaust in Frage. Der Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes werde für einen erinnerungspolitischen Deutungskampf missbraucht. Diese Stimmen sind bis heute präsent, wirken in historische Debatten hinein und durchziehen die Auseinandersetzung um die Gedenkstättenkultur in Deutschland. Abwehr und Widerstände gegen die verschiedenen Formen der Totalitarismustheorie haben ihre eigene lange Geschichte. In den intellektuellen und politischen Diskursen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft galten der Begriff des Totalitarismus und darauf bezogene Konzepte lange Zeit als Domäne der politischen Rechten, als untaugliche politische Kampfinstrumente gegen die im Grundsatz progressive kommunistische Weltbewegung, die sich nur ihrer stalinistischen Schlacken entledigen müsse.
Das Beispiel von Richard Löwenthal, des bedeutenden sozialdemokratischen Politikers, Intellektuellen und Hochschullehrers, kann die Kurzschlüssigkeit solcher Urteile deutlich machen. Eine, von dem Zeithistoriker Mike Schmeitzner gestaltete Dokumentation des Gesprächskreis Geschichte der Friedrich Ebert Stiftung (Heft 96) stellt Leben und Wirken von Richard Löwenthal vor. Ich zitiere:
„Geprägt durch eigene bittere Erfahrungen mit dem Bolschewismus sowjetischer Prägung und dem Nationalsozialismus analysierte Löwenthal diese Ideologien scharfsinnig. Ohne die jeweils andere Diktatur zu bagatellisieren, zu relativieren oder sie miteinander gleichzusetzen, betonte er die besondere Dynamik von Nationalsozialismus und Bolschewismus, die er als totalitäre Revolutionen charakterisierte, um sie fundamental von den demokratischen Entwicklungen im Westen abzugrenzen.“ (Zitat Ende)
Die gleichen Lebenserfahrungen machten Löwenthal aber auch die Schwächen und die Angreifbarkeit der liberalen Demokratien des Westens bewusst, zu denen er sich letztlich bekannte.
Der 1908 in Berlin-Charlottenburg geborene Löwenthal entstammte einer bürgerlichen deutsch-jüdischen Familie.
Über seine Verwandtschaftsbeziehung zu einer anderen bedeutenden linken Intellektuellen und Totalitarismustheoretikerin Hannah Arendt, äußert er sich selbst:
„Die Mutter meines Vaters war eine geborene Arendt, eine Schwester des Königsberger Stadtrats diesen Namens, dessen Tochter Hannah Arendt war. Das habe ich erst jetzt, viele Jahre später herausbekommen, nachdem ich sie besser kennengelernt hatte. In der Familie ist offenbar das Interesse am Totalitarismus erblich“.
Als Student an der Berliner Universität wird Löwenthal in den Krisenjahren der Weimarer Republik, Mitglied und schnell führender Funktionär der kommunistischen Studentenfraktion. Das Jahr 1929, welches die Moskau- gesteuerte KPD, mit einer zentral gegen die SPD gerichteten neuen Generallinie sieht – die Sozialdemokraten als Sozialfaschisten und damit entscheidende Gegner –führt zum ersten Bruch. Löwenthal tritt in die gerade gegründete KPD-Opposition ein und wird später Mitglied der Gruppe „Neu Beginnen“. Ab 1935 findet er sich in Prag wieder, im Zentrum der sozialdemokratisch- sozialistischen Emigration. Schriften aus dieser Zeit zeigen, wie sich sein Totalitarismusbegriff aus der Analyse der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Entwicklung des totalen Führerstaates, der Gleichschaltung aller Teile der deutschen Gesellschaft, bildet. Die zerstörerische Dynamik der nationalsozialistischen Bewegung, ihr Endziel einer total neu geformten, rassisch vereinheitlichten Volksgemeinschaft, lassen ihn von einer „totalitären Revolution“ sprechen. Bei aller Kritik an den Herrschaftspraktiken und Säuberungsexzessen der Sowjetunion unter Stalin, sieht er dort diesen totalitären Charakter nicht und identifiziert sich mit dem Lenin des Jahres 1921,erklärt den grundlegend progressiven Charakter dieses Gesellschaftsexperimentes.
Für Löwenthals endgültige Desillusionierung und spätere theoretische Konsequenz, werden das Jahr 1939 und der Schock des Hitler-Stalin-Paktes entscheidend. In die Londoner Emigration gegangen, lernt er dort unter anderem Sebastian Haffner, Isaac Deutscher und George Orwell kennen.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland und der Tätigkeit als Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin, wird Löwenthal zu einem der einflussreichsten Vordenker der SPD, früher Biograph von Ernst Reuter, Berater von Willy Brandt und Helmut Schmidt.
Längst ist für ihn jede Verklärung und Verteidigung des sowjetischen Gesellschaftsexperiments unmöglich geworden, liegt für ihn der totalitäre Charakter Leninschen Denkens und bolschewistischer Herrschaftspraxis unabweisbar zu Tage. Eine Revolution von unten, die im dauerhaften Machtmonopol einer Partei mündet, für den utopischen Endzustand einer klassenlosen Gesellschaft, die physische Ausschaltung aller Klassenfeinde in Kauf nimmt, kann nur als totalitär bestimmt werden.
Löwenthal arbeitet auf dieser Grundlage die Gemeinsamkeiten beider totalitärer Systeme heraus, besteht weiter auf grundlegenden Unterschieden und lehnt, im Gegensatz zu seinem Berliner FU-Kollegen Ernst Nolte, scharf ab, aus der zeitlichen Parallelität der Verbrechen Hitlers und Stalins, eine kausale Beziehung zu folgern. Der Versuch Noltes im „Historikerstreit“, die Untaten Hitlers als Folgereaktion auf die Untaten Stalins zu erklären, erscheint ihm absurd. Noch schärfer lehnt er die Vorstellung ab, Hitlers organisierte Vernichtung von Millionen Juden als eine Art Kopie sowjetischer Massenvernichtung zu betrachten. Hitlers Judenhass, der nationalsozialistische Welteroberungs- und Vernichtungswahn, haben eigene Wurzeln, die in die Tiefen und Untiefen der Deutschen Geschichte zurückreichen. Damit ist auch von der nicht in Frage zu stellenden Singularität des Holocaust auszugehen.
Jürgen Habermas, welcher über den Historikerstreit von 1988 hinaus, skeptisch gegenüber verschiedenen Spielarten der Totalitarismustheorie blieb, vollzog hier eine eigene Entwicklung. In einem vielbeachteten Beitrag für die Enquetekommission des Deutschen Bundestages, die sich der Auseinandersetzung mit der nächsten Diktatur auf deutschem Boden widmete, sprach er von der Chance und konstitutiven Bedeutung eines antitotalitären Konsens aller Demokraten.
„Die Europäische Idee. Aus dem Geist des Widerstandes“ lautet der Titel eines im Jahre 2000 erschienen Suhrkamp-Bandes“. Der Herausgeber versammelt darin Manifeste, Denkschriften und Konzepte, die in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurückreichen, vom Widerstand gegen die nationalsozialistische und kommunistische Bedrohung Zeugnis geben und die Gründerväter der späteren Europäischen Union inspirierten. Neben dem „nie wieder Krieg“ einer künftigen europäischen Friedensordnung, stehen Freiheitsrechte, Werte der Demokratie und sozialer Ausgleich als Fundamente eines Neuanfangs. Anders als bei der verfehlten Nachkriegsordnung von 1918 und konfrontiert mit einer historisch einmaligen deutschen Kriegsschuld und Verbrechenlast, geht es um einen Weg, der den freien Teil Deutschlands in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückführt, die Bundesrepublik zum Partner europäischer demokratischer Neugestaltung werden lässt. Ausgleich und Versöhnung markieren hier ein Ziel, dass die realistische Erinnerung, die Erkenntnis und das Eingeständnis eigener Schuld und die darauf bauende Bereitschaft zur Vergebung, zur Voraussetzung hat.
Ohne die deutsch-französische Aussöhnung und Partnerschaft sind der Aufbau und die Ausgestaltung der Europäischen Gemeinschaft und der späteren europäischen Union nicht vorstellbar. Wir sehen die Gestalten von Konrad Adenauer und Charles De Gaulle, sehen die anderen mit diesem Aufbau- und Versöhnungswerk verbundenen europäischen Gründerväter, Staatsmänner und –Frauen, die Jahrestage, Begegnungen und symbolischen Gesten.
Was wir zu oft übersehen, sind die Neugestaltungs- und Versöhnungskräfte von unten, die zahllosen Menschen, welche sich der Last, der eigenen Vergangenheit stellten, ihre individuellen Konsequenzen zogen und die vorher unübersteigbaren Grenzen überwanden.
Gleichsam im Schatten der deutsch-französischen Annäherung und Versöhnung im freien Teil Europas, gab es die immer zahlreicheren Bemühungen und Initiativen, für eine künftige deutsch-polnische Versöhnung. Vielen Zeitgenossen und Beteiligten schien diese Aufgabe noch unlösbarer. In Polen hatte der nationalsozialistische Terror mit unvorstellbarer Grausamkeit gewütet, hatten die deutschen Architekten der Endlösung, Vernichtungslager errichtet. Die polnische Hauptstadt Warschau, ließ Adolf Hitler, von unbezwingbaren Freiheitswillen der Polen im Warschauer Aufstand getroffen, dem Erdboden gleichmachen. Nach dem Krieg mussten Millionen Deutsche dafür mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlen.
Freier Austausch und offene Grenzen, die Hilfestellung der Amerikaner beim Aufbau der Demokratie in der Bundesrepublik boten Chancen für Verständigung und Aussöhnung nach Richtung Westen, die der Eiserne Vorhang und für das dahinter liegende Polen und andere Länder im sowjetischen Machtbereich, mehr oder weniger versperrte. Dennoch gelang es, unter ungleich schwereren Bedingungen, bereits vor 1989 zahlreiche Schritte zu tun. Ich will an dieser Stelle nur die gesamtdeutsch wirkende Aktion Sühnezeichen, die zivile Unterstützung der Solidarnosc-Bewegung in den achtziger Jahren und den Kniefall Willy Brandts erwähnen.
Der Fall des Eisernen Vorhanges, der erfolgreiche Reformweg Polens und der anderen ehemaligen Ostblockstaaten, schufen endgültig die Voraussetzung für ein neues Miteinander, das Annäherung und Versöhnung einschloss.
In Deutschland aber zeigte sich, dass Erinnern und Versöhnen nicht auf Verdrängung und verkürzten Schuldzuweisungen aufbauen durften. Dem
„Hitler und die Seinen waren es. Wir anderen haben ja auch nur darunter gelitten“, setzten Opfer, Betroffene und zunehmend auch Historiker eine andere Realität entgegen, die schmerzhaft war, die Familien auseinander bringen konnte und die Scheinruhe der Wirtschaftswunderjahre aufschreckte. Der akademischen Formel von der „heilsamen Kraft des Beschweigens“, stellten sich immer mehr Nachwachsende mit dem Mut zur Wahrheit entgegen. In die junge Bundesrepublik zurückgekehrte Emigranten, sahen sich einer gar nicht schweigenden Mehrheit gegenüber und wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, den „Terror der Bombennächte“ im bequemen Exil ausgesessen zu haben.
Eine Auseinandersetzung, die in der Bundesrepublik Jahrzehnte währte und sie in dieser Zeit zur Demokratie reifen ließ. Unter ungleich leichteren Bedingungen aber mit gar nicht so grundverschiedenen Mustern, spielte sich die Auseinandersetzung mit den Folgen der nächsten Diktatur auf deutschem Boden nach 1989 ab. Viele von Ihnen sind Zeugen und Beteiligte dieser Auseinandersetzung bis zum heutigen Tag. Andere europäische Nationen, welche die Erinnerung an Fremdbestimmung, Okkupation und eigenen Widerstand hochhielten, sich zu Recht als Kriegsopfer sahen, mussten sich dem Problem der Kollaboration und der Mitschuld an der Vernichtung der europäischen Juden stellen. Die erst in den siebziger Jahren zur Europäischen Union hinzukommenden Länder Griechenland, Spanien und Portugal, waren mit ihren zurückliegenden Bürgerkriegen und Militärdiktaturen im Schatten der totalitären Großmächte konfrontiert.
Auf einer noch weiter zurückliegenden aber bis in die Gegenwart reichenden historischen Karte ist die Vergangenheit zahlreicher europäischer Demokratien als Imperien oder Kolonialmächte eingezeichnet. Jede der beteiligten Nationen tat sich mit der Aufarbeitung dieser Vergangenheit schwer, die auch zur Neudefinition der eigenen Rolle und Verantwortung gegenüber diesen Territorien zwingt
Kämen wir hier nicht im europäischen Krisenjahr 2016 zusammen, könnte ich meine Rede mit viel größerem Optimismus schließen.
Doch Nationalismus, Xenophobie, der Appell an nationale Egoismen und Alleingänge oder der Ruf nach Abschaffung der Europäischen Union werden immer lauter. Werden diese Bedrohungen, wenn sie sich verstärken, Europäerinnen und Europäer auf den Plan rufen, eingedenk der erinnerten Vergangenheit? Werden europäische Institutionen ihre Fähigkeit zu Widerstand und Innovation erweisen, nationale und europäische Politiker Konsequenz und Führungsstärke füreinander und nicht gegeneinander zeigen?
Wladimir Putin versucht, als Herrscher eines neoimperialen Russlands, eine Internationale europäischer und außereuropäischer Autokraten und Diktatoren zu schmieden; die in seinen Augen dekadente und zur Gegenwehr unfähige Europäische Union – ihre amerikanischen Verbündeten eingeschlossen, zu schwächen und ihr zunehmend die Regeln seines eigenen Spiels aufzuzwingen. In seinem Gegenmodell, werden über die Köpfe von Nachbarn und kleineren Nationen hinweg, imperiale Einfluss- und Herrschaftsgebiete abgesteckt, regiert das Recht des Stärkeren, sind Vereinbarungen und Verträge, nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Wem fällt hier nicht die Situation von 1939 ein?
Die Geschichte wiederholt sich nicht, historische Analogien, ob sie das Ende von Weimar, den Zerfall instabiler Demokratien, neue totalitäre Bedrohungen oder Kriegsszenarien betreffen, werden der modernen Realität nicht gerecht. Zu unserer Realität gehört die Existenz der Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Union, die mit der Attraktivität, von Freiheit, Demokratie und sozialem Ausgleich, entscheidenden Anteil daran hatte, dass die Epochenwende von 1989 zustande kam.
Diese Europäische Union steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Geschichte. Sie kann durch Egoismus, Schwäche, falsche Nachgiebigkeit, durch interessenbestimmte Anbiederung an Autokraten und Diktatoren der eigenen Kapitulation zutreiben. Sie kann aber auch zur Entschlossenheit finden, dem Rückfall in imperiale Großmachtpolitik zu widerstehen, die zivilen und politischen Kräfte, die ihre Stärke ausmachen zu mobilisieren und auf den Spielregeln eines neuen europäischen Miteinanders zu beharren. Dann wird sie auch ein Hoffnungszeichen, für all diejenigen bleiben, die jetzt noch ungewiss vor ihren Türen stehen.

 

Gedenkstättenverein KGB-Gefängnis