Nachruf für Gisela Kurze

Gisela Kurze 2012

Gisela Kurze war 1997 seit der „ersten Stunde“ der Öffnung des ehemaligen KGB-Gefängnisses für die Öffentlichkeit dabei. Als Historikerin für die deutsche Abteilung von Memorial St. Petersburg e.V. wirkte sie an der Ausstellung „Von Potsdam nach Workuta“ entscheidend mit, kümmerte sich liebevoll um die Zeitzeugen, die in den Folgejahren ankamen und sich als Gefangene des Potsdamer KGB nach dem 2. Weltkrieg zu erkennen gaben. Für einige von ihnen gab sie deren biografischen Berichte als Broschüren heraus, übernahm viele Dienste des Arbeitskreises und späteren Vereins, der sich an den Wochenenden um die Besucher der Gedenkstätte bemühte und gewährleistete, dass das Haus nicht mehr abgerissen werden konnte. 1999 bis 2001 half sie der Potsdamer Gruppe von Amnesty International, Schulklassen zu betreuen, die einmal monatlich in das Thalia-Kino zu Filmen über Menschenrechte gezeigt wurden. In dem langen Prozess, der das Gefängnis des ehem. russischen Geheimdienstes zur Anerkennung als eine der Gedenkstätten des Landes Brandenburg werden ließ, wirkte die spätere Vorsitzende von Memorial Deutschland e.V. mit ihrer guten historischen Kenntnis und der russischen Sprache in unaufgeregter aber deutlicher und diplomatischen Weise mit. Vielen Zeitzeugen war sie ein Sprachrohr, die ihr zahlreiche öffentliche Zeitzeugengespräche verdankten. Die letzten 7 Jahre lebte sie zurückgezogen, ihre menschlische Wärme fehlte uns in Potsdam. Jetzt nach ihrem Tod am 2. Dezember 2023 bleibt uns große Dankbarkeit für alles, was sie für uns war.
Christian Albroscheit

Zum Tod von Gisela Kurze: Den Überlebenden zugewandt

Von Kay Grimmer, PNN und Tagesspiegel am 9.1.24

Gisela Kurze sorgte maßgeblich für den Aufbau der Potsdamer Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße. Im Dezember ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben.

Als Gisela Kurze das Haus in der Leistikowstraße sah, in dem über Jahrzehnte das Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB untergebracht gewesen war, schien sie zu ahnen, dass es zu ihrem späten Lebensprojekt werden würde. Gisela Kurze hatte ein Herz, das immer groß genug war, sich den Überlebenden dieses unmenschlichen Ortes zuzuwenden und die Schicksale der vielen unschuldig Inhaftierten lebendig zu halten.
Das Gründungsmitglied der Potsdamer „Arbeitsgemeinschaft Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Leistikowstraße“ und Vorstandsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial Deutschland verstarb bereits am 2. Dezember des vergangenen Jahres, wie der Verein der Gedenkstätte am Montag mitteilte.

Kurze brachte Opferbiografien heraus
Kurze gehörte zu den Menschen, die das ehemalige Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Besatzungsmacht in den 1990er-Jahren in Augenschein nehmen konnten, weit vor der offiziellen Öffnung als Gedenk- und Begegnungsstätte im Jahr 2008. So berichten die Vereinsmitglieder Gisela Rüdiger und Bettina Paulsen. Gisela Kurze ließ der Ort nicht mehr los. Die Biografien der unschuldig Inhaftierten interessierten sie.
„Sie wollte aufklären und an diese Menschen erinnern“, schreibt der Verein in seinem Nachruf auf Gisela Kurze und ihr bürgerschaftliches Engagement. So hat Kurze Opferbiografien herausgegeben, viele Zeitzeugengespräche geführt, um die Geschichte wach und lebendig zu halten. „Ihre Zuwendung zu den Überlebenden war einmalig“, heißt es in der Reaktion des Vereins auf den Tod der 87-jährigen gebürtigen Berlinerin.

2007 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Brandenburg
Ihr Engagement blieb nicht unbemerkt. So erhielt Gisela Krause im Jahr 2007 aus den Händen des damaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) den Verdienstorden des Landes Brandenburg.
Ihr wirkliches Vermächtnis ist das Haus in der Leistikowstraße 1, das zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte umgebaut wurde. „Wir verdanken ihr wesentlich den Erhalt des Gebäudes als Erinnerungsort für die Opfer des Stalinismus“, heißt es im berührenden Nachruf des Vereins „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam“.

Potsdamer Gedenkstätte trauert um Gisela Kurze

Nachruf für engagierte Historikerin

Volker Oelschläger, MAZ am 10.01.24

Die Zuwendung der Historikerin Gisela Kurze zu den Überlebenden des ehemaligen KGB-Gefängnisses in der Potsdamer Leistikowstraße war einmalig. Das schreiben ihre Mitstreiter in einem Nachruf.

Nauener Vorstadt. Über Jahrzehnte hat sich die Berliner Historikerin Gisela Kurze für die Erhaltung der Spuren des ehemaligen KGB-Gefängnisses in der Leistikowstraße für die Nachwelt eingesetzt: „Als originäres Relikt totalitärer Herrschaft ist es deutschlandweit einmalig“, sagte sie. Ihr Credo: „Dieses Haus muss in seinem Ist-Zustand konserviert werden.“ Seit 1995 engagierte sie sich im Verein Arbeitsgemeinschaft Gedenk- und Begegnungsstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam.
Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen sorgte sie dafür, dass der einstige Schreckensort für Publikum geöffnet wurde, organisierte Führungen, sammelte Spenden, recherchierte die Geschichte des Tatortes und die Biographien von einst Inhaftierten.

Über Potsdam nach Workuta
„Sie wollte aufklären und an diese Menschen erinnern“, schreibt der Verein in einem Nachruf für die Historikerin: „Deutsche Jugendliche, die Widerstand leisteten gegen die Sowjetisierung der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, Angehörige der sowjetischen Besatzungstruppen, die ihre brutale Behandlung nicht aushielten, oder Menschen, die für westliche Geheimdienste arbeiteten, um für eine Demokratisierung der DDR zu kämpfen.“
Gisela Kurze wirkte maßgeblich mit an der ersten Ausstellung „Von Potsdam nach Workuta“, die an die Rolle des einstigen Pfarrhauses als Durchgangsstation zu Stalins Gulag-System plastisch werden ließ. Sie kämpfte erfolgreich dafür, dass das ehemalige Gefängnis Gedenkstättenstatus und Förderung bekam.
2007 ist sie für ihr Wirken mit dem Verdienstorden des Landes Brandenburg ausgezeichnet worden. Erst jetzt ist bekannt geworden, dass Gisela Kurze am 2. Dezember 2023 im Alter von 87 Jahren verstorben ist: „Unser Verein denkt in Dankbarkeit an sie zurück“, heißt es im Nachruf: „Ihre Zuwendung zu den Überlebenden war einmalig.“

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Historiker Karl Schlögel kritisiert eine Entscheidung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, MAZ im August 2023

15. oder 23. August? Es scheint nur um ein Datum zu gehen. Der Streit zwischen dem Gedenkstättenverein KGB-Gefängnis und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mutet etwas grotesk an. Doch der Historiker Karl Schlögel erklärt in einem Gastbeitrag, warum er den 23. August für sehr viel zwingender hält.

Potsdam. Das ehemalige KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße in Potsdam gehört zu den eindringlichsten Museen und Gedenkstätten im Raum Berlin-Brandenburg. Besucher, die vom Zauber des preußischen Arkadien hingerissen, sich am Heiligen See, im Neuen Garten und Schloss Cecilienhof ergehen, lernen hier in nächster Umgebung, in dem ehemaligen Haus der Evangelischen Frauenhilfe eine andere, die dunkle Seite Potsdams kennen. Auf einem historischen Pfad kann man hier das Terrain des ehemaligen sowjetischen „Militärstädtchens Nr. 7“ abschreiten mit der heutigen Gedenk- und Begegnungsstätte im Zentrum.

Besuchern, die durch die sorgfältig konservierten Flure, Räume, Zellen des ehemaligen Gefängnisses der sowjetischen Militärspionageabwehr wandern, sind hier konfrontiert mit Zeugnissen und exemplarischen Lebensschicksalen der Opfer, die hier verhört, gefoltert, in Lager verschickt oder – wie in fast Hundert dokumentierten Fällen – auch hingerichtet worden sind. Dass es zur Rettung dieses Ortes nach Auflösung des KGB 1991 und dem Abzug der sowjetischen Truppen 1994 und seiner Umwandlung in eine Stiftung Gedenk- und Begegnungsstätte im Jahre 2008 gekommen ist, ist ohne den Einsatz des Vereins aus Potsdamer und Berliner Bürgerrechtlern, ehemals Inhaftierten und deren Angehörigen nicht denkbar.
Die Stiftung hat dem Verein untersagt, eine Gedenkveranstaltung am 23. August abzuhalten

Umso schmerzlicher muss jeden, der die Gedenkstätte und ihre Aktivitäten in den letzten Jahren verfolgt hat, die Nachricht treffen, dass die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten dem Verein untersagt hat, in diesem Jahr – wie schon in den Jahren zuvor – eine Gedenkveranstaltung am 23. August im Vortragsraum des Gebäudes in der Leistikowstraße abzuhalten; statt dessen soll der Verein an der von der Stiftung für den 15. August festgesetzten Veranstaltung teilnehmen. Der Streit um das Datum – 15. oder 23. August – scheint bizarr, aber offensichtlich geht es hier mehr als um einen Termin-Konflikt.

Der Verein, der über Jahre hinweg treibende Kraft für die Errichtung der Gedenkstätte war, möchte wie bisher am 23. August zusammenkommen. Das Datum wurde vom Europa-Parlament 2009 zum „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer totalitärer und autoritärer Regime“ bestimmt. Am 23. August 1939 kam es zum Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes, mit dem im Geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung Europas zwischen Hitlers und Stalins Reich beschlossen wurde. Damit war der Beginn des Zweiten Weltkriegs, Deutschlands Überfall auf Polen am 1. September und Stalins Einmarsch in Ostpolen am 17. September besiegelt.

Die Stiftung hingegen hat sich für den 15. August entschieden, weil am 15. August 1945 das Gebäude des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins durch die sowjetische Besatzungsmacht übernommen wurde. Man kann das Insistieren auf der Authentizität von Ort und Zeit gut verstehen in einer Zeit, da lieux de memoire oft nach Belieben konstruiert oder gar erfunden werden. Allerdings muss man der Argumentation, die nun schon Monate lang zwischen der Stiftung und dem Verein hin und her geht, an einigen Punkten entschieden widersprechen. So heißt es etwa in der Darlegung des Direktors der Stiftung, Axel Drecoll, dass man den 23. 8. ablehne, weil er mit dem Ort in der Leistikowstraße nichts zu tun habe und missverstanden werden könne.
Unser Gastautor Karl Schlögel bei einer Lesung aus seinem Buch „Das russische Berlin“ (2019).

Zu unserem Gastautor Karl Schlögel:

Karl Schlögel ist Deutschlands gefragtester Osteuropa-Historiker. Von 1994 bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Regelmäßig veröffentlicht Schlögel viel beachtete Bücher wie „Das sowjetische Jahrhundert“ (2017) oder „Die Mitte liegt ostwärts“ (2002). Zuletzt erschien von ihm: „Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen“ (2015/?erweiterte Neuausgabe 2022).
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Zum 80. Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Vertrags hielt Karl Schlögel am 23. August 2019 auf Einladung des Vereins in der Leistikowstraße einen Vortrag zum Thema „1939 – Über den Zusammenhang von Appeasement und Entfesselung des Zweiten Weltkriegs“.

Als Vaclav Havel, Joachim Gauck und andere, meist aus Ostmitteleuropa kommende Intellektuelle und Politiker im Jahre 2008 in Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt in ihrer Prager Erklärung dazu aufriefen, das Datum des Paktes in eine weiter gefasste europäische Erinnerungs- und Gedenkkultur aufzunehmen, ging es ihnen um die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen und stalinistischen Systems. Als das Europäische Parlament im Jahre 2009 mit großer Mehrheit seine Resolution „Erinnerung an die Opfer aller totalitären und autoritären Regimes“ verabschiedete, sollte endlich eines Tages gedacht werden, der bis dahin – und bis heute – fast nur im kollektiven Gedächtnis der Ostmitteleuropäer präsent ist. Die Menschenkette des „Baltischen Weges“ zwischen Tallinn, Riga und Vilnius am 23. August 1989 gehört zu den Ereignissen, die, wie wir heute wissen, den Fall der Mauer vorbereiteten und die Rückkehr der sowjetisch besetzten baltischen Republiken in ihre Unabhängigkeit und Freiheit einleiteten.
Die Erfahrungen der Ostmitteleuropäer werden in Deutschland gern als russophob abqualifiziert

Man hat sich im Westen, besonders in Deutschland immer schwergetan, die Erfahrung der Ostmitteleuropäer zur Kenntnis und ernst zu nehmen, bis heute neigt man dazu, wie die Reaktionen von öffentlicher Meinung und Politik nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zeigen, sie als russophob oder hysterisch abzuqualifizieren. Man will nicht wahrhaben, dass auf die Befreiung Ostmitteleuropas von deutscher Wehrmacht und SS nicht die Entlassung in Unabhängigkeit und Freiheit folgte, sondern eine andere Diktatur, die bis zum Ende der Sowjetunion andauern sollte. Bis in die jüngste Zeit gab es im Bewusstsein der meisten Deutschen den 1. September 1939 – Beginn des Zweiten Weltkrieges – und den 22. Juni 1941 – den Überfall auf die Sowjetunion –, während die Zeit der Interaktion, ja Kollaboration der beiden Diktaturen und das Schicksal der unter doppelte Herrschaft geratenen Völker Osteuropas kaum zur Kenntnis genommen wurden.

Die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands nach 1945 teilte in diesem Sinne das Schicksal einer doppelten Diktaturerfahrung, von der der Westen – glücklicherweise – verschont blieb. In diesem Sinne gibt es einen Erfahrungs- und Erkenntnisvorsprung, den sie mit den Ostmitteleuropäern teilt. Die Topographie des Terrors im mittleren und östlichen Europa ist komplizierter als das west-fixierte Augen wahrzunehmen in der Lage oder willens sind. Der antitotalitäre Konsens, an den der 23. August erinnert, hat sehr wohl etwas mit dem Haus in der Leistikowstraße, dem Ort stalinistischer Herrschaft im Osten Deutschlands, zu tun.
Lore Siebert, Tochter der einst inhaftierten Marlis Steinert, in der Austellung „Im Spiegel der Erinnerung“ in der Gedenkstätte Leistikowstraße.

Dies zu zeigen, ist die große Leistung der Gedenkstätte, besonders auch seiner in den vergangenen Jahren gezeigten Ausstellungen, von denen viele nicht ohne die Mitwirkung von Memorial, der heute von Putin verfolgten und außer Landes getriebenen russischen Geschichts- und Menschenrechtsorganisation. Man kann sie auf der Homepage noch abrufen und lernt dabei, wie viele Wege aus der Leistikowstraße ostwärts, in Stalins Imperium führten – in die Butyrka, nach Workuta, Geschichten vom gestohlenen Leben unzähliger unschuldiger Opfer, darunter auch Sowjetbürger.
Die Wahrnehmung der Verbrechensgeschichte des Stalinismus schärft den Blick auf ein heilloses „Jahrhundert der Extreme“

Ein zweites Argument, von dem man dachte, es werde nicht mehr ernsthaft vorgebracht, nachdem nicht nur die Geschichte des Nationalsozialismus, sondern auch die des Stalinismus erforscht und bearbeitet wurde, lautet, die Erinnerung an die Interaktion und Kollaboration von NS und Stalinismus laufe auf eine „Relativierung“ des NS und des Holocaust, auf die Nivellierung der Unterschiede zwischen NS und Stalinismus hinaus und liefere der Rechten, was immer damit gemeint sein mag, Munition. In manchen, harmloseren Fällen zeugt dieses Argument von Ahnungslosigkeit, was den Stand europäischer Geschichtsarbeit angeht, zu der eben auch die Verbrechensgeschichte des Stalinismus gehört. Es hat nicht nur neue Quellen, sondern auch einen Perspektivwechsel gegeben, der die totalitäre Doppelerfahrung ins Zentrum rückt, die gerade nicht auf Entlastung und Relativierung von Gewalterfahrung hinausläuft, sondern Schärfung des Blicks auf das heillose „Jahrhundert der Extreme“.

Was es bedeutet, beide Totalitarismen ins Auge zu fassen, versteht, wer zwischen die Fronten geraten ist oder wer Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“ gelesen hat. Im Grunde gilt gerade umgekehrt: Jemand, der sich in die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors, des Völkermords, der Shoah hineingedacht und hineingearbeitet hat, der ist erst recht empfänglich für die Gewalterfahrung von Völkern und Gesellschaften, die den Stalinismus erlebt und überlebt haben.

Das Ringen um die angemessene Form des Gedenkens findet nicht in einem abstrakten Raum statt. In einem Augenblick, in dem keine zwei Stunden von Berlin Russland Krieg führt gegen die Ukraine, in dem bis noch vor Kurzem unvorstellbare Kriegsverbrechen begangen wurden, in dem in Putins Rhetorik völkischer Jargon der Nazis und stalinistischer Vernichtungsfuror ineinander übergehen, erscheint die Erfahrung, die in einer Einrichtung wie der in der Leistikowstraße aufbewahrt ist, zu kostbar, um im Streit um Termine und in Kämpfen um Definitionshoheit zerredet zu werden.

Es ist nicht gut, besonders in düsteren Zeiten, wenn in einer wichtigen Auseinandersetzung mit Raumverboten gearbeitet wird. Wie aus den Ankündigungen hervorgeht, gibt es nun zwei verschiedene Veranstaltungen an verschiedenen Orten. Jeder kann sich entscheiden. Wenn man Walter Benjamins Formulierung „Geschichte schreiben heißt, Jahreszahlen ihre Physiognomie geben“ beherzigt, und wenn man den Gedenkort in der Leistikowstraße nicht bloß als ein Stück Lokalgeschichte ansieht, dann spricht einiges für den 23. August als Gedenktag. Aber jeder kann sich selber ein Bild machen.

_Spuren der Vergangenheit_, Wochenblatt "Die Kirche" zum 1.10.23

Einst Pfarrhaus, dann Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Spionageabwehr beherbergt die Gedenkstätte Leistikowstraße Potsdam heute ein zeitgeschichtliches Museum an historischem Ort

VON ULRIKE MATTERN.

Potsdam. Der Weg zur Gedenkstätte Leistikowstraße führt an einem spätsommerlichen Tag per Straßenbahn in ein Potsdamer Villenviertel. Zwischen Pfingstberg und Neuem Garten liegt das ehemalige zentrale Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Militärspionageabwehr. Von 1945 bis 1994 gehörte es zu dem von einer Mauer umgebenen, 16 Hektar großen Sperrgebiet in der Nauener Vorstadt mit Kontrollpunkten und Wachtürmen.

Besucher*innen können seit Mai mit ihrem Smartphone auf einem Audiowalk an 13 Stationen der Geschichte dieses Ortes folgen. Oder sie melden sich zu einer Führung an, die auf dem Innenhof der Gedenkund Begegnungsstätte beginnt. Ein Bronzemodell des sogenannten Militärstädtchens Nr. 7 vermittelt einen Überblick über das damalige Gelände. Im nahe gelegenen Schloss Cecilienhof fand ab dem 17. Juli 1945 die Potsdamer Konferenz statt. Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion entschieden dort über die „4 Ds“: die Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung Deutschlands.

Im ehemaligen Untersuchungsgefängnis in der Leistikowstraße steht das Schicksal der Häftlinge ab 1945 im Fokus der Gedenkstätte. Die Frauen und Männer waren zwischen 14 und 80 Jahren alt. Sie alle wurden nicht rechtsstaatlich verurteilt. Es gab psychische und physische Gewalt; Geständnisse wurden erzwungen. Die Verurteilten kamen in ein Straf- und Arbeitslager in der Sowjetunion oder wurden mit dem Tode bestraft. Unter den Häftlingen befanden sich NS-Verbrecher, aber auch Jugendliche, die durch eine kritische Haltung zur Besatzungsmacht aufgefallen sein sollen. „Die Recherche ist Detektivarbeit“, sagt Josephine Eckert, die uns an diesem Samstagnachmittag durch das Haus führt. „Es gibt keinen Prototyp eines Häftlings.“ Von 1955 bis 1989 waren ausschließlich sowjetische Gefangene inhaftiert. Nach 1991 nutzte die russische Armee das Haus als Materiallager.

Das Treppengeländer in dem ehemaligen Pfarrhaus, der Schmuckbalken in der ersten Etage oder ein später zugemauerter schwarzer Kachelofen weisen auf den Alltag vor der Beschlagnahmung durch den sowjetischen Geheimdienst hin: Im Erdgeschoss war ab 1918 die Evangelische Frauenhilfe aktiv; im Obergeschoss lebte die Pfarrfamilie. Aus dem Kinderzimmer wurde nach 1945 ein Zimmer zur Vernehmung. „Wir finden unglaublich viele Spuren aus verschiedenen Zeiten“, sagt Eckert. So etwa Inschriften von Häftlingen im Keller mit seinen bedrückend engen Zellen, die von Leid und Einsamkeit zeugen.
Ein eingenähter Rosenkranz
Auf einem herzzerreißenden Foto in einer der Vitrinen sitzt Joachim Lange im September 1994, kurz nach der Rückgabe des Areals an die Stadt Potsdam, in einer dieser Kellerzellen auf einem Holzpodest. Lange war als 16-Jähriger wegen des Vorwurfs der Spionage 1947 fünf Monate lang an diesem Ort inhaftiert. Ein eingenähter Rosenkranz im Hosenbund eines 18-Jährigen, braune Strümpfe oder die Wolljacke einer Inhaftierten – viele persönliche Dinge erinnern an gewaltsam gebrochene Lebenswege. Selbst nach der Haftentlassung aus den sowjetischen Lagern im Jahr 1953 mussten die ehemaligen deutschen Inhaftierten in der DDR über ihr Los schweigen; viele von ihnen wussten damals gar nicht, dass sie in Potsdam inhaftiert waren. Die Dolmetscherin Marlise Steinert kehrte nach sechseinhalb Jahren an Silvester zurück. „Sie war so voll von Erinnerungen“, sagt ihre Tochter Lore Siebert an einer Hörstation. Steinert, die 1982 starb, schrieb in ihrer neuen Heimat im niedersächsischen Verden ihre Erfahrungen auf. Die Schicksale anderer Häftlinge ebenso wie ihre genaue Zahl bleiben bis heute unbekannt.

Am Samstag, 30. September, 14.30 Uhr, findet die Führung „Die sowjetische Geheimdienststadt ‚Militärstädtchen Nr. 7’“ statt. Tickets: 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. Treffpunkt: Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam, Leistikowstraße 1. Telefon: 0331/201 15 40, E-Mail: mail@leistikowstrasse-sbg.de, Tickets online unter: www.leistikowstrasse-sbg.de

Potsdamer Neueste Nachrichten am 21.08.2023

Eklat um Leistikowstraße: Verein wird Gedenken im ehemaligen Potsdamer KGB-Gefängnis verboten

Ehemalige Insassen wollten in der Gedenkstätte am 23. August den Opfern des stalinistischen Terrors gedenken. Warum das Anliegen zum Streit mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten führte.
Von Erik Wenk

An welchem Tag soll man den Opfern des stalinistischen Terrors gedenken – am 15. oder am 23. August? Diese Frage hat zum offenen Konflikt zwischen dem Verein „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam“ und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten geführt, zu der seit diesem Jahr auch die Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam gehört.
Seit 2016 hatte der Verein am 23. August, dem Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus, Gedenkveranstaltungen in der Leistikowstraße durchgeführt. In diesem Jahr sollen sie nicht stattfinden. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten verwehrt dem Verein, der sich maßgeblich um den Erhalt des ehemaligen KGB-Gefängnisses verdient gemacht hat, eine Gedenkveranstaltung in der Leistikowstraße am 23. August.

Der Gedenkstättenverein: „Wir sind entsetzt und bestürzt, dass der Gedenktag uns in der Gedenkstätte für die Zukunft verboten werden soll. Ein Verbot bietet sich nicht zur Lösung des Konfliktes an“, heißt es in einer öffentlichen Stellungnahme des Vereins. Selbst ein stilles Gedenken wollte die Stiftung zunächst nicht erlauben, entschied sich dann jedoch um. Der Verein darf am Mittwoch, dem 23. August, in Stille auf dem Hof des ehemaligen Gefängnisses gedenken. Die eigentliche Gedenkveranstaltung des Vereins wird um 18. 30 Uhr im Gärtnerhaus der Villa Lepsius stattfinden, dabei wird auch die lettische Botschafterin sprechen.
Die Gedenkstätte Leistikowstraße hatte stattdessen am 15. August eine offizielle Gedenkveranstaltung durchgeführt, die PNN berichteten. Das Datum wurde gewählt, weil am 15. August 1945 das Haus in der Leistikowstraße offiziell als Gefängnis in Betrieb genommen wurde. Zudem wurde das Gebäude am 15. August 1994 an die Stadt Potsdam zurückgegeben.

„Für alle Einrichtungen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten gilt der Grundsatz, dass Gedenkveranstaltungen einen konkreten Ortsbezug haben sollen“, sagt Gedenkstätten-Leiterin Ines Reich auf Nachfrage der PNN. „Der 23. August als historisches Datum des sogenannten Hitler-Stalin-Pakts weist diesen konkreten Ortsbezug nicht auf.“
Die Gedenkstätte und das Kuratorium der Gedenkstätte hätten den Verein darum gebeten, von Gedenkveranstaltungen am 23. August in der Leistikowstraße „Abstand zu nehmen“, so Reich. Das Angebot, gemeinsam am 15. August das Gedenken zu begehen, war vom Verein abgelehnt worden.

Historiker kritisiert Stiftung
Aus Sicht des Vereins gibt es gute Gründe, am 23. August festzuhalten. Der Gedenktag wurde 2008 in der „Prager Erklärung“ vorgeschlagen, zu deren Unterzeichnern unter anderem Vaclav Havel und Joachim Gauck gehörten. 2009 wurde der Gedenktag mit großer Mehrheit des Europaparlaments beschlossen.
„Es ist der einzige überregionale Gedenktag, der an die Opfer des Stalinismus erinnert“, heißt es im Statement des Vereins. Das Datum bezieht sich auf den 23. August 1939, als der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion geschlossen wurde, in dem Hitler und Stalin Europa zwischen sich aufteilten.
Der antitotalitäre Konsens, an den der 23. August erinnert, hat sehr wohl etwas mit dem Haus in der Leistikowstraße zu tun.

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Neuer Vorstand vom Gedenkstättenverein gewählt

Pressemitteilung: Auf der Mitgliederversammlung des „Gedenk- und Begegnungsstätte ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam e.V.“ wurde am 30. Oktober 2019 ein neuer Vorstand gewählt.

Zur ersten Vorsitzenden wurde Gisela Rüdiger gewählt, zum zweiten Vorsitzenden der bisherige zweite Vorsitzende Bernhard Kaltenbach, zur Schatzmeisterin Elisabeth Jansen, zur Schriftführerin Kerstin Walther. Als weitere Vorstandsmitglieder wurden die Zeitzeugin Margot Bonk und der Historiker Dr. Richard Buchner gewählt.

Gisela Rüdiger ist seit der Gründung des Vereins im Jahr 2003 Mitglied des Vereins. Sie war von 1991 bis 2008 Leiterin der Außenstelle des Bundesbeauftragten der Stasi- Unterlagenbehörde in Potsdam. Sie übernimmt das Amt von dem bisherigen Vorsitzenden Dr. Richard Buchner.

Der Vorstand dankte Dr. Buchner für seine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit, seinem unermüdlichen und von Herzen kommenden Einsatz für die unschuldig Verfolgten des sowjetischen Terrorsystems. Er hat viele Zeitzeugengespräche und weitere Veranstaltungen durchgeführt. Sein umfangreiches fundiertes Wissen über die Stalinistische Schreckensherrschaft hat stets geholfen, die Verbrechen, die in dem ehemaligen sowjetischen Untersuchungsgefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße verübt worden sind, besser zu verstehen.

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Unschuldig zu Tode verurteilt

Vor 73 Jahren sind vier Schüler vom Sowjetischen Geheimdienst aus dem Potsdamer Einstein-Gymnasium geholt worden. Nur einer hat überlebt.

von Naima Wolfsperger in PNN am 18.04.2019

Potsdam – Vor 73 Jahren, am 18. April 1946, sind die Schüler Joachim Douglas, Klaus Tauer und Kurt Eylert erschossen worden. 1945 wurden sie und ihr Freund Hermann Schlüter vom Sowjetischen Geheimdienst aus ihren Klassen im Einstein-Gymnasium geholt. Margot Bonk, geborene Douglas, erinnerte sich zum Jahrestag in der Gedenkstätte Leistikowstraße an ihren Bruder. Seiner und seiner Freunde ist am Mittwoch in einem Zeitzeugengespräch gedacht worden.

Zehn Tage, nachdem er und seine Freunde aus der Klasse gezogen wurden, sei ihr Bruder Joachim wieder nach Hause gekommen, erzählt Bonk. Er und seine Freunde sind in einer Villa in der Geschwister-Scholl-Straße verhört worden – „man hat ihnen Werwolf-Tätigkeiten vorgeworfen“, erklärt die 79-Jährige.

Als Werwölfe galten nach dem Zweiten Weltkrieg Männer, die im Geiste des Nationalsozialismus Anschläge gegen die Alliierten verübten oder sich an „Verrätern“ des NS-Deutschlands rächten. Ein Vorwurf, der den Jungen nie nachgewiesen wurde. Trotzdem mussten die Schüler in den folgenden Monaten regelmäßig zu Verhören. Joachim Douglas letzter Termin war an Heiligabend 1945. „Joachim ging und kam nicht mehr zurück“, sagt Bonk.

Sie habe die Geschichte schon häufig erzählt, einfacher werde es nicht – auch nach so vielen Jahren nicht. Sie erinnere sich noch zu gut, an den Wachturm des Militärtribunals in der Villa Herzfeld an der Geschwister-Scholl-Straße, auf dem immer ein Wachmann zu sehen war. An ihren Vater, der dort immer wieder Kleidung und Essen für den einzigen Sohn abgab. Eines Tages habe man nichts mehr angenommen. „Der Joachim sei weg, hieß es dann. Und niemand sagte uns, wo er ist.“
Man hatte die vier Schüler in die Leistikowstraße gebracht und sie dort verhört und gefoltert. Schließlich wurden sie zum Tode verurteilt. Joachim Douglas, Kurt Eylert und Klaus Tauer waren damals 16 Jahre alt, Hermann Schlüter 15.
„Klar ist: Jedem, der von 1945 bis etwa 1953 in die Leistikowstraße kam, wurde von den Sowjets vorgeworfen, ein Nazi zu sein“, sagt Richard Buchner, Vorsitzender des Gedenkstättenvereins. Manche seien an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt gewesen, sagt er. „Viele waren aber unschuldig.“ Deshalb widmet er den Gedenktag den „unschuldigen Opfern“ der Besatzungsmacht.

Die vier Schüler hätten Gnadengesuch einreichen dürfen und das auch getan. „Mindestens 80 Prozent dieser Gesuche von Häftlingen aus der Leistikowstraße wurden abgelehnt“, sagt Buchner. Nur das Gnadengesuch des 15-jährigen Schlüter wird angenommen, er wird zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt. Er überlebt und stirbt 2018 im Alter von 88 Jahren.

Keine genauen Informationen:
Laut den Unterlagen aus der Besatzungszeit seien die anderen drei im Potsdamer Umland erschossen worden. Über die genauen Umstände und den Ort gibt es keine Informationen.
Bonk hat nach der Wende die Akten gegen ihren Bruder angefordert. Sie bekommt Verhörprotokolle. „Es gab keine Beweise gegen meinen Bruder, das geht daraus klar hervor“, sagt sie.

 

Gedenkstättenverein KGB-Gefängnis